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BOCHUM: Tschüss Ruhr Uni

Du wirst mir fehlen

Du wirst mir fehlen

Es ist ein schöner Tag, den ich mir zum Abschied von der Ruhr Universität ausgesucht habe. Es ist kalt, aber trocken und klar und die Sonne scheint vorwitzig zwischen den grauen Betonklötzen hindurch, als ich über die Unibrücke in Richtung Bibliothek gehe. Heute bin ich zum letzten Mal hier. Die Exmatrikulationsunterlagen habe ich im Rucksack, die letzten Bücher sind schon längst abgegeben. Nur noch meine Sachen aus dem kleinen Hilfskräfte-Büro abholen, mich verabschieden, Schlüssel abgeben. Das war's dann.

Gebäude-Wirrwarr entschlüsselt

Als ich »mein« GA-Gebäude betrete, steigt trotz des wenig anheimelnden Ambientes ein wenig Wehmut in mir auf. Immerhin bin ich hier fünf Jahre fast jeden Tag gewesen und habe das verwirrende Labyrinth an Gebäuden, Ebenen und Durchgangswegen komplett entschlüsselt. Ich weiß, welcher Aufzug mit größter Wahrscheinlichkeit kaputt ist und vor welchen Klos sich die längsten Schlangen bilden. Wo welcher Professor sitzt und welche kulinarischen Angebote man in der Cafeteria eher meiden sollte. Ich erinnere mich plötzlich an meinen letzten Schultag. Damals hatte ich dasselbe Gefühl. Heute ist die alte Penne verblasst zu einer freundlichen Erinnerung.

Nie wieder Hiwi

Unser Büro sieht genauso chaotisch aus wie immer. Ich packe meine wenigen Bücher zusammen und die Kaffeetassen, die so manchen Vormittag beim Endlos-Klönen gute Dienste geleistet haben. Die Hefter mit neuem Material, die zur Bearbeitung auf dem Tisch liegen, ignoriere ich. Mein Vertrag ist ausgelaufen, sollen sich meine Nachfolger an beinahe unmöglichen Rechercheaufträgen, fehlgeleiteten Informationsanfragen und englischen Korrekturfahnen die Zähne ausbeißen. Ich will gerade den Schlüssel abgeben, als mich im Flur eine neue Lehrbeauftragte anspricht. »Sind Sie eine Hilfskraft vom Professor? Ich bräuchte da dringend Kopien für mein Seminar.« »Tut mir leid, aber ich bin nur noch hier zum Schlüssel abgeben«, sage ich und füge in Gedanken hinzu, dass es nicht schaden kann, sich auch mal selber mit dem Kopierer zu beschäftigen. »Ja dann...«, antwortet die Dame ratlos, so dass ich ihr nur noch den Tipp geben kann, im Sekretariat nach den neuen Präsenzzeiten der Hilfskräfte zu fragen.

Liebgewonnene Klischees

Was wird mir fehlen? Das hässliche Verwaltungsgebäude nicht. Gut ist, ab jetzt muss ich nie mehr »meine« Uni in Schutz nehmen, weil sie so scheußlich aussieht. Wahrscheinlich werde ich auch den doofen Spruch, »Ruhr Uni? Das ist doch die mit den meisten Selbstmördern, oder?«, kaum noch hören. Da gab's dann immer meine Standardantwort: »Aber nur, weil andere Unis keine Selbstmordstatistiken veröffentlichen.« Gut, das wird mir weniger fehlen. Ebenso wie der scheußliche Automatenkaffee. Eher schon der Botanische Garten im Süden des Campus. Aber, so meldet sich ein neuer Gedanke, keine Kämpfe mehr um die Computerarbeitsplätze in der Bibliothek. Hin und her, Erleichterung versus Wehmut. Fakt ist: Die Uni ist nicht schön, sie hat ein trübes Image. Aber ein bisschen lieb gewonnen habe ich sie trotzdem während der letzten fünf Jahre. Studium zu Ende, aus, das war's. Die Ruhr Uni wird mir fehlen. (ts)

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