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Interview: "Die Kinder müssen lernen zu lernen"

Als erstes Bundesland will Bayern alle Kindergärten und Krippen verpflichten, Bildungsstandards einzuhalten. Familienministerin Christa Stewens (CSU) über die Kita der Zukunft.

Wollen Sie den Kindergarten neu erfinden?

Das wäre Hochstapelei. Der bayerische Bildungs- und Erziehungsplan kehrt zurück zu einem Gedanken, den schon Humboldt, Pestalozzi und Montessori betont haben: Frühkindliche Bildung ist ungeheuer wichtig. Wir wollen gezielt die Wissbegierde der Kinder befriedigen, die Kleinen entsprechend fördern.

Wie sieht das konkret aus?

Wir müssen die sprachliche, die naturwissenschaftlich-technische und die musische Förderung ausbauen, aber auch neue Akzente setzen. Neu ist zum Beispiel das Feld Mathematik. Kleine Kinder sind sehr neugierig, was Zahlen, Mengen und geometrische Formen anbelangt. Besonderen Wert legen wir darauf, jedes Kind gezielt in seiner Persönlichkeit zu stärken: seine Stärken zu stärken und seine Schwächen zu schwächen. Soziale Kompetenzen sollen ebenfalls gefördert werden. Kinder müssen lernen, über das, was sie empfinden, auch zu sprechen. Und sie müssen lernen zu lernen.

Donata Elschenbroich, Autorin des Bestsellers "Weltwissen der Siebenjährigen", behauptet: "Der Schatz der frühen Kindheit verkommt in dieser Republik." Würden Sie dem zustimmen?

Teilweise ja. Die Unterschiede zwischen den Kitas sind groß, das weiß ich aus eigener Erfahrung mit neun Enkeln. Deswegen sind einheitliche Standards wichtig. Nach der Pilotphase wird unser Bildungsplan gesetzlich verankert. Ab Herbst 2005 muss er von allen Kindergärten und -krippen in Bayern umgesetzt werden. Das Testjahr werden wir intensiv für die Weiterbildung der Erzieherinnen nutzen.

Wie wollen Sie sicherstellen, dass sich alle an den Plan halten?

Davon wird künftig die staatliche Förderung abhängen. Außerdem wird es regelmäßig Elternbefragungen in allen Kitas geben, die Ergebnisse werden veröffentlicht.

Sie fordern eine Bildungs- und Erziehungspartnerschaft mit den Eltern. Was ist darunter zu verstehen?

Bisher geben viele Eltern ihr Kind an der Türe ab und sagen sich: Der Kindergarten wird?s schon richten. Kurz vor der Einschulung interessieren sie sich dann plötzlich für die Entwicklung ihres Kindes. Wir wollen die Eltern in die Verantwortung nehmen. Die Erzieherinnen werden für jedes Kind eine Art Entwicklungstagebuch führen und es mit den Eltern durchsprechen.

Können Sie Ihren Bildungsplan nicht vergessen, solange Sie Kita-Gruppen mit bis zu 24 Kindern haben?

Er ist so schwieriger umzusetzen als in kleineren Gruppen. Aber Qualität in der Kinderbetreuung ist nicht in erster Linie eine Frage der Gruppenstärke, sondern der angewandten Lernmethoden. Hier ist der Bildungs- und Erziehungsplan eine wertvolle Hilfe.

Kritiker sagen, Deutschland sei Notstandsgebiet, was die Erzieherinnenausbildung anbelangt. Müssten Erzieherinnen nicht, wie in fast allen Nachbarländern, an Fachhochschulen oder Unis studieren?

Wir reformieren auch die Ausbildung der Erzieherinnen an den Fachakademien mit Blick auf den Bildungsplan. Es muss aber weiterhin für junge Frauen mit mittlerer Reife möglich sein, Erzieherin zu werden. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass in Zukunft noch mehr studierte Sozialpädagogen in Kindergärten und -krippen arbeiten.

Müssten Kitas nicht als Bildungseinrichtungen definiert werden und - wie die Schule auch - gebührenfrei sein?

Wir werden die Qualität verbessern und mehr Plätze schaffen. Dafür brauchen wir auch in Zukunft einen finanziellen Beitrag der Eltern. Im Vergleich zu anderen Bundesländen ist er in Bayern mit durchschnittlich 70 Euro pro Kind und Monat nicht hoch.

Interview: Catrin Boldebuck und Anette Lache / print
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