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INTERVIEW: Mythos Mappe

Wer an einer Kunsthochschule studieren will, muss vorher Proben seines Talents einreichen. Bewerber rätseln: Was ist das Geheimnis einer guten Mappe? Fritz Haase, Professor für Design, gibt einige Ratschläge.

stern spezial:

Herr Haase, was können Bewerber tun, damit ihre Mappe gut ankommt?

Haase:

Es gibt kein Rezept. Nur eins ist sicher: Es geht nicht darum, dass die künftigen Studentinnen und Studenten schon fantastisch zeichnen können und alle möglichen Techniken beherrschen. Wir suchen Kreativität und Originalität, die besondere Sichtweise. Es reicht nicht, wenn jemand ein hübsches Porträt seiner Großmutter einschickt. Manchmal kommen dann hinterher die Eltern und sagen: »Unser Sohn hat seine Oma auf dem Bild doch ganz toll getroffen! Sie haben sein Talent unterschätzt!« Denen kann ich anhand von kreativen Mappen sehr schnell zeigen, worauf es ankommt.

Gibt es Kriterien, nach denen Sie Mappen bewerten, oder zählt vor allem der persönliche Geschmack der Professoren?

Um möglichst objektiv zu urteilen, ist unsere Prüfungskommission mit mindestens drei Professoren und ein oder zwei Studenten besetzt. Jeder verteilt dann Punkte. Wer 60 oder mehr erreicht, wird zum Aufnahmetest eingeladen. Bei einer überzeugenden Mappe muss für uns eine gewisse künstlerische Reife erkennbar sein. Und wir gucken, ob wir da einen Bauchladen voller Krimskrams vorfinden oder eine konzeptionelle Linie entdecken. Zum Schluss überlegen wir noch: Welche Sicht von der Welt haben die Bewerberinnen und Bewerber, inwieweit können sie abstrahieren?

Was kann man falsch machen?

Wenn jemand zum Beispiel eine Mappe mit Fotos einreicht, und auf dem einen sehen wir Architektur, auf dem nächsten eine Landschaft und auf dem dritten ein Porträt, lässt sich schlecht herausfinden, was denjenigen eigentlich interessiert. Und wenn jemand Kommunikationsdesign studieren will, dann aber alles kompliziert und verschlüsselt verpackt und um zu viele Ecken denkt, kriegen wir Zweifel, ob der- oder diejenige sich tatsächlich für das Studium eignet. Das Gleiche gilt für alle, bei denen man sieht, dass sie nur Aufgaben aus dem Kunst-Leistungskurs abgearbeitet haben.

Gibt es Mappen, die Sie besonders beeindruckt haben?

Klar, aber die beschreibe ich jetzt nicht. Ich habe gute Mappen früher in Studienberatungen gezeigt, und dann flatterten uns ein Jahr später etliche Kopien davon ins Haus. Das hat natürlich überhaupt nichts genützt. Die Ideen müssen schon die Bewerber haben. So kam letztes Mal jemand mit einem Kleiderständer an, da hingen T-Shirts dran. Das war zwar originell, aber die T-Shirts waren leider fantasielos. Wir kriegen die verrücktesten Dinge präsentiert, aber auch das ist keine Gewähr für eine Einladung zum Aufnahmetest. Es gibt ganz kleine, unscheinbare Mappen, in denen brennt dann ein Feuerwerk ab. Die Leute wollen wir haben.

Interview: Asmus Hess

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