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Kinder zwischen Pflicht und Liebe: Eltern pflegen statt Selbstverwirklichung

2015 schmiss Beate Gätke ihre Festanstellung und eröffnete ihr eigenes Café. Der Laden brummte, sie liebte die Selbständigkeit. Doch dann machte ihr das Leben einen Strich durch die Rechnung - ihre Eltern wurden Pflegefälle. 

Von Sandra Hermes

Auch das ist Pflege: Sich kümmern, ansprechbar sein und mitfühlen. Beate Gätke und ihre an Parkinson erkrankte Mutter unterwegs in Hamburg.

Auch das ist Pflege: Sich kümmern, ansprechbar sein und mitfühlen. Beate Gätke und ihre an Parkinson erkrankte Mutter unterwegs in Hamburg.

Guter Kaffee ist ihre Leidenschaft. Wenn man Beate Gätke zuhört, kann man den Duft frisch gemahlener Espressobohnen schon fast riechen. Mit 47 Jahren und nach 11 Jahren als Festangestellte in einem Verlag wagte die Hamburgerin den Schritt in die Selbständigkeit. Sie tauschte ihren Bürojob gegen ein kleines Café im Hamburger Stadtteil Bergedorf, den Computer gegen eine la marzocco-Kaffeemaschine. "Geplant war die berufliche Kehrtwende eigentlich nicht", erzählt sie. Das Geschäft einer Bekannten stand zum Verkauf und die Entscheidung musste schnell fallen. So spiele manchmal das Leben, berichtet sie unaufgeregt und zuckt mit den Schultern.

Dann lässt sie das Jahr 2015 Revue passieren und ihre Augen beginnen zu leuchten. Gemeinsam mit ihrem Mann ließ sie sich in Sachen Kaffeebohnen und -maschinen fortbilden. Ihr Engagement und ihre Liebe zum Detail wussten die Bergedorfer offenbar zu schätzen. Der Umsatz stieg, die Arbeitstage wurden lang und länger. Beate Gätke spürte, was Selbständigkeit bedeutet: viel Herzblut, direktes Feedback und Arbeitswochen von bis zu 70 Stunden. Das Familienleben verlagerte sich ins Café. Ihr Ehemann und die beiden jugendlichen Töchter packten mit an und unterstützen Mama nach Kräften. Zu tun gab es immer.

Der Tag, der alles änderte

Und dann kam der Tag, an dem sich alles ändern sollte.  Beate Gätkes Vater wurde schwer krank. "Er hat sich von einem Tag auf den anderen ins Bett gelegt und gesagt, dass er erschöpft ist und keine Lust mehr hat", erinnert sich die Tochter und blickt traurig auf ihre Hände. Als er nach zwei Wochen endlich überzeugt werden konnte, ins Krankenhaus zu gehen, war der Druck im Gehirn des 80-Jährigen schon lebensbedrohlich gestiegen. "Demenz im Anfangsstadium und ein schwaches Herz", diagnostizierten die Ärzte in der Asklepios Klinik in Hamburg-Altona. Da sich Wasser im Gehirn gesammelt hatte, wurde er sofort operiert. Für sein schwaches Herz konnten sie dagegen nichts mehr tun. Von jetzt auf gleich lag ihr Vater sterbenskrank im Krankenhaus. Es war furchtbar, erzählt Beate Gätke. "Das Café lief wahnsinnig gut und ich konnte einfach nicht weg. Ich habe es drei Wochen lang nicht geschafft, meinen Vater zu besuchen", sagt die warmherzige Frau heute kopfschüttelnd. "Das war der Moment, in dem ich wusste, dass etwas falsch lief!" Das Café war ein Erfolgsprojekt, sie hatte großen Spaß an ihrem neuen Job, an der Selbständigkeit und der Bestätigung ihrer vielen zufriedenen Stammkunden. Aber ihr wurde schlagartig bewusst, dass sie ihren Vater hätte verlieren können, während sie einen doppelten Espresso aufbrühte. "Er hätte sterben können und ich hätte ihn nicht mehr gesehen."

Erst die Eltern, dann der Job

Alltagsstütze: Beate Gätke unterwegs mit ihrer Mutter. Die Mehrheit der 2,6 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland wird von den Angehörigen unterstützt.

Alltagsstütze: Beate Gätke unterwegs mit ihrer Mutter. Die Mehrheit der 2,6 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland wird von den Angehörigen unterstützt.


Die Hamburgerin mit dem dunklen Pagenkopf handelte schnell und konsequent. Nach nur einem Jahr "Café Gätke" verkaufte sie im April 2016 das Geschäft und suchte sich wieder eine Festanstellung im Einzelhandel. Sie gab ihr Raum, ihren Vater zu pflegen und ihre ebenfalls kranke Mutter mehr zu unterstützen. Die 72-Jährige erkrankte bereits vor 20 Jahren an Parkinson, kommt aber im Alltag noch ganz gut zurecht. "Sie ist eine Kämpferin", sagt Gätke mit leichtem Stolz in der Stimme. Seit sie die Diagnose hat, wehrt sie sich gegen die Krankheit und versucht, die Kontrolle über ihr Leben zu behalten. Sie ist froh, dass ihre Tochter sich nun um ihren Vater kümmert und ihr bei Einkäufen, Behördengängen und der Bürokratie mit Kranken- und Pflegekasse hilft. Vor seiner plötzlichen Erkrankung hat das ihr Mann übernommen. Dass ihre Tochter aus Liebe und Pflichtgefühl ihr Geschäft aufgegeben hat, wissen ihre Eltern nicht. "Ich möchte nicht, dass sie sich mir gegenüber verpflichtet fühlen", erklärt sie bescheiden. Beates Vater lebt mit seiner Demenz im Hier und Jetzt und weiß am nächsten Tag oft nicht mehr, dass seine Tochter da war. Das Haus verlässt er nur noch selten. Die Mutter aber scheint zu spüren, was sie an ihrer Tochter hat. "Früher", erinnert sich Beate Gätke, "hatten wir eher ein distanziertes Mutter-Tochter-Verhältnis. Wenig nah, wenig körperlich, wenig herzlich." Jetzt verabschiedet sich die Mutter völlig überraschend mit Sätzen wie "Ich hab‘ mich gefreut, dass du da warst!", erzählt sie lächelnd.

Familien im Ausnahmezustand


Beate Gätkes Familie weiß, dass ihr Alltag derzeit noch verhältnismäßig einfach ist. Denn mit der häuslichen Altenpflege haben sie bereits leidvolle Erfahrungen gemacht. Beates Mann Tobias kümmerte sich drei Jahre lang um seine Mutter. Auch er legte damals seinen Beruf als selbständiger Fotograf auf Eis. Wie jährlich rund 280.000 Deutsche erkrankte seine Mutter 2006 an Demenz. Zwei Jahre vor ihrem Tod im Juli 2016 kam die Familie an ihre Grenzen. Die nächtliche Unruhe der Mutter raubte auch Tobias Gätke viel zu häufig den so dringend benötigten Schlaf. Er war im Dauereinsatz. Das Familienleben litt, die Ehe wurde auf eine harte Probe gestellt, die jüngere Tochter konnte sich nicht mehr an schöne Momente mit ihrer Oma erinnern. Die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte Tobias Gätkes Mutter in verschiedenen Pflegeeinrichtungen. Auch wenn er wusste, dass es nicht mehr anders ging, hört man Bedauern in seiner Stimme, wenn der Hamburger heute über die Situation spricht.

Bei Beates Mutter beschränkt sich die Pflege derzeit noch auf die Unterstützung ihres Alltags. Schwieriger sei die Betreuung des dementen Vaters. "Es ist, als kümmere man sich um ein hilfloses Kind. Doch leider ohne die schönen Momente, ohne den Blick in die Zukunft", erzählt Beate Gätke und seufzt. Was er mit einem Rasierer tun soll, hat ihr Vater ebenso vergessen wie das Bedienen einer Kaffeemaschine. Zur Körperpflege braucht er bei jedem Handgriff Hilfe. Es sei ein Segen, dass ihm das alles nicht peinlich ist, sagt seine Tochter.

Die Familie ist Deutschlands größter Pflegedienst


Wie die Eltern von Beate Gätke, wird die große Mehrheit (71 Prozent) der 2,6 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland zu Hause versorgt. 1,25 Millionen Alte, Kranke oder Menschen mit Behinderung, so das Statistische Bundesamt, werden allein durch Angehörige gepflegt. In 616.000 Fällen übernehmen ambulante Pflegedienste einen Teil oder alle Aufgaben. Die Familie ist Deutschlands größter Pflegedienst. Angehörige wie die Gätkes wollen dafür keine besondere Anerkennung. Wenn sie über den Alltag mit den Eltern sprechen, geschieht das nicht schicksalsergeben oder verzagt. Sie tun einfach das, was ihnen ihr Herz sagt und hören dabei genau zu, was Beates Mutter sagt. Denn in ein Heim möchte sie nicht. Und auch gegen eine Altenpflegerin, die ganz bei ihnen einzieht, hat sie Vorbehalte. "Sie tut sich schwer damit, Hilfe anzunehmen und will so lange wie möglich selbstständig sein", erzählt Beate Gätke verständnisvoll. "Aber es ist natürlich klar, dass ihre Krankheit unheilbar ist und sich die Situation immer weiter verschlechtern wird. Darauf versuche ich flexibel zu reagieren." Die Gätkes wissen, dass die Pflege beider Eltern künftig noch mehr von ihnen verlangen wird. Auch wenn sich die Arbeit mit Beates älterem Bruder, der direkt nebenan wohnt, auf drei starke Schultern verteilt. Das Haus ist groß genug für eine Pflegerin, die dann auch nachts in der Nähe wäre. Das sei für die Zukunft sicher eine Option, so Beate Gätke.

Am Rande des finanziellen Ruins


Aber auch das ist nicht nur eine Frage des bequemsten Weges, sondern kostet viel Geld. Geld, das noch für einen Heimplatz reichen muss, wenn eine häusliche Pflege nicht mehr funktioniert. Die Heimunterbringung von Tobias Gätkes demenzkranker Mutter habe rund 2500 Euro im Monat gekostet. Nur rund die Hälfte konnte die Mutter selbst aufbringen. Für viele Familien ist das finanziell kaum zu stemmen. Auch wenn der Staat seine Unterstützung verbessert.

Mit den zum 1.1.2017 in Kraft tretenden Neuregelungen im Familienpflege­zeitgesetz und im Pflegezeitgesetz können Pflegbedürftige mit einem höheren Pflegegeld und Pflegesachleistungen rechnen. Der Höchstsatz der neuen Pflegegrade 1 bis 5, die die Pflegestufen 1 bis 3 ablösen werden, liegt dann bei 1995 Euro. Eine andere, wichtige Form der Unterstützung erfahren pflegende Angehörige schon seit 2015. Mit der Einführung der Pflegezeit und der Familienpflegezeit, haben Angestellte einen Anspruch auf eine befristete Freistellung oder auf eine längerfristige Reduzierung ihrer Arbeitszeit auf bis zu 15 Stunden. Zusätzlich helfen zinslose Darlehen, die Verdienstausfälle aufzufangen. Eine große Entlastung für alle, der die Pflege ihrer Eltern, ihres Partners oder eines kranken Kindes in dieser Lebensphase wichtiger ist als ihre Karriere.

Pflege kann an der Liebe nagen

Wenn man so viel Energie in die Pflege der Eltern steckt, wenn man so viel aufgibt, um mit Herz und Seele da sein zu können, erwartet man das dann auch für das eigene Alter? "Nein!", sagt Beate Gätke entschieden. "Dafür liebe ich meine Töchter zu sehr!" Die Zwei sollen ihr eigenes Leben führen. Sie würde später lieber in ein Heim gehen, als von ihnen abhängig zu sein. "Selbst, wenn sie es wollen, ich würde das nicht annehmen können", ist sie überzeugt. "Es ist", so weiß sie, "so schwer bei der Pflege nicht die Liebe zu verlieren."

Gute Pläne für die Zeit danach

Und die berufliche Zukunft? Plant sie schon ein "Café Gätke 2.0"? Das vielleicht nicht unbedingt. Aber die Gastronomie sei in jedem Fall ihre Leidenschaft geworden. Wenn die Umstände es irgendwann wieder zulassen, würde sie sehr gerne wieder in diesem Bereich arbeiten, so Gätke optimistisch. Wieder auf interessante Menschen treffen, ihnen gutes Essen oder guten Kaffee servieren, direktes, ehrliches Feedback auf ihre Arbeit bekommen. Das war toll. Ein Büromensch sei sie eigentlich nie gewesen. "Du hast dich verändert in diesem Jahr", findet ihr Mann. Taffer und selbstbewusster habe die Selbständigkeit seine Frau gemacht, sagt er und lächelt sie an. Und dann fangen die beiden Kaffee-Experten doch mit einem Augenzwinkern an, über neue Café-Locations in Hamburgs Osten zu reden. 

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