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Meinung

Abschluss mit Makel?: Das Corona-Abi soll weniger wert sein? Lasst euch nicht verunsichern.

Der Abitur-Jahrgang 2020 muss einiges schlucken. Große Feiern sind nicht möglich, Kritiker schreiben dem "Corona-Abi" gar einen Makel zu. Unsere Autorin rät den Absolventen: Lasst euch euren Abschluss nicht madig machen.

Abitur 2020

Wer in diesem Jahr sein Abitur macht, muss viele Einschränkungen und Besonderheiten hinnehmen (Symbolbild)

Getty Images

Lieber Abi-Jahrgang 2020,

ihr habt eure Prüfungen gerade hinter euch oder steckt mitten drin. Bei mir ist das ganze jetzt zehn Jahre her. Ich erinnere mich noch an die Anspannung, den Schweißgeruch in den Prüfungsräumen, an die erleichterten Umarmungen und schließlich an die große Abschlussfeier, auf der rührige Reden gehalten wurden und wir uns gezwungen sahen, mit unseren Eltern zu tanzen. All das hat das Abitur für uns groß gemacht, vielleicht größer als es eigentlich ist. Es tut mir leid, dass ihr diese Erfahrungen in diesem komischen Jahr nicht machen könnt. Ihr hättet sie verdient.

Ich möchte euch aber auch sagen, dass das Abitur in vielerlei Hinsicht nicht den bedrohlichen Ruf verdient, den es gerade in diesen Zeiten bekommt. Und es ist auch nicht weniger wert, weil es Corona gab. Erst einmal habt ihr mindestens zwölf Jahre Schule hinter euch gebracht, die kann auch das bösartigste Virus euch nicht nehmen. Das Abitur ist ein Abschlusszeugnis, ja. Aber es ist eben auch nur das Zeugnis eures Abschlusses, es steht nicht für eure gesamte Schullaufbahn. Nicht für die persönliche Entwicklung, die ihr gemacht habt, nicht für die Auf und Abs, nicht für die Freundschaften, die ihr geschlossen habt und die wertvoller sind als ein Stück Papier. In ein paar Jahren werdet ihr lächeln über die ganze Aufregung darum. 

In zehn Jahren fragt niemand mehr nach den Abitur-Noten

Das ist eben der ganze Irrwitz, dass die Dinge einem immer nur dann riesig vorkommen, wenn man unmittelbar drinsteckt. Man geht in die Schule und arbeitet jahrelang auf den Abschluss hin. Man fängt an zu studieren oder eine Ausbildung zu machen und dann gibt es dieses neue Ziel, diesen neuen Abschluss. Das Abitur kommt uns da schon viel kleiner vor. Es ist noch nicht lange her, da saß ich an meiner Master-Arbeit und es gab Tage, an denen ich das Gefühl hatte, mein Leben hinge von diesem Abschluss ab. Die Bachelor-Arbeit erschien dagegen wie ein Witz, vom Abitur ganz zu schweigen. Am Ende ist auch die Master-Arbeit nur eine Prüfung gewesen. Und Prüfungen neigen leider dazu, sich unnötig aufzuplustern.

Und wenn ihr mir jetzt sagen wollt, ja, das stimmt ja alles, aber ohne ein gutes Abitur bekomme ich keinen vernünftigen Job, dann möchte ich auch hier den Kopf schütteln. Ich darf das, ich bin zehn Jahre älter als ihr. Noch älter sind die Menschen, die in Verbänden und anderen Organisationen seit Monaten darüber sprechen, ob das Abitur weniger Wert sein könnte und ob es einen Ausgleich braucht. Vielleicht ist das auch das Problem. Erinnerungen sind bekanntlich flüchtig. Ich erinnere mich allerdings noch ziemlich genau daran, dass ich in den letzten zehn Jahren nicht ein Mal nach meinen Abiturnoten gefragt wurde. Und ich habe viele Jobs gemacht, kleinere und größere. Ihr braucht in vielen Fällen einen bestimmten Notendurchschnitt, um in Studiengänge reinzukommen, das stimmt. Aber es gibt viele Wege, den Numerus clausus zu umgehen. Wartesemester, Auswahlverfahren, Einklagen, Freiwilliges Soziales Jahr, andere Städte, andere Länder etc. Ich kenne niemanden, der es am Ende nicht irgendwie geschafft hätte, in seinem Herzens-Studiengang angenommen zu werden – wenn es denn wirklich ein Herzenswunsch war. 

Das Märchen über die verlorene Zeit

Und zum Thema Wartesemester: Nehmt euch die Zeit. Denn das ist vielleicht der nächste große Irrtum im Schulalltag; dass ihr keine Zeit hättet, dass es immer schnell vorangehen muss. Ich gehörte damals zu dem ersten Jahrgang in Hamburg, der sein Abitur in zwölf statt 13 Jahren absolvieren sollte. Die Gründe dafür schienen mir auch damals fadenscheinig, aber immer wieder wurde uns gesagt, wir hätten dadurch ein Jahr mehr Zeit. Ein Jahr mehr Zeit wofür, kann man sich fragen. Für den Rest meines Lebens? Dankeschön. Wenn ihr ein bisschen aus dem Schultakt heraus seid, werdet ihr feststellen, dass die Zeit immer schon nur euch gehört hat. Ihr müsst jetzt noch nicht wissen, was ihr studieren wollt, welche Ausbildung ihr anfangen möchtet, ob ihr überhaupt einen dieser Wege gehen wollt. Es gibt so viele. Und es gibt viel, viel Zeit, sie zu entdecken.

Die Schüler sind mit der aktuellen Abitur-Situation überfordert

In diesen Dingen ist Corona sogar ein guter Lehrmeister. Das Virus zwingt uns alle, innezuhalten und unsere Eile zu überdenken – auch euch. Nutzt diese erzwungene Pause, bringt Abstand zwischen euch und die Schule. Das muss nicht vor balinesischer Strandkulisse passieren, dafür reicht auch ein Rucksacktrip durch den Schwarzwald. Ich bin mir sicher, das Abitur wirkt schon kleiner, wenn ihr zurück seid. Und wenn ihr schließlich in Bewerbungsgesprächen für Jobs oder Ausbildungsstellen sitzt, werden eure Persönlichkeit und eure Fähigkeiten wichtiger sein als die Abiturnote oder das Jahr, in dem ihr euren Abschluss gemacht habt. Ganz sicher.

Alles Gute zum bestandenen Abitur! 

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