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Erziehungstipps aus Österreich: Übers-Knie-Legen und "Ohrenzieher" sind okay

Mit seinem Erziehungstipp hat ein österreichischer "Die Presse"-Redakteur großen Wirbel ausgelöst. Er riet am Beispiel seines Dreijährigen: "Mit guten Worten und etwas Gewalt erreicht man stets mehr."

Von Susanne Baller

Der "Ohrenzieher" ist kein probates Erziehungsmittel, sondern Gewalt gegen Kinder

Der "Ohrenzieher" ist kein probates Erziehungsmittel, sondern Gewalt gegen Kinder

Am vergangenen Wochenende hat Redakteur Wolfgang Greber für das Familien-Ressort der österreichischen "Presse" unter dem Titel "Wer Strafe nicht vollzieht, wird unglaubwürdig" einen Artikel verfasst, in dem er von der Erziehung seines Sohnes berichtet. Dreieinhalb Jahre ist der "Bub" und offenbar sehr begabt: Er zählt bis 25, schaut englische Kinderfilme im Original und kann schon kurze Wörter lesen. Zudem ist er "fröhlich und aufgeweckt, klettert, wandert und schwimmt gern und geht am liebsten Rehe füttern". Klingt nach einem tollen Kind. Von "esoterisch Angehauchten" werde der Junge gar als "Kristallkind" bezeichnet, so Greber, der allerdings "von so Blabla ja wenig" hält. Aber irgendwie hätten sie recht. Ein stolzer Vater schwärmt von seinem Sprössling, könnte man meinen.

Dann beginnt Greber, von seinen Erziehungsmethoden zu berichten. Jenen Maßnahmen, wenn "Worte allein meist zu wenig" sind. Denn, da ist er sich sicher: "… mit guten Worten und etwas Gewalt erreicht man stets mehr als nur mit guten Worten". Bei "etwas Gewalt" kriegt man als Leser Angst. Greber rät davon ab, Strafen zu formulieren, die man nicht durchhalten könne, wie "Eine ganze Woche lang nicht fernsehen". Warum sich das nicht durchhalten lässt, erklärt er nicht. Stattdessen schwärmt er von seiner Methode des Anzählens mit 1, 2, 3. Meist lenke das Kind bei 2 ein, bei 3 werde in jedem Fall durchgegriffen. Das solle man aber nicht mehrmals am Tag machen, das sei despotisch. Übers-Knie-Legen hingegen sei okay und großer Fan ist Greber vom "Ohrenzieher", "Nicht fest, aber doch".

Chefredaktion und Autor distanzieren sich

"Totale Gewaltfreiheit in der Erziehung" nennt Greber einen "infantil-romantischen, militant-pazifistischen Irrglauben". Mit dem Resumee: "Wie gesagt, M. ist ein Kristallkind. Also wir denken, dass wir das alles schon halbwegs richtig machen", beschließt Greber seinen Erziehungstipp.

Die Kommentare des auch online veröffentlichten Artikels mussten geschlossen werden. Die Chefredaktion der "Presse" hat sich am Montag von dem Text distanziert, "Gewaltanwendung als 'ultima ratio' in der Kindererziehung … entspricht weder der Blattlinie dieser Zeitung noch zeitgemäßer Pädagogik". Und auch Greber selbst distanziert sich von seinem eigenen Text, er sei "in der Eile der Produktion" missverständlich formuliert worden.

25 Jahre Kinderrechte sagen: Nein!

Der österreichische Journalist und Fernsehmoderator Armin Wolf reagierte noch am Sonntag auf Facebook mit einem sehr persönlichen Kommentar. "Ich dachte, mir dreht es beim Lesen dieses Textes den Magen um", schreibt Wolf, der in seiner Kindheit in den 1960er, 1970er Jahren auch mit Schlägen bestraft wurde. Er hat seinen Eltern später verziehen, schreibt jedoch: "Aber ich wusste immer: Sollte ich selbst je Kinder haben, werde ich sie hoffentlich nicht schlagen, sie weder an den Ohren noch an den Haaren ziehen und sie nicht bewusst erniedrigen." Zu Greber denkt er: "2014 könnte man auch weiter sein. Aber vielleicht braucht er noch ein paar Jahre - bis ihm sein Sohn vielleicht irgendwann mal erzählt, wie sich das anfühlte mit den 'Ohrenziehern', dem 'Übers Knie legen' und den Drohungen."

2014 kann man schon deswegen weiter sein, weil in diesem Jahr seit 25 Jahren Kinderrechte gelten.

Deren vier Grundsäulen sind:
1. Das Recht auf Gleichbehandlung
2. Das Kindeswohl hat Vorrang
3. Das Recht auf Leben und persönliche Entwicklung und
4. Die Achtung vor der Meinung und dem Willen des Kindes.

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