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Wenn in der Erziehung etwas nicht läuft: Eltern sind keine Kumpel

Wenn in der Erziehung etwas nicht läuft, liegt es am Kind, glauben viele Eltern. Dabei ist es oft ihre eigene Respektlosigkeit gegenüber dem jungen Menschen. Viele wissen einfach nicht, wie es geht.

Von Uli Hauser

Kind zu sein, ist heute ein harter Job. Es hat zu funktionieren und seine Bedürfnisse den Wünschen der Erwachsenen anzupassen. Die Mitarbeiter von "Schrei-Ambulanzen" an deutschen Kliniken sind immer wieder fassungslos, was bereits Babys zugemutet wird. Welche Vorstellungen Eltern von Kindern haben. Die sollen sich gleich daran gewöhnen, dass sie nicht verwöhnt werden. Und keine Arbeit machen. Kaum auf der Welt, fliegen Kinder aus dem Nest. Sie landen in der Krabbelstube mit Tagesverpflegung. Im Hort mit Ergotherapie. In der Grundschule mit Frühstück und der Ganztagesschule mit Vertrauenslehrern. Wenn Vater und Mutter dann abends nach Hause kommen, kompensieren sie ihr schlechtes Gewissen mit permanenter Übertreibung. Nach dem Motto: "Ich komm selten und du sollst was gelten", preisen Powereltern ihre Zuchterfolge in den höchsten Tönen. Ihre Töchter, ihre Söhne sind die besten, klügsten und schönsten unter der Sonne. Was zum Vorzeigen.

Wer ein bisschen formulieren kann, darf in Frauen- und Elternblättern fabulieren: "Ich habe mit einem nachtaktiven, anstrengenden Vielfraß gerechnet. Bekommen habe ich einen beklemmend ausgeglichenen kleinen Mann, der charakterlich nur wenig nach mir kommt." Journalisten präsentieren ihre eigenen Söhne und Töchter wie Außerirdische, die nichts Anderes zu tun haben, als in die Windeln zu machen, nachts zu winseln und am Tag ihre begabten Eltern von der Arbeit abzuhalten: "Ruhe ist natürlich etwas, wovon das einjährige Kind nichts versteht". Väter im Erziehungsurlaub liefern Rechenschaftsberichte über sabbernde Säuglinge und Brei-Vergiftung: Sie loben die "supergute Feinmotorik" und sind gut auf sie zu sprechen, weil sie mit ihren Klugscheißern durch den Hausflur krabbeln und "Kacki!" rufen.

Die exhibitionistische Eltern-Generation

Unternehmen wie die Gütersloher Großbäckerei Mestemacher (The lifestyle bakery) suchen in Wettbewerben den mit 5000 Euro Preisgeld dotierten "Spitzenvater des Jahres" und aufmerksamkeitsgestörte Mütter laden zum Schaustillen in Cafés mit Namen wie "Diva Babylounge" oder "de Niño - Kids & Coffee". Sie fremdeln, wenn ihr Kind mal nicht guckt. Nie zuvor gab es eine solch exhibitionistische Eltern-Generation: Ihr Völker der Welt, schaut auf mein Baby! Eine Hamburger Mutter lädt die Menschheit im Internet zur Besichtigung ein. Sie widmet den aufregenden Erlebnissen mit ihrem neuen Schmuckstück ein Tagebuch: "(…) So verbrachte ich mit David den Vormittag, nach 100 Büchern, zig Kinderkassetten und Essen damit, seine in der letzten Woche gesammelten Eicheln (einen Eimer voll) auf Papier zu bringen. Sein Kunstwerk muss jetzt nur noch einen ehrenvollen Platz bekommen, damit er sein entstandenes Meisterstück immer schön bewundern und sich freuen kann. Schön, wie einfach man die Kleinen noch glücklich machen kann."

Aber wehe, der Geduldsfaden reißt. Väter und Mütter wissen, dass es nicht in Ordnung ist, Kinder zu schlagen. Wenn man sie fragte, ob ihnen mal die "Hand ausrutscht", würden sie entsetzt mit einer Klage wegen übler Nachrede drohen. Sie wollen ihren Willen durchsetzen, wissen aber nicht, wie das geht. Sie wollen nur das Beste und alles richtig gut machen. Und wollen vor allem keinen Streit. Doch den bekommen sie. Denn unversehens können sich ihre vergötterten Lieblinge in kleine Tyrannen verwandeln, wild und gefährlich und unbezähmbar. Diese Monster sehen nicht, was Mama alles für sie macht: Baby-Wellness und Streichelkurs, early english und Late-Night-Wickeln. Das Kind soll es eines Tages noch sehr viel besser haben als sie. Und Papa hatte den Lebenslauf schon lange vor der Geburt fertig. Jetzt ist aber Schluss! Es wird gezerrt und gezogen und geschüttelt.

Eine subtile Form der Respektlosigkeit

Mit der Erfahrung dieser bedrückenden Verwöhnung beklagen immer mehr Kinder Übergriffe ihrer Eltern. Eine kleine Ohrfeige, ein Klaps auf den Po, ein heftiger plötzlicher Griff an die Jacke: Komm jetzt endlich! Beeil dich! Wir haben keine Zeit. Ich muss jetzt los. Das sind nicht die Schläge, mit denen Kinder in den 60er und 70er Jahren groß werden mussten. Als ihnen klar war: Wenn wir Unsinn machen und dabei erwischt werden, setzt es eine "Tracht Prügel" oder es gibt "einen auf den Hosenboden". Es ist eine schleichende, versteckte, subtile Form der Respektlosigkeit, die Eltern heute an ihren Kindern zerren lässt. Die Stimmungen wechseln schnell, aus einer übertrieben freundlichen Begrüßung nach einem Wiedersehen wird rasch ein Brüllen, Schreien, Schimpfen. Angestaute Wut entlädt sich, die Kinder kriegen den Frust über einen misslungenen Tag ab, den Stress mit dem Partner, den Ärger im Büro.

Getriebene Eltern hetzen ihre Kinder durch den Tag. Doch für blöd können sie sie nicht verkaufen. Die ziehen sich umständlich die Strumpfhose an, erst auf rechts, dann auf links; sie suchen träumend einen Schuh oder verlangen an der Einkaufskasse lauthals nach Kaugummis. Und jeder spürt, wie Mutter oder Vater, die mal eben zwischendurch noch ein paar Einkäufe erledigen wollten, innerlich kochen, aber in der Hektik, hinter sich eine drängende Schlange, es nicht wagen, ihr plärrendes Kind zu maßregeln. Aus Angst etwas falsch zu machen oder dem Kind mit einem Verbot einen seelischen Schaden zuzufügen, lassen sie sich demütigen und gehen an die Grenze des Erträglichen. So erzählt eine Mutter über ihren dreijährigen Jungen: "Er nervt damit, indem er ständig etwas fordert, um es dann mit einem lauten Neeeeiiin wieder abzulehnen. Reagiert man gar nicht mehr, fängt er an zu bocken und steigert sich da rein. Im Supermarkt hat er nun herausbekommen, wie es ganz einfach ist, an seine Belange zu kommen. Er schnappt sich Artikel XY, rennt durch die Gänge, reißt seine Beute auf und stopft sie rein. Erwischt oder ermahnt man ihn, werden gerne Sachen aus den Regalen gerissen oder es wird sich theatralisch auf den Boden geschmissen, um sich geschlagen und mit Absicht umliegende Dinge zerstört. Am Ende hilft es nur noch, ihn in die Karre zu verfrachten und ihn anzuschnallen. Dann muss man ziemlich schnell sein, man muss gute Nerven haben, denn die dann einsetzende Sirene kann Kopfschmerzen, Wut oder totale Erschöpfung hervorrufen."

Zeit für Geborgenheit

Die Erziehung von Kindern, über Jahrtausende von Jahren erfolgreich erprobt, wird so zu einer weiteren Herausforderung im Überlebenskampf. Wurde Kindern früher "das Leben geschenkt", müssen sie heute strammstehen. Es erstaunt, wie fahrlässig Eltern ihr angeborenes Talent verschleudern, Kindern vernünftig zu begegnen. Wie sie langsam verlernen, ihren Instinkten zu trauen. Angst haben, dass sie Kinder zu sehr "verwöhnen", wenn sie auf ihre Bedürfnisse eingehen. "Diese Angst ist typisch deutsch", sagt Karl-Heinz Brisch, Leiter der Abteilung für Pädiatrische Psychosomatik und Psychotherapie am Kinderspital der Universität München. Immer wieder beobachtet er, wie Eltern die Zeichen ihres Kindes falsch deuten. "Verwöhnung entsteht, wenn Kinder keine richtige Antwort bekommen. Statt beruhigt zu werden, erhalten sie Spielsachen und Essen." Nicht mal in den sensiblen Phasen nach der Geburt gönnen sich Eltern Ruhe. "Die Mütter erzählen uns, wie schwierig ihr Baby ist, dabei haben sie oft selbst großen Stress vor oder nach der Geburt gehabt oder lasten sich nun im Alltag mit dem Kind zu viel auf. Das Kind ist dann unruhig, überschüttet von Eindrücken und kommt nicht zur Ruhe."

Ein Kind braucht seine Mutter nie wieder so dringend wie in den ersten drei Jahren. In dieser Zeit wächst und gedeiht Geborgenheit; was in dieser Zeit versäumt wird, ist kaum aufzuholen. Jeder, der sich mit Kindern auskennt, weiß: je mehr Mama desto besser. Sigmund Freud hat die symbiotische Phase mit der Mutter als "ozeanisches Gefühl" bezeichnet. Mit der Geburt aber ist dieses Gefühl dahin: Das Kind hungert und schreit und friert. Immer wieder muss es sich in seiner Verwirrung des Schutzes durch seine Mutter vergewissern, es ist Liebe aus der Not heraus. Immer wieder will es wissen, dass die Mama da ist. Dass sie nicht weggeht und man ihr trauen und vertrauen kann. Hört die Mutter die Signale nicht oder deutet diese falsch, ist die Verzweiflung wieder groß. Das Kind schreit und strampelt, es ist eine anstrengende Zeit für alle. Wenn die Mutter dann wieder lächelt und ihr Kind im Arm wiegt, ist es wieder da, das wunderbare Gefühl der Nähe; das Kind fühlt sich: aufgehoben.

Nicht alles können Eltern teilen

Doch mit der Zeit wollen Babys zwei Dinge zugleich: festhalten und loslassen. Langsam entdeckt es seine Fähigkeiten. Und wagt sich nach vorn. Mit 18, manchmal auch erst mit 24 Monaten kommt dann der Vater ins Spiel. Er war vorher schon da, aber nicht so wichtig. Heute fühlen sich viele Eltern gleichberechtigt und wollen sich die Sorge für ihr Kind von Anfang an teilen: Papa bleibt vielleicht zu Hause und mimt die Reserve-Mutter, und Mama holt das Geld rein. Vom Lauf der Dinge her betrachtet, ist das Blödsinn. Nicht alles kann man teilen: Für das Kind kommt erst die Mutter und dann der Vater. Dessen Job ist, der Mutter eine gute Zeit zu geben, damit sie sich in Ruhe um das Kind kümmert. Die große Zeit von Papa kommt, wenn Sohn oder Tochter die Welt entdecken wollen. Auch das ist eine anstrengende Zeit: Erst fühlte sich das Baby eins mit der Mutter, dann entdeckte es sich getrennt von der Mutter und jetzt kommt noch ein dritter Mensch hinzu. Der Vater hilft dem Baby, aus der Verbundenheit mit der Mutter herauszutreten. Er führt das Baby in die fremde Welt, darin kennt er sich aus. Unter seinem Schutz beginnt das Spielen, aus Bauklötzen werden Flieger, aus Klorollen Brillen. So langsam gewöhnen sich beide aneinander, das Baby lernt auch den anfangs fremden Mann als Beschützer schätzen. Aber immer noch dreht es den Kopf nach der Mutter, um sich zu vergewissern, dass sie da ist. Das Kind entdeckt die Haut als Grenze und das Gefühl: Ich bin drinnen, und draußen ist die Welt. "Wenn sich Väter und Mütter in den ersten drei Jahren in die Entwicklungsschritte ihrer Kinder einbinden", sagt Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann, "dann hören sie auch später auf sie. Sie gehorchen, halten Konflikte aus. Weil sie sich der positiven Gefühle der ersten Monate erinnern. In ihnen hat sich eine Gewissheit angesammelt, die sagt: Im Grunde ist alles gut. Dieses positive Gefühl ist im Gehirn messbar."

So sieht es aus, wenn alles gut läuft. Aber die Praxen der Psychologen und Psychiater sind voll von Eltern mit zappelnden Kindern. Sie haben Bauchschmerzen und Blähungen und schreien den ganzen Tag. Kinder leiden längst unter den Krankheiten der Erwachsenen; Allergien haben sich seit den 50er Jahren verdoppelt, jedes dritte Kind plagt über diffuse Beschwerden: Der Rücken schmerzt, der Magen drückt, der Kopf tut weh. Die jungen Überflieger landen in der Warteschleife. Ihre Eltern sind entsetzt: Was ist falsch mit unserem Kind? Wir haben doch alles richtig gemacht. Und dann die bange Frage: Wenn wir unseren Sohn mit zwei Jahren schon nicht in den Griff bekommen, wie soll das erst später werden? Sie verlangen nach Pillen, Bachblüten, Kügelchen. Intensiv-Hilfen und Ergotherapie, Babymassage und Festhalt-Training. Es wird analysiert und interpretiert und katalogisiert. Welche Störung hat mein Kind? HKS, ADS, oder ADHD? Leider trauen sich nur wenige Ärzte, Eltern eine behandlungswürdige Verhaltensstörung mit gleichzeitigem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom zu attestieren.

Eltern fehlt Gelassenheit und Erfahrung

Tauchen Probleme auf, verlassen Eltern sich nicht auf ihr Gefühl, sondern suchen nach Konzepten. Weil es immer weniger Kinder gibt und immer mehr Mütter, die mit der Geburt zum ersten Mal ein Baby im Arm wiegen, fehlt vielen Eltern die Gelassenheit und Erfahrung, wie man mit kleinen Kindern umgeht. "So werden sie verwöhnt und dem Leben entwöhnt. Und lernen nicht, Rückschläge zu ertragen, ohne sich darin zu verlieren oder von ihnen überwältigt zu werden. Damit gerät Familienleben zu einem endlosen Drama. Kinder tragen keine Schuld, wenn ihre Macher nicht in der Lage sind, die richtige Reihenfolge einzuhalten. Vater, Mutter, Kind. Oder Mutter, Vater, Kind. Oder Vater und Mutter und dann Kind. Aber Kind immer hinten. Eltern sind keine Kumpel.

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