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Digitales Lernen: In der Tablet-Klasse macht sogar Mathe Spaß

Nach den Ergebnissen der ICILS-Studie ist klar: Deutschlands Schulen sind noch lange nicht im 21. Jahrhundert angekommen. Doch es gibt Ausnahmen, die zeigen, wie moderner Unterrricht aussehen kann.

Von Viktoria Meinholz

Elf Kinder teilen sich in deutschen Schulen durchschnittlich einen Computer. Nicht überraschend also, dass Deutschlands Schüler bei der ICILS-Studie über den Umgang mit PCs und dem Internet nur mittelmäßig abschneiden. Schüler, Lehrer, Eltern und Bildungsexperten sind sich einig: Es muss sich dringend etwas ändern. Der Unterricht muss endlich im 21. Jahrhundert ankommen. In Lehrte, 17 Kilometer östlich von Hannover, ist es schon so weit. Eine Tafel gibt es in der Klasse von Sabine Baumann an der Integrierten Gesamtschule (IGS) nicht mehr. Auch Arbeitsblätter und Hefte haben ausgedient, Schulbücher kommen nur noch selten zum Einsatz. Die Rucksäcke der 25 Schüler von Frau Baumann wiegen keine halbe Tonne mehr. Blöcke, Ordner und Federmäppchen sind ausgezogen, neu eingezogen ist nur: das iPad. Seit Herbst 2012 arbeitet die neunte Klasse mit den Tablet-Computern. In fast allen Fächern kommen die Geräte zum Einsatz, nur im Sportunterricht bleiben sie in der Tasche. "Obwohl man sie auch da nutzen könnte, um zum Beispiel Bewegungsabläufe nachzuzeichnen und zu verstehen", sagt Frau Baumann.

Mehr Spaß - sogar in Mathe

Sie hat das iPad-Projekt an ihrer Schule vorangetrieben. Und diesen Schritt noch keinen Moment bereut. Bereits in der fünften Klasse entscheiden die Eltern, ob ihr Kind eine Multimediaklasse besuchen soll. Diese Klassen bereiten die Kinder besonders stark auf die Herausforderungen des digitalen Lebens vor und arbeiten dann ab der siebten Klasse mit den Tablets. Auf den iPads erledigen die Schüler ihre Hausaufgaben, schreiben mit und statt nach vorn gerufen zu werden, werden Aufgaben auf eine digitale Tafel hochgeladen, sodass die ganze Klasse sie sehen kann.

Die Schüler sind begeistert von ihrem neuen Helfer. "Es macht einfach mehr Spaß als mit Stift und Papier", sagt ein Junge. "Man vergisst nichts mehr, auf dem iPad ist alles immer dabei." Die Motivation ist gestiegen - auch in Mathe, für viele Kinder nicht gerade das Lieblingsfach. Die Schüler lernen, dass ein Tablet oder Smartphone nicht nur zum Spielen oder Chatten gut ist. "Außerdem haben wir nicht mehr solche Massen an Arbeitsblättern und Notizzetteln", sagt eine Schülerin. "Das schont auch die Umwelt." Ein weiterer Vorteil der Geräte, der die Schüler jedoch nicht so begeistert wie die Lehrer: Haben die Kinder in der Schule gefehlt, können sie online nachsehen, was im Unterricht gemacht wurde. "Ich war krank" zählt als Ausrede für fehlende Hausaufgaben also nicht mehr. Vertretungsunterricht ist nur noch selten nötig, da die Schüler mit vorbereiteten Videos und Aufgaben weiterarbeiten können, wenn der Lehrer mal nicht da sein sollte.

Zahlen müssen die Eltern

Auch die Lehrerin geht motivierter in den Unterricht. "Letztens sagte eine Mutter zu mir 'Mensch, Frau Baumann, endlich habe ich das mit der Prozentrechnung begriffen.' Sie hatte eins meiner Videos gesehen." Für den Matheunterricht produziert die Pädagogin regelmäßig kleine Videos, in denen sie neue Unterrichtsinhalte erklärt. Die können sich ihre Schüler nach dem Unterricht immer wieder ansehen - bis sie es verstanden haben. Statt verlorener Tafelzeichnungen sind Kurvendiskussionen und Lösungswege immer wieder abrufbar.

Frau Baumann kann zudem besser auf die verschiedenen Stärken der Kinder eingehen. Da die Schüler an der IGS drei unterschiedliche Abschlüsse machen können, unterrichtet sie in jeder Klasse drei verschiedene Leistungsstufen, denen sie unterschiedliche Aufgaben stellt. Durch die Digitalisierung ihres Unterrichts können Schüler nun leichter eine Stufe aufsteigen. Liegt einem von ihnen zum Beispiel Zinsrechnung, kann er sich ohne großen Aufwand an den Aufgaben der nächsthöheren Stufe versuchen. Das System wird durchlässiger - und Frau Baumann leichter zu managen. "Ich bin motivierter und endlich kein Einzelkämpfer mehr. Durch digitale Netzwerke kann ich mich viel besser als vorher mit anderen Lehrern vernetzen."

An der IGS läuft die technische Betreuung der Tablet-Klassen über die Verlagsgesellschaft Madsack, die mit SchoolTab ein eigenes Programm für interessierte Schulen anbietet. Die Kosten tragen dabei die Eltern. Laut SchoolTab braucht es meist einen motivierten Lehrer, der die iPads an die Schule holt. Oft seien das junge Pädagogen oder Lehrer, die sich schon lange mit Computern und Technik befassen.

Keine Sorge um die Handschrift

Von anderen Lehrern wird Sabine Baumann oft gefragt, ob die Schüler mit den Tablets nicht die ganze Zeit spielen oder im Internet surfen würden. "Ich sage immer, wenn es einer schafft zu spielen, ohne dass ich es merke, dann Respekt. Aber dann hätte er auch ohne Tablet nicht zugehört." Auch um die Handschrift der Schüler muss man sich keine Gedanken machen: Sie wechseln regelmäßig zwischen der Tastatur und einem Stift, mit dem sie auf dem Bildschirm des iPads ganz normal schreiben können. An der IGS setzen inzwischen acht der 60 Lehrer die Geräte im Unterricht ein. Wie bei allen Neuerungen kann die Angst vor dem Unbekannten nur langsam überwunden werden.

Für Frau Baumann sind die Tablets die Zukunft der Schule. Natürlich müssen die Eltern bereit sein, für die Digitalisierung ihrer Sprösslinge zu zahlen. Doch das ist laut den befragten Lehrern nicht das Problem. Meist scheitert es an etwas ganze anderem: An vielen deutschen Schulen gibt es noch immer kein ausreichendes WLAN.

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