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Wenn Nachhilfe nicht ausreicht: Mathe ist ein Arschloch

Bis vor Kurzem war noch alles okay, aber plötzlich schreibt das Kind in Mathe eine schlechte Note nach der anderen? Dann ist es wohl schon früher ausgestiegen, sagt Mathe-Experte Torsten Landwehr.

Von Susanne Baller

Für viele Menschen ist Mathematik eine große Herausforderung

Für viele Menschen ist Mathematik eine große Herausforderung

Mathematik ist ein Schulfach, das spaltet: Entweder man liebt oder man hasst es. Und man könnte meinen, die meisten hassen es. "Mathe ist das stärkste Nachhilfefach und belastet die meisten Menschen", sagt der Mathecoach und Lerntherapeut Torsten Landwehr, Gründer und Leiter des Rechentherapiezentrums in Köln. In der Einrichtung finden sowohl verzweifelte Schüler als auch Erwachsene mit Rechenschwächen Hilfe. Manche leiden so sehr an Dyskalkulie, dass sie an der Supermarktkasse nicht kontrollieren können, ob ihnen das Wechselgeld korrekt herausgegeben worden ist. "Letztes Jahr ist dann noch Mathevision hinzugekommen", erzählt Landwehr, "dort arbeiten wir zunehmend online. Das ist für Leute, die nicht so etwas wie Zahlen-Analphabetismus haben, sondern irgendwo aus der Kurve geflogen sind. Davon gibt es ganz, ganz viele, die eigentlich gut gestartet sind, dann aber aus irgendeinem Grund ein Thema nicht mitbekommen haben oder plötzlich in Mathematik total verunsichert waren und nicht wieder zurückgefunden haben."

Wie passiert so etwas?

Mathematik ist wie ein Mauerwerk, ein Thema baut auf das andere auf. Wenn ein Schüler zum Beispiel in der siebten oder achten Klasse ein Thema nicht begriffen hat, kann er alles, was danach drankommt, auch nicht mehr richtig verstehen. Ein typischer Verlauf bei Schülern ist: Sie wissen nicht, was ein Term, eine Gleichung und was eine Funktion ist. Wie das zusammenhängt. Dann lösen sie eine Gleichung wie ein Roboter, ganz schematisch, bringen das x auf die eine Seite und die Zahl auf die andere, wissen aber nicht, was dahintersteckt. Wenn sie die Zusammenhänge nicht erkennen, bräuchten sie quasi schon bei jeder leicht abweichenden Aufgabe eine Anleitung, um sie zu lösen.

Wie helfen Sie ihnen?

Ich arbeite viel im Eins-zu-eins-Coaching. Ich versuche erstmal in einer Analyse herauszukriegen, wo der erste Stein ist, bei dem es anfängt zu knirschen. Es lässt sich sehr genau feststellen, wo ein Kind fachlich und emotional aus der Mathematik herausgeflutscht ist. Und wenn man das geklärt hat, ist auch der Wiedereinstieg sehr gut möglich. Das tückische bei der klassischen Nachhilfe ist, dass dort das erste Thema, das ein Kind nicht verstanden hat, gar nicht unbedingt auffällt. Das Folgethema kriegt es vielleicht auch noch irgendwie geregelt und dann rutscht es ab. Diese Baustelle wird dann mit Nachhilfe geübt, ist aber eigentlich viel zu hoch angesetzt, wenn man in dem Mauer-Bild bleibt. Das wäre, als würde man in der fünften Reihe einen Stein einsetzen, während die zweite noch nicht stabil ist. Der fällt dann runter. Deswegen haben viele jahrelang Misserfolge.

Sie fangen dann also zum Beispiel an, den Stoff von vor drei Jahren nachzuarbeiten?

Ja, genau. Ich finde den ersten knirschenden Stein durch eine Art Interview heraus, nicht durch ein Testverfahren. In der rechentherapeutischen Arbeit erklären wir die Themen nicht, sondern erforschen sie mit den Schülern zusammen. Das funktioniert, wenn die Grundlagen da sind, dann können die Schüler den nächsten Schritt selber folgern. Dazu arbeiten wir auch viel mit Rollenspielen.

Wie kann man sich das vorstellen?

Nehmen wir das Beispiel der Formeln. Schüler mögen sie eher nicht, weil sie denken, sie müssen sie auswendig lernen. Dabei sind Formeln eigentlich nur Erklärungen. Der Schüler ist im Rollenspiel zum Beispiel ein selbstständiger Gartenarchitekt und muss Grundstücke einzäunen und ich bin dann der schusselige Praktikant, der immer wieder nachfragt "Wie muss ich das jetzt machen?", "Wie kriege ich raus, wie groß der Zaun sein soll?". Damit kommt der Schüler in die Position, mir etwas zu erklären. Darauf lassen sie sich gerne ein, weil Mathe dadurch etwas Kreativeres bekommt. Und es wird lustig, wenn sie sich fragen, wie sie dem Deppen, also mir, das bloß erklären sollen. Dann frage ich "Kannst du mir das vielleicht mal aufzeichnen?" und frage nach den Seiten - ich kann mir das einfach nicht merken. Dann geben wir den Seiten Namen und landen irgendwann bei der Formel, die wir spielerisch erschlossen haben. Das ist ganz etwas anderes, als nur vor einer Formelsammlung zu sitzen.

Sie unterrichten ja auch online, wie läuft das dann ab?

Ich arbeite viel über Skype. Die Schüler finden mich meist über das Internet, dann mailen wir erstmal hin und her und machen einen Analysetermin aus; der steht ganz für sich und dauert inklusive Nachbesprechung mit den Eltern etwa eine Dreiviertelstunde oder Stunde. Da zeige ich dann auf, wo ein Kind steht und was helfen könnte, wieder in die Mathematik reinzukommen. Dann fällt die Entscheidung, ob wir loslegen oder ob sie etwas anderes probieren wollen.

Wie regelmäßig unterrichten Sie Ihre Schüler?

Das kommt ganz darauf an, manche einmal pro Woche, andere ein oder zweimal im Monat. Die Förderung muss privat finanziert werden.

Was kostet so etwas?

Der Analysetermin 79 Euro und wenn der Unterricht einmal wöchentlich stattfindet, kostet das 249 Euro im Monat. Zweimal im Monat sind es 149 Euro, es gibt aber auch Stundenpakete.

Was können Eltern tun, die sich das nicht leisten können?

In Köln arbeiten wir mit dem Jugendamt zusammen. Bei einer schweren Dyskalkulie übernimmt die Stadt die Kosten komplett. Ansonsten mache ich auch Filme auf Youtube, wo ich ein paar grundlegende Dinge erkläre. Und auf der Mathevision-Facebookseite gebe ich Eltern Mathe-Lerntipps, mit denen sie selbst ein bisschen helfen können.

Gibt es hoffnungslose Fälle oder wird jeder Ihrer Schüler ein Einserkandidat?

Es gibt nicht nur Einserkandidaten, wir haben aber durchaus auch Schüler, die anschließend Mathe-Leistung gewählt haben und aus einer schweren Dyskalkulie herausgekommen sind. Es gibt aber auch jene, die nicht so ohne weiteres vorankommen.

Wie lange dauert die Nachhilfe etwa?

Das hängt ganz vom Schüler ab und davon, wie begabt und wie intelligent jemand ist. Es geht ja darum, Systeme zu erkennen und hinterher auf Anwendungsbeispiele zu übertragen, die Transferleistung. Minimum ist ungefähr ein halbes Jahr, manchmal dauert es länger. Das hängt auch davon ab, wie entspannt die Schüler sind. Wenn sie mega gestresst sind, weil ihnen droht, die Schule verlassen zu müssen, weil sie schon wieder in Mathe eine Sechs geschrieben haben, dann müssen wir erstmal an dem emotionalen Stressabbau arbeiten. Sonst haben sie gar nicht den Sinn dafür, sich auf Mathe einzulassen.

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