HOME

Interview mit Sorgerechtsanwalt: Trennungen vor Gericht: "Das Kindeswohl verliert sich allzuoft in einer Kompetenzwolke"

Wenn der Streit um die Kinder vor Gericht endet, verlieren alle. Der Hamburger Anwalt Matthias Bergmann spricht im stern-Interview von der "Selbstaufgabe der Justiz" und warum Kinderrechte im Grundgesetz daran nichts ändern.

Kind vor Gericht

Kinder alleine vorm Gericht: "Am Ende übernimmt niemand wirklich die Verantwortung"

Picture Alliance

Als wären Scheidungen nicht schon schlimm genug, leiden im Trennungsprozess Kinder auch noch unter schlecht qualifizierten Familienrichtern. Das sagt der Hamburger Sorgerechtsanwalt Matthias Bergmann im Interview mit dem stern. Vor Gericht verliere sich das Kindeswohl allzu oft in einer "Kompetenzwolke": "Was ich immer wieder erlebe, ist, dass am Ende niemand wirklich die Verantwortung übernimmt. Das Jugendamt duckt sich hinterm Verfahrensbeistand weg, der duckt sich hinterm Richter weg, der duckt sich hinterm Gutachter weg und so weiter."

Richter klären oft nicht die wichtigen Fragen

Die mangelnde juristische Qualität verortet Bergmann nicht nur in der Ausbildung von Richtern, die das wichtige Familien- und Kindschaftsrecht weitgehend ignoriert, ein großes Problem sei auch, dass "viel zu viele Gutachten gemacht" werden. Dabei würden viele Richter selbst juristische Aspekte delegieren, so Bergmann. "Natürlich kann er keine psychologische Beurteilung machen, aber sehr wohl die Frage nach dem Lebensmittelpunkt des Kindes klären." Die dürfe er nicht aus der Hand geben, aber das passiere häufig. 

Lesen Sie das ganze Interview mit Sorgerechtsanwalt Matthias Bergmann hier im Angebot von stern Plus

Bergmann wendet sich im stern auch dagegen, Kinderechte ins Grundgesetz zu übernehmen, wie es die Große Koalition plant. Im Prinzip sei das zwar eine gute Sache, doch gebe es schon "reichlich grundgesetzliche Regelungen, die von vielen Amtsgerichten in der alltäglichen Arbeit jedoch ignoriert werden." Vor allem aber hapert es seiner Ansicht nach an der Durchsetzung: "Da herrschen katastrophale Zustände, die ich nur als völlige Selbstaufgabe der Justiz beschreiben kann", so Bergmann. Statt solche "Leuchtturmprojekte" auf den Weg zu bringen, schlägt der Anwalt vor, den vorhandenen politischen Willen dazu zu nutzen, "dass familienrechtliche Verfahren insgesamt eine bessere juristische Qualität erreichen und verwertbare Ergebnisse hervorbringen."

nik/rös

Wissenscommunity