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Arbeitsalltag in der Pandemie: Rechtsanwalt über seine Arbeit in der Coronakrise: Situation an den Gerichten "völlig chaotisch"

Als Anwalt hat Matthias Bergmann berufsbedingt viel direkten Kontakt zu Menschen. Gegenüber dem stern schildert er, wie sich die Coronakrise auf seinen Job auswirkt und wie Gerichte darauf reagieren.

Anwalt Gerichtssaal

Ein Anwalt im Gerichtssaal - in Zeiten des Coronavirus wird auch die Arbeit von Juristen durcheinandergewirbelt (Symbolbild)

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Herr Bergmann, Sie sind als Rechtsanwalt bundesweit tätig und haben berufsbedingt viel direkten Kontakt zu Menschen. Wie sehr beeinträchtigt Sie die derzeitige Situation bei ihrer Arbeit?

Matthias Bergmann

Der Hamburger Rechtsanwalt Matthias Bergmann ist mit seiner Kanzlei bundesweit mit dem Schwerpunkt Umgangs- und Sorgerecht tätig. 

Als Kanzlei sind wir seit Jahren hoch digitalisiert. Moderne, ortsunabhängige Arbeitsmöglichkeiten sind für uns normal. Alle Mitarbeiter nutzen schon seit langem die Möglichkeit des Homeoffice, wir arbeiten ausschließlich mit elektronische Akten, können nahezu alle Gesprächstermine mit Telefon-  und Onlinekonferenzen gestalten sowie Schriftsätze mit dem gerade erst neu eingerichteten besonderen elektronischen Anwaltspostfach versenden. Der Kanzleibetrieb ist daher nur gering betroffen.

Die Beeinträchtigungen in den Fällen selbst sind aber erheblich. Wir haben naturgemäß viele Eilfälle, in denen es oft darum geht, ob Kinder aus den Familien herausgenommen werden, ob Besuchstermine stattfinden können, oder bei welchem Elternteil die Kinder bleiben. Gerade wenn es um die Trennung von Kindern und Eltern geht sind zügige Termine wichtig. 

Wie gehen die Gerichte mit dem Thema um? Finden Termine überhaupt statt? 

Insgesamt kann man die Situation als völlig chaotisch bezeichnen. Jedes Gericht, teilweise sogar jeder individuelle Richter, macht eigene Entscheidungen. Termine finden selbst im Kreis Heinsberg noch statt, werden aber woanders insgesamt und selbst bei Eilsachen abgesagt. Es bestehen keinerlei nachvollziehbare Regelungen. Termine, die die Inobhutnahme und Herausgabe von Kindern betreffen, müssen natürlich irgendwie stattfinden.

Andererseits darf das Risiko gerade für die betroffenen Kinder nicht unterschätzt werden, denn die wären ja persönlich anzuhören. Grundsätzlich gäbe es die Möglichkeit, dass große Teile solcher Anhörungen zumindest in Teilen mit moderner Videokonferenzsoftware gestaltet werden. Leider fehlt dafür aber bei Anwälten wie Justiz Erfahrung, Software und Gestaltungswille.  

Wie viele Ihrer Kollegen sind Sie selbständig. Wie sorgenvoll schauen Sie gerade in die Zukunft?

Es besteht Sorge vor den mittel- und langfristigen Folgen der Coronakrise. Als Kleinkanzlei verfügen wir nicht über erhebliche Rücklagen, wochenlange Ausfälle von Einnahmen wären schwierig zu verkraften. Andererseits bedeutet die Krise nicht, dass familiäre Streitigkeiten plötzlich beendet wären. Daher gehen wir derzeit davon aus, dass die Folgen für unseren Betrieb nur vorübergehender Natur sind. 

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