Legoland Discovery Centre Ganze Familien erliegen dem Lego-Wahn


Über fünf Millionen Steine, 3500 Quadratmeter Spielfläche, eine Drachenbahn und ein eigenes Kino: Das Lego Centre in Berlin ist das Paradies für kleine und große Baumeister. Ein Ortsbesuch.
Von Vivian Alterauge, Berlin

Reden? Besser nicht, nein. Sie wollen bauen, klettern, Filme sehen. Kinder beim Spielen zu stören ist wahrlich keine brillante Idee. Erst Recht nicht, wenn sie gerade durch die kunterbunten Katakomben des gläsernen Turmensembles am Potsdamer Platz toben. Willkommen im Lego-Discovery Centre in Berlin.

Auf 3500 Quadratmetern wird ausschließlich den dänischen Kultklötzchen gehuldigt: 5.030.798 Legosteine gibt es im Discovery Centre, ein Großteil aufwendig verbaut. Allein zwei Millionen stecken in einem Miniaturabbild Berlins. Das Stadtschloss neben BER neben dem Brandenburger Tor - und auf Knopfdruck tönt David Hasselhoff aus den Boxen, während gelbgesichtige Legomännchen jubelnd die Mauer umhauen. Nur wenige Meter entfernt faucht Darth Vader, im Star-Wars-Raum. Dahinter faucht eine Drachenbahn, die vorbei an Fledermäusen und Zauberern ins Untergeschoss führt. Dort liegt die wahre Spielgrotte: Mit Modellbaukursen, Rennautostrecken, Klettergerüsten. Einem Kino. Und dutzenden Spieltischen. Wer je an der Faszination Lego gezweifelt hat, soll hier vom Gegenteil überzeugt werden.

Robert* macht genau diese Faszination ein bisschen unglücklich. Mit gequältem Gesichtsausdruck fährt sich der Vierjährige durch seine braunen Haare, die Wangen rotglühend. "Mindestens tausend - oder zumindest drei Legokisten habe ich, in allen Farben." Nur schwarze Steine fehlen ihm. Die brauche er aber dringend, um demnächst eine Fledermaus zu bauen. Genauso eine, die ihn gerade in der Drachenhöhle angeblitzt hat. Rotleuchtende Augen muss sie haben. "Deshalb wünsch ich mir ein Fledermaus-Bauset." Oder gleich einen Legokoffer. Mit ein paar schnöden Klötzchen will er sich nicht zufrieden geben.

Mama und Papa auf dem Abstellgleis

Fantasien ankurbeln. Begehrlichkeiten erwecken - in der Klötzchen-auf-Klötzchen Welt geschieht das wie auf Knopfdruck. Kinder wissen gar nicht, welcher Attraktion sie sich zuerst ergeben wollen. Flora hockt im rosafarbenen Lego-friends-Haus. Steckt Cupcakes zusammen. Beobachtet, wie auf einem enormen Bildschirm schlanke Zeichentrickmädchen um einen Pool tanzen. Francesca hingegen baut lieber ein Modell-Piratenschiff - oder robbt sich unter den Laserstrahlen der Ninja-Höhle hindurch.

Die wartenden Mütter und Väter haben es längst aufgegeben, hinter ihren rastlosen Kindern herzujagen. "Zumindest bin ich eine gute Assistentin", sagt Francescas Mutter. Für mehr fehle ihr leider die Phantasie. Und so sucht sie ihrer Tochter geduldig die passenden Steine zusammen. Auch, als Francesca schon längst zur Autorennstrecke weitergezogen ist. "Die kommt wieder." Derweil schichtet ein anderer Vater gedankenverloren eigene Türmchen auf. "Eltern werden ja geradezu gezwungen, Lego gut zu finden", sagt er. Ein bisschen Spaß mache es aber auch.

Eigentlich empfängt das Legoland Discovery Centre Erwachsene nur in Begleitung von Kindern. Außer es ist Erwachsenen-Fanabend, so wie heute. Kaum sind die letzten Kinder verschwunden, haben die Großen den Spielbetrieb übernommen. Eine Gruppe junger Russen, zwei Paare aus Frankreich und Spanien, eine Handvoll Berliner. Darunter Nina Müller und Torsten Grewe. Legofans seien sie beide. Doch erst vor Kurzem haben sie die Spielerei wieder für sich entdeckt. Rein beruflich. Das Kollegengespann mit Hornbrillen-Einheitslook arbeitet in einer Marketingberatung. Dort baut man mit Lego, um kreativer zu sein, um haptisch zu denken. Lego Serious Play nennt sich das. In einem Workshop mussten beide aus sieben Steinen so viele unterschiedliche Enten wie möglich bauen. Meier entwarf sieben, Grewe fünf - eine Kollegin siegte mit elf Variationen.

Faszination ohne Altersbegrenzung

Und nun also noch Klötzchenbau nach Feierabend. "Großartig ist das", sagt Müller. Und drückt ihrem Kollegen erst einmal einen Lego-Stempel aufs Handgelenk - "wie nach einer durchfeierten Nacht". Dann klettern die beiden durch die Laseranlage, bauen einen Modell-Reichstag um die Wette und lassen sich im 4D-Kino mit Wasser bespritzen.

Lego, das erinnert beide an Bauwettbewerbe mit ihren Geschwistern, an Autofahrten mit der Spielkiste auf dem Schoß - "bis der entscheidende Stein unter die Fußmatte rutschte", sagt Grewe und lacht. Erst mit dem ersten Computer schob er seine Legokisten zur Seite. Seit Kurzem brüllt ihn ein selbst gebautes Lego-Krokodil auf seinem Schreibtisch an. Darauf hat er sein Lego-Konterfei gesetzt.

Am Ende des Spielabends gewinnt er auch noch den Turmbauwettbewerb auf der Rüttelplatte gegen seine Kollegin. "Wenn ich Kinder bekomme, hole ich mir meine alten Lego-Kisten zurück", sagt Müller plötzlich. Endlich wieder Steine in Reichweite. Farbe in der Wohnung. Plastik im Staubsauger. "Wehe, da fehlt etwas." Faszination kennt eben kein Alter.

*Die Namen der Kinder wurden geändert.

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