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Offener Brief: Trauernde Mutter schickt aufrüttelnde Nachricht an soziale Netzwerke

Gillian Brockell brachte ihr Kind tot auf die Welt. Nach diesem Trauma schmerzte es sie umso mehr, im Internet noch immer überall Werbung für Schwangere und junge Mütter angezeigt zu bekommen. Könnten die sozialen Netzwerke nicht klüger sein und mehr Mitgefühl zeigen?

Eine trauernde Mutter am Grab ihres Kindes

Eine trauernde Mutter am Grab ihres Kindes (Symbolbild)

Picture Alliance

Wir alle kennen es, wenn wir einmal nach neuen Kopfhörern googeln und anschließend wochenlang im Netz überall Anzeigen für Kopfhörer angezeigt bekommen. So funktioniert eben das Internet, richtig? Dahinter stecken einigermaßen kluge Algorithmen, die zu wissen glauben, wofür wir uns interessieren. Das ist gelegentlich praktisch, meistens nervig – aber manchmal auch wirklich, wirklich fehl am Platz. Wie die amerikanische Journalistin Gillian Brockell erleben musste.

Brockell war zum ersten Mal schwanger und überglücklich. Sie tippte Worte wie "Umstandsmode" und "Kinderzimmermöbel" in die Google-Suche, wie man das eben macht, wenn man aufgeregt ein Leben mit Baby vorbereitet. Doch dann schlug das Schicksal zu:

"Mit gebrochenem Herzen müssen wir euch mitteilen, dass unser kleiner Junge, Sohan Singh Gulshan, tot geboren werden wird", schrieb sie fassungslos in einer Botschaft auf Twitter. "Im Augenblick sind wir am Boden zerstört." Noch während Gillian Brockell im Krankenhaus liegt und ihr totes Baby auf die Welt bringen muss, beschließen sie und ihr Mann Bobby, sich von diesem Schicksalsschlag nicht unterkriegen zu lassen. "Wir sind fest entschlossen, dass diese Zeit der Trauer unsere Liebe festigen wird", schreibt sie.

Im echten Leben war ihr Kind tot – im Netz nicht

Aber es sollte viel schwerer für sie werden, den Tod ihres Babys zu verkraften, als sie ahnen konnte. Denn als sie nach einigen Tagen erstmals wieder im Internet unterwegs war, "für ein paar Minuten Ablenkung vor dem nächsten Heulen", wurden ihr permanent Werbeanzeigen für Babymode, Schwangerschaftsbedarf und ähnliches angezeigt. In ihrem Spam-Postfach fanden sich E-Mails, die sie zur Registrierung in "Baby-Clubs" verschiedener Marken aufforderten, in denen sie sich nie angemeldet hatte. Jede dieser Anzeigen erinnerte sie an ihre Hoffnungen und ihr Glück während der bis vor kurzem noch bestehenden Schwangerschaft.

Wenn die Tech-Konzerne inzwischen so kluge Algorithmen haben, die wissen, dass sie schwanger war – müssten diese dann nicht auch erkennen, dass etwas furchtbar schief gelaufen ist? „Habt ihr nicht gesehen, dass ich 'Baby bewegt sich nicht‘ gegooglelt habe?“ fragt Gillian. „Nicht meine Nachricht bemerkt, in der die Worte 'gebrochenes Herz', 'Problem' und 'tot geboren' vorkamen? Und die zweihundert weinenden Emojis meiner Freunde gesehen? Sind das nicht Dinge, die ihr erkennen konntet?“ Sie verpackte all ihre Hilflosigkeit und Wut in einen offenen Brief an die großen Social-Media-Plattformen, Facebook, Twitter, Instagram und den Finanzdienstleister Experian.

"Wisst ihr", schreibt die trauernde Mutter, "es gibt 26.000 Fehlgeburten in den USA, jedes Jahr. Millionen mehr bei euren Nutzern weltweit." Sie beschreibt, wie es sich anfühlt, "mit den leersten Armen der Welt" aus dem Krankenhaus zu kommen und beim ersten Blick ins Internet dieselben Anzeigen gezeigt zu bekommen wie vor der lebensverändernden Tragödie: "Niederschmetternd".

Ihr offener Brief soll die Tech-Konzerne aufrütteln

Jemand wie Gillian, die als Journalistin fit im Umgang mit Facebook & Co. ist, weiß natürlich, wie man einzelne Anzeigen ausblenden kann. "Und wenn wir Millionen unglücklichen Menschen dann auf 'Ich will diese Anzeige nicht sehen' klicken, und auf die Frage 'Warum?' mit dem grausamen, aber ehrlichen: 'Das ist nicht relevant für mich' antworten" – dann ist das noch lange keine Lösung für das Problem. "Euer Algorithmus geht dann davon aus, dass wir unser Kind geboren haben und alles glücklich ablief." Statt Produkte für Schwangere bekäme man nun Produkte für junge Mütter und Spielzeug für kleine Kinder angezeigt. Zynisch.

"Bitte, liebe Tech-Firmen, ich bitte euch: Wenn ihr schlau genug seid um zu wissen, dass ich schwanger war und mein Kind geboren wurde, dann seid ihr doch sicher auch schlau genug um zu wissen, dass mein Baby gestorben ist und könnt mir entsprechend Werbung zeigen – oder eben nicht." Mit diesen Worten endet der offene Brief, den Gillian mit der Welt teilte.

Facebooks Angebote reichen nicht aus

Rob Goldmann, ein Facebook-Mitarbeiter, meldete sich zwar in den Kommentaren zu Gillians Brief engagiert zu Wort und wies sie auf eine Funktion hin, mit der man – tief in den Profileinstellungen vergraben – auswählen kann, zu welchen Themen man keine Anzeigen sehen möchte. Als Gillian diesen Rat aber befolgte, wurde ihr direkt im Anschluss Werbung einer Adoptionsagentur gezeigt. Es scheint, als hätten die sozialen Netzwerke in Sachen Mitgefühl noch viel, viel zu tun.

Quelle: Twitter

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wt

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