HOME
Bayern-Reihe

Bei Herrmanns dahoam: "Wer ist denn der Bobby?" "Der Michael, weißt schon, der mit den roten Haaren"

Für den stern erzählt Autorin Claudia Herrmann mit einem ordentlichen Schuss Selbstironie, wie es bei ihnen "Dahoam in Bayern" so zugeht. Dieses Mal schildert sie von den Schwierigkeiten, ihren pubertären Sohn zu verstehen.

Eine Gruppe Teenager

Von ihren Taufnamen bleibt bei Teenagern in der Pubertät nichts übrig, ihre neuen Namen sagen eher etwas über ihren Charakter oder ihr Aussehen – wenn man die Hintergründe kennt ...

Getty Images

Wir versuchen ja immer alle, unsere Kinder zu verstehen, obwohl das wirklich nicht leicht ist. Jedenfalls nicht zwischen dem 13. und dem 23. Lebensjahr. Ich dachte immer, ich – als sehr junge Mutter – muss doch besonders nah dran sein an der Brut. Muss ja schon einen Unterschied machen für einen Halbwüchsigen, ob die Mama 35 oder 55 ist, oder??

Tja, Pustekuchen! Das ist ziemlich egal, spielt keine Rolle. Auch ich musste beim Abholen um die Ecke parken. Wäre ja nicht so, dass ich ihm dann ein Küsschen aufdrücken würde und seine Freunde ausfrage. Bin ja durchaus zurückhaltend und diskret. Aber allein meine Anwesenheit ist peinlich, störend, nicht passend.

Trotzdem versuche ich irgendwie, einen Draht zu ihm halten, damit ich ihn verstehe. Manchmal google ich deswegen auch viel. Wenn er zum Beispiel irgendeinen Ausdruck gebraucht, den ich nicht kenne, sag ich zustimmend: "Ja, ja, hhhmm, ist klar, ne, sehe ich auch so", obwohl ich keine Ahnung habe, worum es geht. Abends setze ich mich dann an den PC und google den Ausdruck. Gestern zum Beispiel: "Spoiler mich nicht." Ich erklär jetzt nicht, was das heißt – googeln Sie das selber.

Ein Konversationsbeispiel

Manchmal wird man trotz allen guten Willens vor Herausforderungen gestellt, so wie letztens. Ich frage meinen Sohnemann:
"Wem gehört denn die Jacke?"
"Dem Haba."
"Wem?"
"Dem Haba."
"Heißt der so?"
"Ne, der heißt eigentlich Thorben. Aber bei dem ist der Akku immer Halb am Arsch. Deswegen nennen wir den Haba."
"Aha. Und wo ist deine Jacke?"
"Beim Bobby."
"Wer ist denn der Bobby?"
"Der Michael, weißt schon, der mit den roten Haaren."
"Wieso nennt ihr den denn Bobby?"
"Keine Ahnung! Aber mach dir keine Sorgen, der Onebrow-Dan bringt die Jacke nachher vorbei, wenn wir zum Rainbow gehen."

Nur mal so um mein Problem zu verdeutlichen. So einfach ist das alles nämlich gar nicht.

Porträt Claudia Herrmann

Claudia Herrmann sagt über sich selbst: "Ich bin nicht die beste Mutter und auch nicht die beste Ehefrau. Und ganz sicher nicht die beste Tochter. Perfektion können andere – ich nicht. Ich habe irgendwann beschlossen, dass mir das egal ist. Das klappt am besten mit einer Riesenportion Selbstironie."

Ich habe recherchiert!

Aber ich habe, mit erheblichem Arbeitsaufwand, folgendes rausgefunden: Onebrow-Dan wird so genannt weil seine beiden Augenbrauen zusammengewachsen sind. Er hat also praktisch nur eine. Wie früher der eine in der "Sesamstraße".
Der Rainbow verdankt seinen Namen einer eigenen Geschichte. Die Lehrerin der 10a ist äußerst bedacht darauf, ihre Schüler gesellschaftlich korrekt zu erziehen. Bei einer Diskussion über Ausgrenzung sagte ein Schüler: "Aber der Fabian ist ja auch schwarz und uns interessiert das überhaupt nicht, obwohl wir wissen, dass er kleine Eier hat!" Dabei lacht er sich scheckig. Fabian lacht sich auch kaputt und sagt: "Hey Alter, wenn du meine Eier siehst, erschrickst du! Versprochen!" Beide machen High Five und alles ist bestens.

Die Lehrerin ist äußerst alarmiert und hält einen zehnminütigen Vortrag darüber, das sie keinerlei Diskrimination in ihrer Klasse akzetpiert und sie nicht möchte, dass jemand noch mal "schwarz" genannt wird. Daraufhin sagt der schwarze Fabian, der hier geboren wurde, genervt: "Aber ich BIN schwarz! Was soll das? Ich bin ja nicht regenbogenfarben! Ich bin schwarz!" Worauf alle Jungs in der Klasse die Lehrerin auffordernd anschauen, die feuerrot wird und ihren Vortrag beendet. Seitdem heißt der Fabian Rainbow. Er selbst wird lieber Rainbow Warrior genannt, frei nach Bob Marley. Aber Rainbow ist sein Rufname.

Überhaupt, Spitznamen!

Parallel dazu gibt’s noch ganz viele andere Namen. Zum Beispiel der Flummi! Das ist der ADSler, der immerzu aufgedreht ist und nicht stillstehen kann. Ab und zu verkauft er sein Ritalin an die Kiffer in der zwölften Klasse.

Oder die Zwiebelfresse! Der hatte in der Grundschule immer ein Zwiebelbrot dabei. Ernsthaft! Ja, und da ist der Name über all die Jahre irgendwie hängen geblieben.

Es gibt auch "The Brain". Jetzt ist es nicht so, dass der Junge irgendwie besonders intelligent ist, oder so. Nein, nein. Der Bub hat nur ein immenses Wissen über Bier! Der weiß genau, welche Sorte obergärig oder untergärig ist. Welches wie viel Stammhopfen hat und wie die beste Trinktemperatur ist. Außerdem bringt er immer Bier von kleinen Brauereien zum Testen mit. Der macht da eine kleine Wissenschaft draus, der Kleine. Alle sind sich sicher, dass er mal Bierbrauer wird.

Dann gibt's den Kiffer-Nik. Das ist der Niklas. Wenn Sie den einmal sehen würden, müsste ich gar nichts mehr beschreiben. Der ist soooooooo langsam. Sie würden ihn sehen und sagen: "Jo! Alles klar! Das ist der Kiffer-Nik!" Immer wenn der da ist, schärf ich ihm ein, im Straßenverkehr gut aufzupassen. So langsam ist der! "Gell, Nik! Immer schön nach rechts und links schauen!"

Dann gibt’s noch den großen und kleinen Leo. Das ist einfach. Zwei Leonhards – einer 1,60 Meter groß, der andere 1,90 Meter.
Schwieriger schon bei der großen und der kleinen Lisa, weil ... die beiden gleich groß sind! Die große Lisa hat nur große Brüste! Muss man auch erst mal drauf kommen.

Bitches und Dealer gibt es auch

Etwa die Pony-Anna, parallel dazu die Moët-Bitch-Anna. Die Pony-Anna ist in einer Gruppe von Mädels, die alle nur übers Reiten reden und bei der Jungs uninteressant sind. Die Moët-Bitch-Anna ist in der Reiche-Mädchen-Gruppe, die damit prahlen, das sie alle nur Moët-Sekt trinken.

Dann gibt es noch den Dealer. Is' aber gar nix Schlimmes, weil – der dealt nicht wirklich. Der verkauft den Siebtklässlern Oregano als Gras. Hat er mir das letzte Mal erklärt, als er da war. Als seine Mutter mal Oregano getrocknet hat, hat er sich gedacht, dass das ziemlich ähnlich aussieht.
"Und die wollen immer mehr von dem Zeug! Die können gar nicht genug davon bekommen!", hat er sich neulich kaputtgelacht.
"Ja aber ist das nicht unmoralisch, die so zu bescheißen?", hab ich ihn nervös gefragt.
"Wär's Ihnen lieber, jemand verkauft ihnen richtiges Gras??", hat er mich herausfordernd gefragt.
"Nein, nein! Natürlich nicht!", habe ich beschwichtigend geantwortet. Tja, das war meine Begegnung mit dem Dealer.

Das ist echt kein Mobbing!

Dann gibt's noch zwei politisch sehr unkorrekte Sachen, aber bei den Jungs gibt’s da Gott sei Dank keine Unterschiede. Alle werden gleich verarscht. Egal, wo du herkommst – kein Welpenschutz!

Das ist einmal der Mei-Ling, der in Wirklichkeit Tristan (ja, er heißt wirklich so) getauft wurde und eine japanische Mutter hat. Der kommt hier her zu uns und sagt: "Servus, i bin da Mei-Ling." Den kann ich ja dann auch nicht Tristan rufen, oder?? Ich umgehe es jetzt immer, ihn mit Namen anzusprechen.

Das andere ist der Kameltreiber. Das ist der Darian aus dem Iran, der meinen Sohn "Analphabet" nennt, weil der eine Lese-Rechtschreib-Schwäche hat.

Und dabei ist das alles ganz neutral oder sogar nett gemeint. Jedenfalls immer mit einem fetten Grinsen im Gesicht. Nett anzuschauen, wie die Jungs die ganze Rassmisus-/Integrations-Debatte unkompliziert unter sich lösen. Ich meine der Onebrow-Dan beschwert sich ja auch nicht, das sein Spitzname politisch nicht korrekt ist, oder??

All diese Zusammenhänge habe ich selbständig recherchiert. Durch zigmaliges Nachfragen! Wissen Sie, wie schwer es ist, zigmal beim eigenen Kind was nachzufragen und auch Antwort zu bekommmen? Da brauchen Sie aber Nerven wie Drahtseile! Und ich hab's durchgezogen.

Ich dachte, ich bin voll im Bild. Gestern hatte ich mit meinem Sohn folgenden Dialog:
"Wo gehst du hin?"
"Zum Dobby."
"Wer ist das denn?", hab ich freudig nachgefragt. Ich kenn ja jetzt, durch meine Recherche, alle Zusammenhänge und versteh die Grundlage der Spitznamen. Außerdem bin ich auch noch eine junge Mutter!
"Das ist der Dominik. Der heißt so, weil er der freie Hauself ist. Der bekommt die Zauberstabsocke!"
Spricht's, nickt mir aufmunternd zu und verlässt die Höhle. Ich sehe ihm eine Zeitlang irritiert hinterher.
Scheiß drauf – ich lass es!

10 Geheimnisse des CSU-Politikers: SPD-Schreck: warum Markus Söder den Spitznamen "Dr. No" trägt

Wissenscommunity