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Versuchstier: Nach dem Versuchslabor: Wie Beagle Toffee ein neues Zuhause fand

Toffee ist einer von jährlich zweitausend Hunden aus deutschen Laboren, die ein neues Zuhause finden. Wir haben den Beagle dabei begleitet.

Von Frauke Gans

Beagle Toffee und seine dunkelhaarige Besitzerin. Sie trägt einen gelben Schal

Bei Anja Klingspon hat Beagle Toffee ein neues Zuhause gefunden 

Wenn Beagle Toffee im Meutezimmer des Versuchslabors schläft und brummend die Vorderläufe in die Flanke eines seiner Rudelmitglieder streckt, träumt er eigentlich nicht von einem Leben im Einfamilienhaus. Er kennt es nicht. ­Jeden Morgen klickt der Schlüssel im Schloss, der Hund schnellt auf und stürmt mit seiner Meute dem Pfleger entgegen. Typisch Beagle. Wer am schnellsten rennen kann, springt dem Aufpasser in den Arm. Es ist Zeit für das Frühstück, anschließend öffnet sich für die Laborhunde eine Tür ins Freie, damit sie zum Spielen auf die Wiese stürmen können. Nachts schließt sich die Tür hinter Toffee und der Rüde kuschelt sich mit seinem Rudel aneinander. Das hier ist seine Welt. Aber irgendwann verlassen die meisten der Tiere das Labor und dürfen ein ganz normales Hunde­leben führen. Für Toffee ist es soweit.

Das Cover der neuen Dogs. Kleiner Hund läuft an Leine über grüne Wiese

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Bis vor etwa zehn Jahren wäre es für ihn wahrscheinlich nicht so verlaufen. Oder wenn Toffee in einem anderen Labor aufgewachsen wäre. Verkabelte Hunde, jeder für sich eingesperrt in einem kleinen gekachelten Raum ohne Tageslicht, waren üblich in Deutschland. Es gibt noch einige dieser Labore, weil sich manchmal nicht an Vorgaben gehalten wird und die Kontrollen zu locker sind. Grundsätzlich aber unterliegt die Haltung von Versuchshunden heute dem europäischen Tierschutzgesetz. Das bedeutet: keine Einzelhaltung, dafür Spielzeug, Pfleger, Tierärzte, Freilauf und schließlich – falls gesund – die Entlassung. Die Regeln gelten auch für den Chemiekonzern BASF: "Unsere Hunde leben in Fünfergruppen nach Geschlecht getrennt und können tagsüber immer ins Freie. Nur die Fütterung verläuft einzeln, damit jeder das für ihn vorgesehene Fressen und gegebenenfalls die entsprechende Testsub­stanz bekommt. Nach ihrer Entlassung geben wir die Hunde an Vermittlungsvereine, damit sie ein Zuhause finden."

Außerdem besagen die Regeln, dass Tieren grundlos kein Schmerz mehr zugefügt werden darf und Versuche sind ausschließlich in der Grundlagenforschung, Medizin oder der Toxikologie erlaubt beziehungsweise vorgeschrieben. Lebewesen dürfen nach europäischem Recht nur eine einzelne schwere Testreihe durchlaufen und Zuchthunde begrenzte Zeit in Anspruch genommen werden. Leider gibt es einige Punkte in der EU-Versuchstierrichtlinie, die Deutschland erst gar nicht umgesetzt hat, wie die Anwesenheit eines Tierarzts während der Tests. In Brüssel wurde deshalb ein Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet. Und bei aller Euphorie über die neuen Regelungen, nach wie vor sterben Tausende Tiere bei Versuchsreihen oder für die Organentnahme, alternative Tests sind dringend gefordert. Die früher übliche "Entsorgung", also das Einschläfern, ist auch hierzulande bereits verboten. Leidet ein Tier, ist die Eu­thanasie zumindest antragspflichtig. Alle gesunden Tiere werden vermittelt. Dafür gibt es unabhängige Vereine, die sich zum Ziel gesetzt haben, das bestmögliche Zuhause für sie zu suchen. Wie jetzt für Beagle Toffee. Und der weiß natürlich nicht, dass er bald ein richtiges Zuhause bekommt – mit fünf Jahren. Im Labor ruft man ihn Idefix. Decktiere tragen manchmal Namen, Testtiere eher Nummern, meist aus Selbstschutz der Pfleger.

Wer einen Beagle aus dem Labor­ adoptieren möchte, wird intensiv geprüft

Während Toffees/Idefix’ Kopf schlafend auf dem Rücken einer seiner Kumpels liegt, klingelt im Laborbeagleverein morgens das Telefon. Die Logopädin Anja Kling­spon war im Internet auf die Website der Organisation gestoßen und hatte sich entschlossen, einen Versuchshund zu adoptieren. Jetzt möchte sie sich informieren und spricht mit Roswitha Schnabel, der zweiten Vorsitzenden des Vereins. Das Gespräch dauert eine volle Stunde. Toffee trabt inzwischen ahnungslos mit einem Quietscheschuh zwischen seinem Zimmer und dem Hof hin und her. Anja Klingspon muss noch ein zweites langes Telefoninterview und eine Teamsitzung mit dem Verein hinter sich bringen, bei der sie ihre Vorlieben zum Alter, Geschlecht und Charakter des Hundes vortragen darf. "Ich hatte es so eilig. Jetzt habe ich drei ewig lange Gespräche hinter mir und immer noch keinen Hund."

Wer einen Beagle aus dem Labor­ adoptieren möchte, wird intensiv geprüft. Das Leben in deutschen Versuchseinrichtungen ist reizarm und ruhig, deshalb ist der Übergang aus dieser stillen Welt in das pralle Leben ein Schock für die Tiere. Ein weiterer Zuhausewechsel soll vermieden werden. "Also stimmen wir Halter und Hund möglichst perfekt aufeinander ab", erklärt Roswitha Schnabel das Prozedere. "Außerdem sind unsere Kriterien gewaltfreie Erziehung und die passenden Lebensumstände unumgänglich. Und keinesfalls soll Mitleid der Antrieb für die Adoption sein. Die Beagles haben mit der Vergangenheit abgeschlossen. Halter dürfen keine Dankbarkeit von ihnen erwarten. Im Gegenteil, die Tiere haben Menschen einen riesigen Dienst erwiesen." Aber warum eigentlich Beagle? " Die Charaktereigenschaften der Rasse scheinen am geeignetsten für das Labor­leben." Und sind die Hunde nicht gestört oder krank durch die Versuche? "Nein, wir stehen in engem Kontakt zu den Laboratorien, und die Haltung in unseren ist artgerecht. Tierärzte achten darauf, dass die Hunde die Einrichtung gesund verlassen." Der Verein erhält Informationen zu den Beagles, allerdings nicht über deren Job oder die Art der Versuche. Bei Toffee lässt der vorherige Name Idefix aber die Zuchtaufgabe erahnen.

Welpe  sieht aus wie ein Hunde-Katzen-Hybrid.

Im Labor erfährt derweil der Pfleger, dass sein Schützling bald gehen soll, und am 1. Mai ertönt bei Anja Klingspon in Badenhausen das vertraute Ping in ihrem Mailordner. Nachricht des Vereins und im Anhang zwei Beagle-Bilder, Sam und Toffee. Anja greift sofort zum Telefon. "Ich möchte den in Tricolor." Acht Tage darauf sitzt Toffee draußen in der Frühjahrssonne, als eine ihm fremde Frau über die Laborwiese schlendert, ihm den Kopf tätschelt und ein Geschirr umschnallt. Sein Pfleger hat Erfahrung mit Abschieden, muss aber trotzdem schlucken. Ein letztes Mal springt Toffee in seinen Arm, zum ersten Mal setzt der Hund eine Pfote vor die Tür seines Geburtsorts. Den Standort kennen nur der Verein und die Firmenmitglieder. Toffee betrachtet ängstlich geduckt die Transportbox, so etwas hat er noch nie gesehen. Die fremde Frau ist Ursel Schlitt vom Verein Labor­beagle, sie lockt ihn mit Leckerlis, die Tür schließt sich hinter ihm und Toffee schwebt in den Fond des Wagens. Dann Motorengeräusche, fremde Gerüche, viele Menschen, weite Felder. Würde der Hund Achtzigerjahre-Kinofilme kennen, müsste er an Julius Benedict aus dem Schwarzenegger-DeVito­Film "Twins – Zwillinge" denken, als dieser zum ersten Mal seine tropische Insel fern aller Zivilisation verlässt, um in die USA zu reisen.

"Er wird sich schnell an alles gewöhnen" 

Zwischenstation in Ursel Schlitts Garten und Sitz des Vereins in Neustadt-Momberg. Die ersten Blumen in Toffees Leben zum Beschnuppern. Und Neu-Frauchen Anja, die ihm freudestrahlend entgegenläuft. Toffee wedelt mit dem Schwanz, aber zuckt nervös zurück. Weshalb sich Anja besorgt neben ihn auf den Boden kniet: "Soll ich erst alles reizarm gestalten, damit es ruhig wie im Labor ist?" Ursel Schlitt schüttelt sofort den Kopf. Toffee sei wie die meisten entlassenen Laborhunde in Deutschland ein gesunder, sozialer Hund. "Er wird sich schnell an alles gewöhnen." Erkundigt man sich bei der Vereinskollegin Gabriele Suhr in Melle, bestätigt auch sie die Aussage ihrer Neustädter Kollegin: "Wir vermitteln Hunde aus Laboren, in denen die Tiere anständig gehalten werden. Packt man sie danach mitleidig und ängstlich in Watte, überträgt sich die Nervo­sität auf die Tiere." Nur die Lärmempfindlichkeit nach der Labor­stille bleibe meist. Zum Jahrmarkt soll Toffee deshalb nicht. Aber in Anja Kling­spons Cabriolet. Gegen die Box wehrt er sich jetzt mit gestemmter Pfote. Die ersten Kilometer fährt er darum angeschnallt auf dem Beifahrersitz mit flatternden Schlappohren Richtung neues Zuhause Badenhausen im Harz. Die fremde bunte Welt zieht mit dem Fahrtwind an ihm vorbei und der Beagle staunt.

Die erste Zeit ist für Halter und Hund natürlich aufregend, aber es besteht kein Grund zur Panik. Auf Wunsch steht der Verein ein Beagleleben lang parat, inklusive Hausbesuch. Warum macht Roswitha Schnabel das alles? "Ich habe damals selbst ­einen Beagle aus einem Labor adoptiert und wollte mehr Tieren helfen." Wie schafft sie das emotional? "Wir akzeptieren die Versuche an Mensch und Tier mit der Faust in der Tasche, denn wer schwer krank ist, ist dankbar um Medikamente. Aber es muss eine Alternative zu Versuchen an Lebewesen gefunden werden." Auch bei der BASF betont man: "Wo möglich setzen wir ­Ersatz- und Ergänzungsmethoden ein." Trotzdem gilt es, jährlich in Deutschland über zweitausend Ex-Laborhunde zu vermitteln, und die Gesamtzahl der Versuchstiere, die sich hauptsächlich aus Mäusen und Fischen zusammensetzt, liegt knapp unter der Dreimillionengrenze, die Todeszahlen liegen über siebenhunderttausend.

Ohne Hilfe traut Toffee sich nichts

Anja Klingspon hat sich zwei Wochen frei genommen, um ihrem Beagle in Ruhe die Welt zu zeigen. Nach Toffees erster Nacht im Draußen treten die zwei aus dem Haus, laufen hinüber auf die Hundewiese zwischen Bäumen und Feldern, setzen sich nebeneinander in das taunasse Gras und schauen in den Sonnenaufgang. Eine weitere Premiere seit Toffees "Entlassung". Wieder im Haus, betrachtet er skeptisch die Treppe in das Obergeschoss. "Im Labor gab es keine Stufen", erinnert sich Anja Klingspon an Roswitha Schnabels Hinweis. Es gab aber auch keine Fleischwurst. Sie greift in den Kühlschrank und lockt ihn mit seinem neuen Lieblingsessen hinauf. Es dauert trotzdem Tage, bis er sich ganz nach oben traut. 

Auch Wasser kennt er nur zum Trinken oder aus dem Schlauch für die Bodenreinigung. Toffee folgt Anja zwar vorsichtig in die glitzernde Oberfläche eines örtlichen Badeteichs, aber neugierige Karpfen, die an seine Pfoten stupsen, beenden die Schwimmkarriere schnell: Angewidert springt er an Land und schüttelt spritzend das Fell aus. Anja lacht: "Ohne Hilfe traut er sich nichts. Aber es wird." Zweimal pinkelt Toffee in den Flur vor der Haustür – Laborhunde sind nicht stubenrein. Beide Male schnell den Hund zur Tür hinausgeschoben, und ihm ist klar: Das Klo ist im Freien.

Zwei Wochen nach seiner Entlassung begleitet Toffee Anja zum ersten Mal zu ihrer Arbeit als Logopädin. Auf ihrem Handy sammeln sich Fotos des früheren Laborbeagles, die sie teilweise an den Verein schickt, der sie auch an den ehemaligen Pfleger weiterleitet. Er fragt regelmäßig nach seinen Hunden. Zusammen joggen Anja Klingspon und Toffee jeden Nach­mittag den Feldweg der Hundewiese entlang, als Training für einen Marathon. Toffees zweites Leben hat begonnen. Ein ­Spaziergänger bewundert den trabenden Hund. Anja bleibt stehen und erzählt von seiner Herkunft. "Das arme Tier" möchten man bedauernd ausrufen. "Och nö," findet Anja. "Mitleid braucht er keines. Wir brauchen Alternativen zu Tests an Lebewesen."

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