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Dogsharing: Der geteilte Hund: Beim Dogsharing teilt man sich Gassi- und Schmusezeiten

Ein Hund, zwei Halter – für viele die perfekte Lösung. Vor allem Berufstätige und Menschen, die in ihrer Wohnung keinen eigenen Hund halten können, profitieren von dem Sharing-Konzept.

Von Bianca Klement

Familie Köhler nicht mit Hündin entgegen

Familie Köhler holt Aussie-Hündin Ebba bei Frauchen Clara Lenné ab. Die schwarz-weiße Ebba fühlt sich bei ihrer Zweitfamilie pudelwohl und liebt es, mit den Kindern zu spielen.

Es geht los. Ebba hat die pinkfarbene Kunststofftasche gesehen, die Frauchen Clara Lenné in die Hand genommen hat. Die schwarz-weiße Australian-Shepherd-Hündin weiß genau, was das bedeutet: Ein Ausflug steht auf dem Programm. Einer, der der Hündin sehr gefallen wird: Sie kommt zu den Köhlers. Die Köhlers sind so etwas wie Ebbas Zweitfamilie. Wann immer Clara Lenné länger arbeiten muss oder einen wichtigen Termin hat, bringt sie ihre Hündin zu der vierköpfigen Familie. In der großen Plastiktasche befindet sich die Grundausrüstung für die quirlige Hündin: Leine, Ersatznapf, Anschnallgurt für das Auto, Geschirr und natürlich Spielzeug. "Ebba freut sich wie verrückt, wenn wir dann bei den Köhlers vor der Tür stehen. Und das bleibt so, bis wir uns wiedersehen: Sie will gar nicht nach Hause, wenn ich sie abhole." Für die Hamburgerin Clara ist Ebba der erste eigene Hund. Im vergangenen Jahr hat sie die Aussie-Hündin zu einem Therapiehund ausbilden lassen, um sie auch mit zur Arbeit in der Kita nehmen zu können. Dreimal in der Woche ist die schwarz-weiße Ebba deshalb jetzt dort im Einsatz. "Ebba ist sehr menschenfreundlich und liebt Kinder", sagt Clara. Weil es jedoch immer mal Tage gibt, an denen Clara ihren Hund nicht dabei haben kann, sie Ebba aber auch nicht lang alleinlassen will, hat sie sich vor gut einem Jahr für das sogenannte Dogsharing entschieden, um ihren Hund hin und wieder zu teilen.

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Dogsharing-Plattformen sind im Internet sehr beliebt – bei Hundehaltern sowie Hundefreunden

Im Internet gibt es zahlreiche Gruppen in den sozialen Netzwerken und auch große Onlineplattformen, auf denen Hundehalter und Hundefreunde Kontakt zueinander finden können. "Familie sucht Hund zur Betreuung an Abenden oder am Wochenende", "Hundeliebhaberin sucht flauschigen Freund" oder "Zweites Zuhause für meinen Hund gesucht", so oder so ähnlich klingen Tausende Inserate im Internet. Über die Profilbeschreibungen kommt man einander schnell näher. "Beim Dogsharing geht es nicht nur darum, dass man auf einen Hund aufpasst, sondern auch dass man neue Kontakte findet. Dass man sich zum Spielen trifft und neue Leute kennenlernt", erklärt Michael Jezela. Der Berliner hat 2015 mit zwei seiner Freunde die Onlineplattform Dogsharing.de gegründet. Auf der Website findet man über die Eingabe der Postleitzahl in Sekundenschnelle registrierte Hundehalter oder -freunde in der Umgebung. "Alles ist kostenlos. Es geht nicht um Profit. Nicht für uns und nicht für die Halter. Alles funktioniert auf Vertrauensbasis. Wir möchten, dass es um Hundeliebe geht", sagt Michael Jezela. "Gerade wenn man neu in eine Stadt kommt, ist es nicht immer leicht, schnell Anschluss zu finden. Aber Hundehalter sind ja eine besonders liebenswerte Gruppe von Menschen, über die Plattform kann man sich leicht vernetzen und Kontakte knüpfen."

Das Konzept trifft den Zeitgeist. Viele Menschen wünschen sich einen Hund, haben aber nicht die Zeit, sich angemessen um ein Haustier zu kümmern. Auf der anderen Seite gibt es diejenigen, die zwar einen Hund haben, aber hin und wieder ein bisschen Hilfe gebrauchen können. Zum Beispiel wenn aus der Teilzeitstelle ein Fulltimejob wird. Wenn man die Beförderung bekommt, auf die man hingearbeitet hat. Oder wenn die Beziehung in die Brüche geht und man die ganze Verantwortung plötzlich allein trägt. Es gibt viele Gründe, weshalb man seinem Hund nicht die Rundumbetreuung geben kann, die man möchte. Statt die geliebte Fellnase also stundenlang alleinzulassen, entscheiden sich immer mehr Menschen dazu, ihren Hund zu teilen. Als verantwortungsbewusster Halter gibt man seinen Liebling natürlich nicht zu irgendwem. Bevor es zur Übergabe kommt, ist vorheriges Beschnuppern wichtig, für alle Beteiligten. "Das Beste ist, wenn man einander vorher kennenlernt. Es liegt immer in der Verantwortung des Halters, wie oft man sich trifft. Viele Leute wünschen sich langfristige Beziehungen", so Michael Jezela.

Mehr als 17 500 Menschen haben sich bei Dogsharing.de registriert, die Zahl steigt täglich. In Großstädten wie München, Berlin und Hamburg gibt es viele Anmeldungen. "Es ist eine Win-win-win-Situation. Der Hund bekommt durch das Dogsharing mehr Aufmerksamkeit und Liebe. Der Halter, der vielleicht ein schlechtes Gewissen hat, weil er seinen Hund schon oft alleingelassen hat, wird entlastet. Auch der Hundefreund profitiert. Oft sind das Leute, die immer mit einem Hund aufgewachsen sind und nun in der Stadt wohnen und einfach den Kontakt zu Hunden suchen."

Es gibt auch kritische Stimmen, wie Josef Pucher von der Plattform Hundelieb.com weiß. Zusammen mit einer Studienkollegin betreut der Wiener das Dogsharing-Portal für Nutzer aus Österreich, Deutschland und der Schweiz. "Als wir mit unserer Seite gestartet sind, gab es durchaus Kritik. Manche fanden die Idee, einer fremden Person seinen Hund anzuvertrauen, absurd. Auch Hundetrainer sind auf uns zugekommen und haben uns gewarnt, dass es nicht gut sei, wenn ein Hund viele verschiedene Bezugspersonen hat." Pucher und seine Partnerin ließen sich nicht beirren: "Inzwischen hören wir nichts Negatives mehr."

Emotionale Bindung: Die Rückgabe des Hundes fällt schwer – manchen Sharern zu schwer

Tausende Hundefreunde und -halter haben bereits über viele verschiedene Wege zueinandergefunden und sind glücklich. Denn letztlich entscheidet immer der Besitzer, wem er seinen Hund anvertraut und wem nicht. Man lernt sich kennen und schaut, ob eine vertrauensvolle Partnerschaft möglich ist. In den meisten Fällen funktioniert das Arrangement, doch das ist nicht immer so. Heino van Wahnem hat erlebt, wie emotional Dogsharing sein kann und dass es nicht immer leichtfällt, sich von dem tierischen Begleiter auf Zeit zu trennen. Er selbst ist erfahrener Hundehalter und hat in Hamburg ein Haus mit einem großen Garten. Der Tod seines Terriers vor wenigen Jahren hat eine Lücke hinterlassen. Doch die Sehnsucht nach einem Freund auf vier Pfoten ist groß. "Wenn ich einen Hund sehe, kriege ich manchmal Tränen in den Augen", sagt er. Trotzdem blieb Heino zunächst ohne Vierbeiner.

Als er schließlich durch einen Jobwechsel für einige Wochen flexibel war, beschloss er, wieder mehr Zeit mit Hunden zu verbringen. Durch Zufall stieß er auf eine lokale Dogsharing-Gruppe auf Facebook. "Ich hatte schnell Kontakt zu einer fünfunddreißigjährigen Lehrerin mit einem zehn Wochen alten Puggle-Welpen gefunden", erzählt er. "Die kleine Poppins war herzzerreißend süß. Stubenrein war sie noch nicht, aber das haben wir nach wenigen Tagen in den Griff gekriegt. Die Halterin hat Poppins jeden Morgen gebracht und abends wieder abgeholt." Fast zwei Monate ist die kleine Hündin von montags bis freitags bei Heino. Der schwarze Welpe mit den großen dunklen Augen wächst ihm ans Herz. "Wir hatten so viel Spaß. Die Liebe wurde immer größer, und es fiel mir immer schwerer, sie wieder abzugeben. Ich habe dann den Kontakt unter einem Vorwand abgebrochen." Der Bruch fiel Heino nicht leicht. Er vermisst den kleinen Hund noch immer. "Sie war einfach göttlich, die Kleine, und ich denke immer noch an sie", sagt er, und man hört den Schmerz in seiner Stimme. "Sie war gerade erst zehn Wochen alt, als sie mir das erste Mal gebracht wurde. Man konnte sehen, dass die Halterin Poppins liebt. Aber warum schafft man sich einen Hundewelpen an, wenn man alleine lebt und den ganzen Tag nicht zu Hause ist?"

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Poppins’ Frauchen Kathy Konitzky ist diese Frage gewohnt, doch sie steht zu ihrer Entscheidung. "Weshalb kriegen berufstätige Leute Kinder? Egoismus. Ganz klar!", sagt sie ehrlich. "Ja, ich wollte einen Hund. Die Umstände sind nicht perfekt. Sind sie bei anderen auch nicht immer. Zum Tierwohl verzichten? Wer definiert Tierwohl? Eltern wird ein Kind durch Berufstätigkeit auch nicht entzogen." Schon bevor sich die Erzieherin einen Hund ins Haus geholt hat, war ihr klar, dass sie Hilfe bei der Betreuung brauchen werde. "Damals hatte ich mich mit dem Thema Dogsharing auseinandergesetzt und bei der Hundewahl darauf geachtet, einen menschenbezogenen, aufgeschlossenen, ruhigen, wenig dominanten und nicht ängstlichen Hund zu wählen." Weil sie ihre Puggle-Hündin oft in die Hände anderer Menschen gibt, muss sie viel Kritik einstecken. "Als berufstätige Hundehalterin, besonders als Dogsharerin bekommt man ganz schön was ab. Ich muss mir anhören, dass ich unverantwortlich bin und egoistisch. Dass ich mich schämen sollte, weil das Tier leidet", sagt sie. "Es wird oft unsachlich, persönlich und beleidigend."

Fünfmal in der Woche ist Poppins bei jemand anderem. Trotzdem, so Kathy, sei sie die klare Bezugsperson. "Wenn es anders wäre, würde ich das Dogsharing so nicht machen wollen. Also wenn die Beziehung zwischen mir und dem Hund nicht innigerer wäre als zu einem Dogsharing-Partner." Kathy ist überzeugt von dem Konzept, den eigenen Hund zu teilen. Aber sie betont auch, dass Absprachen wichtig sind und dass die Chemie untereinander stimmen muss, nicht nur zwischen Hund und Mensch, sondern auch von Mensch zu Mensch. Als Besitzerin trägt sie alle Kosten, Versicherung, Steuern, Futter, Zubehör.

Die Hundemama ist sich bewusst, dass die aktuelle Regelung nicht optimal läuft, aber sie arbeitet daran – zum Wohl ihres Hundes und zu ihrem eigenen. "Denn wie könnte es mir gut gehen, wenn ich das Gefühl hätte, meinem Hund ginge es nicht gut?" Mittlerweile ist Poppins acht Monate alt. Mit ihren jetzigen Dogsharing-Freunden fühlt sich die Erzieherin wohl. "Zuverlässige Partner zu finden, die dauerhafte Beziehungen eingehen können und wollen, ist schwer", sagt sie. "Optimales Dogsharing wäre für mich fast wie eine Familienkonstruktion. Das ist vielleicht eine Utopie. Aber wünschenswert."

Dogsharing ist wie eine gute Partnerschaft

Clara Lenné hat bislang keine schlechten Erfahrungen mit Dogsharing gemacht. Sie hat ihre Wunschfamilie über eine Facebook-Gruppe gefunden. "Viele Leute haben sich dort vorgestellt, ihren Hund oder sich selbst. Ich habe das dann auch gemacht, weil Ebba Menschen liebt und Kinder sowieso. Bis vor Kurzem konnte ich sie noch nicht mit zur Arbeit nehmen, da sie noch nicht mit ihrer Ausbildung zum Therapiehund fertig war. Ich wollte sie aber auch nicht so viel alleinlassen und dachte, es wäre perfekt, wenn sich in der Nähe jemand findet, der sie hin und wieder nehmen könnte. Dann hat sich eine sehr nette Familie mit zwei kleinen Kindern bei mir gemeldet." Familie Köhler war Clara auf Anhieb sympathisch. "Bevor ich Ebba dagelassen habe, wollte ich natürlich die Familie persönlich kennenlernen. Die Köhlers haben bei mir in der Nähe einen Schrebergarten, und da es Sommer war, haben wir uns da alle zusammen getroffen. Die Kinder haben dann gleich mit Ebba im Garten gespielt und ich hab mich mit den Eltern zusammengesetzt und geklärt, was Ebba darf und was man nicht machen sollte. Das passte alles super."

Auch Nancy Köhler ist überglücklich, dass Ebba in ihr Leben getreten ist. "Leider dürfen wir bei uns in der Wohnung keinen Hund halten. Und da unsere Kinder noch klein und mein Mann und ich außerdem noch beide berufstätig sind, hätten wir im Moment auch gar nicht die Zeit für einen eigenen Hund. Aber wir wollten trotzdem, dass Lia und Phil früh Kontakt zu Hunden haben." Für die dreijährige Lia und den fünfjährige Phil ist Ebba jedenfalls der perfekte Anfängerhund. Sie ist für die Kleinen zu groß, um sie hochzuheben, ist aber trotzdem nicht so riesig, dass sie ihnen Angst macht. "Für die Kinder ist das toll. Sie lernen viel über den Umgang mit Hunden. Phil liebt Ebba. Durch sie lernt er, dass ein Hund auch Verantwortung bedeutet und man auch dann spazieren gehen muss, wenn es mal regnet. Er weiß auch, dass man nicht auf fremde Hunde zustürmt und immer erst fragt, ob man sie anfassen darf." 

Ebba ist bei den Köhlers stets ein gern gesehener Gast und bleibt auch mal über Nacht. Trotzdem ist allen klar, dass Clara die Hundemama ist und Ebba wieder nach Hause muss. Manchmal vergehen Wochen, an denen die Aussie-Hündin nicht bei ihrer Zweitfamilie ist, mitunter bleibt sie übers Wochenende. Die Vereinbarungen werden auf Zuruf getroffen und sind nicht einseitig. "Es ist nicht so, dass ich Ebba nur abgebe, wenn ich Termine habe und Hilfe brauche. Manchmal ruft auch Phil an und möchte mit Ebba in den Wald. Das nehme ich sehr gern an, denn ich weiß, dass Ebba mit den Kindern immer eine gute Zeit hat. Wenn sie wieder nach Hause kommt, ist sie ausgelastet und hat mit den Kindern getobt. Ebba hatte Spaß, die Kleinen hatten Spaß und ich einen entspannten Nachmittag." Clara hat mit den Köhlers die idealen Partner gefunden. "Dogsharing ist eine tolle Sache. Auch wenn ich Ebba schon vermisse, wenn sie nicht bei mir ist. Aber ich glaube, jeder Hundebesitzer freut sich, auch mal ein paar Stunden Zeit für sich zu haben. Ohne schlechtes Gewissen."

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