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Menschen in der immer gleichen Kleidung Eine Bluse für das ganze Jahr


Was will ich essen, was zieh ich an? Tausende von Entscheidungen treffen wir jedes Jahr. Um diese Zahl zu reduzieren, greifen immer mehr Menschen zu der immer gleichen Kleidung.

Ein Jahr im gleichen Kleid, im gleichen Anzug oder in der gleichen Hose: Die Idee, seinen Kleiderschrank zu reduzieren und so auch die Zeit, die man vor diesem verbringt, ist nicht neu. Ein großer Verfechter dieser Modeüberzeugung ist US-Präsident Barack Obama. Er trägt zwar nicht immer den gleichen Anzug, beschränkt sich aber auf die Farben Blau und Dunkelgrau. In einem Interview mit der "Vanity Fair" erklärte er, dass er versuche, die Zahl seiner Alltags-Entscheidungen zu reduzieren. "Ich will mich nicht entscheiden müssen, was ich essen oder anziehen soll. Weil ich einfach schon so viele andere, viel wichtigere Entscheidungen treffen muss."

Bei Matilda Kahls führte ein stressiger Montagmorgen dazu, dass sie sich und ihrem Kleiderschrank eine Radikalkur verordnete: Nachdem sie zu Hause viel Zeit damit vergeudet hatte, nach dem perfekten Arbeitsoutfit zu suchen (nicht zu leger, nicht zu sexy, nicht zu süß), kam sie verspätet und genervt zu einem wichtigen Meeting - und zwar in einem Outfit, dass sie schon in der U-Bahn bereute. Um solche Fehler in Zukunft zu vermeiden, kaufte sie sich 15 identische weiße Seidenblusen, mehrere schwarze Hosen und entwarf für sich ihre eigene Arbeitsuniform. Seit drei Jahren trägt die Kreativdirektorin einer großen Werbeagentur in New York nun schon das immer gleiche Outfit.

Langweilig findet die 27-Jährige das nicht. Im Gegenteil: "Am Wochenende tobe ich mich umso mehr aus. Aber in der Woche muss ich mir keine Gedanken mehr über meine Kleidung machen und fühle mich immer wohl", schrieb sie in einem Essay für "Harper's Bazar". Am Anfang waren ihre Kollegen verwirrt, fragten sogar, ob sie einer Sekte angehöre, doch inzwischen haben sich alle an Matildas Uniform gewöhnt. Mehr noch, in dieser Woche feierten ihre Kollegen sogar den "Dress like Matilda Day" und trugen einen Tag lang Matildas inzwischen berühmten Look.

Was Verzicht alles bewirken kann, zeigen die nachfolgenden Beispiele von Menschen, die sich für eine gewisse Zeit einem einzigen Kleidungsstück verschrieben haben.

1. Die amerikanische Künstlerin Andrea Zittel designte Anfang der 90er Jahre Kleider, die sie jeweils ein halbes Jahr lang trug. Das

Kunstprojekt trug den Namen "Six Month Uniform"

und war laut Zittel eine Reaktion auf Überfluss und die Macht von Designer-Kleidung. Auch für sie hatte die immer gleiche Kleidung etwas Befreiendes, wie sie in einem Interview mit dem Magazin "Art" erzählte.

2.

"The little brown dress"

, so heißt der Blog, den die Malerin Alex Martin 2005 über ihr Leben in einem braunen Kleid führte. Sie wollte damit ein Zeichen gegen den Konsumwahn der heutigen Gesellschaften setzen.

3. Bei der New Yorkerin Sheena Matheiken ging es nicht nur um die persönliche Darstellung oder den Verzicht - die Grafikerin trug ausschließlich

ein schwarzes Kleid

, um Spenden für ein indisches Schulprojekt zu sammeln.

4. Meike Winnemuth, eine deutsche Journalistin, die auch für den stern schreibt, trug 2012 nicht nur ein Jahr lang das gleiche blaue Kleid, sondern trennte sich auch jeden Tag von einem Gegenstand in ihrem Haushalt. Ihre Erkenntnis

nach 365 Tagen im kleinen Blauen

: "Erstens: Kleider machen keine Leute. Ich habe mich nicht besser und nicht schlechter gefühlt als sonst. Zweitens: Es schert keinen, was man trägt. Wirklich keinen. Eine ungemein befreiende Einsicht. Drittens: Eine Woche Urlaub mit Handgepäck - kein Problem", schrieb Meike Winnemuth in einem Beitrag für das Magazin der "Süddeutschen Zeitung".

5. Er wollte auf die ungerechte Behandlung von Frauen aufmerksam machen - indem er

ein Jahr lang den gleichen Anzug

trug. Der australische Fernsehmoderator Karl Stefanovic beobachtete, dass seine weiblichen Kollegen immer wieder Leserbriefe zu ihrem Aussehen bekamen und wollte mit seiner Aktion herausfinden, ob bei einem Mann das Äußere genauso wichtig ist. Anscheinend nicht, denn kein einziger Zuschauer bemerkte, dass Stefanovic ein Jahr lang den gleichen blauen Anzug zur Arbeit trug.

vim

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