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Pro-Ana-Blogs: Magersucht-Foren sind Tummelplatz für Pädophile

Bei einer Recherche zum Thema Magersucht stieß eine "Vice"-Redakteurin auf Pädophile, die sich in den Blogs der Mager-Mädchen tummeln. Sie bieten Hilfe beim Abnehmen an - und fordern dazu Nacktbilder.

Von Susanne Baller

Für Magersüchtige ist die Waage die Messlatte dafür, ob sie glücklich oder unglücklich sind. Jedes verlorene Gramm zählt.

Für Magersüchtige ist die Waage die Messlatte dafür, ob sie glücklich oder unglücklich sind. Jedes verlorene Gramm zählt.

Magersüchtige Mädchen haben eine besondere Freundin. Sie heißt Ana und ist die personifizierte Idealisierung der Krankheit oder auch kurz für Anorexia nervosa. Ana ist aber keine gute Freundin, sie ist streng und hart. Sie will, dass die Mädchen dünner werden, egal, was sie wiegen. Doch genau deswegen lieben sie die Mädchen, die glauben, dass Eltern und andere Freunde sie belügen, wenn sie sie (zu) dünn nennen.

Diese Erfahrung machte Nadja Brenneisen, die sich mit dem Thema intensiv beschäftigt hat. Die 23-Jährige schreibt für "Vice Alps", die Ausgabe der "Vice", die für die Schweizer und Österreicher gemacht wird. Das Interesse der Redakteurin wurde durch einen privaten Antrieb verstärkt: "Ich habe eine kleine Cousine, die mit Pro-Ana liebäugelt, daher habe ich mich auch mit dem Thema befasst", erzählt sie. Pro-Ana, also für Ana ist, wer bewusst und leidenschaftlich magersüchtig ist und das Hungern wie einen Sport betreibt.

Was den magersüchtigen Mädchen auch droht

Brenneisen hat online Pro-Ana-Blogs, -Foren und -WhatsApp-Gruppen gefunden und sich dort umgeschaut. Was sie erlebt hat, dass die Mädchen die Anorexie wie eine Religion verehren, darüber hat sie ausführlich in der "Vice" berichtet: Wie sich dort junge Mädchen gegenseitig anfeuern abzunehmen und völlig ausblenden, was sie sich und ihren Körpern antun. Allein die Kleidergröße und das Gewicht zählen.

Doch sollte es bei dieser Entdeckung nicht bleiben. Während ihrer Recherche hat sie festgestellt, dass sich online nicht nur Magersüchtige treffen, sondern die Pro-Ana-Gruppen auch ein Tummelplatz für ungebetene Gäste sind: Pädophile nutzen sie, um junge Mädchen kennenzulernen. Brenneisen wollte wissen, was passiert und nahm Kontakt zu einem auf: Ein Mann namens Andree bot seine Hilfe beim Abnehmen als "Pro-Ana-Coach" an. Die Gespräche der beiden hat die Redakteurin in Screenshots dokumentiert und in einem zweiten, schockierenden Text veröffentlicht, der am Mittwoch erschien. "Coach Andree" nimmt kein Blatt vor den Mund.

Schon beim anfänglichen Kontakt steht eins im Vordergrund: Fotos. Nadja Brenneisen schickt "Coach Andree" das Bild einer schlanken, aber bekleideten 15-Jährigen.

Schon beim anfänglichen Kontakt steht eins im Vordergrund: Fotos. Nadja Brenneisen schickt "Coach Andree" das Bild einer schlanken, aber bekleideten 15-Jährigen.

Nach den ersten Forderungen zeigt "Coach Andree" sadistische Tendenzen. Er spricht von Strafen und Erniedrigungen.

"Die blanke Wahrheit" soll die 15-Jährige sehen. Mit anderen Worten: "Coach Andree" will Nacktbilder.

"Die blanke Wahrheit" soll die 15-Jährige sehen. Mit anderen Worten: "Coach Andree" will Nacktbilder.

Bei dem Gedanken, dass eine 15-Jährige solche Ansagen bekommen könnte, dreht sich einem Erwachsenen der Magen um. In Deutschland beobachtet unter anderem jugendschutz.net kontinuierlich Pro-Ana- und Pro-Mia-Sites im Internet, auf letzteren treffen sich bulimische Mädchen. Die Organisation wirkt darauf hin, dass unzulässige Inhalte gelöscht oder indiziert werden. Die Gesetzeslage ist in Deutschland eindeutig, doch nicht so in der Schweiz, wie Nadja Brenneisen sagt. Sie hat bei ihren Recherchen festgestellt, wie viele Deutsche sich auf den Schweizer Seiten treffen. Der stern hat mit ihr gesprochen.

Wie ging es Ihnen, als Sie diese Nachrichten von "Coach Andree" bekommen haben?
Ich habe den Coach angeschrieben, ich hatte keine Ahnung, wie das läuft. Ich dachte eigentlich, das wären auch 15-jährige Mädchen. Als ich dann gecheckt habe, dass das ein erwachsener Mann ist, war mir eigentlich klar, auf was das hinauslaufen würde. Ich habe gemerkt, dass kein erwachsener Mann aus reiner Nächstenliebe Teenie-Mädchen in die Magersucht pusht. Auch in den anderen Chats ging es die ganze Zeit um Waagen-Bilder oder Bilder in Unterwäsche, deshalb war mir relativ schnell klar, dass dieser Mann wahrscheinlich auf Fotos aus ist. Dass er so krass auffährt, hat mich schockiert.

Sie haben Ihre Unterhaltung mit Andree der Polizei gemeldet, wie hat man dort reagiert?
Ich habe bislang die Polizei nur davon unterrichtet, habe ihr aber noch keine Screenshots und keine Nummer geben können. Ich habe sie über eine Website kontaktiert und da konnte man keine Anhänge mitschicken. Das war letzten Donnerstag. Bis Mittwoch, etwa zwei Stunden bevor mein Artikel erschien, hatte ich nichts gehört, dann hat mich die Stadtpolizei Zürich angerufen. Sie hat mir erzählt, dass ich ja die deutsche Kriminalpolizei informiert und die dann Interpol eingeschaltet hätte. Nun habe ich Freitag ein Treffen mit der Züricher Stadtpolizei, zu dem ich die ganzen Sachen mitnehmen werde.

War der deutsche "Coach Andree" auch aus dem Schweizer Forum?

Ja. Soviel ich weiß, macht der deutsche Jugendschutz mehr als der in der Schweiz. Wir haben ein Kantons-Problem: Die Kantone haben mehr Rechte, deswegen gibt es, glaube ich, nicht so viele Möglichkeiten, ein Gesetz zu verabschieden, über das solche Seiten wegen Jugendschutz gesperrt werden. Ich habe gesehen, dass die deutschen Pro-Ana-Foren und -Seiten gelöscht oder Inhalte davon gelöscht werden. Und ich denke, deswegen verschiebt sich das: Weil die deutschen Teenies sich auf den deutschen Foren nicht mehr connecten und die deutschen "Coaches" dort keine Opfer mehr finden, gehen sie über Schweizer Blogs. Das Internet hat ja keine Landesgrenzen. In der WhatsApp-Gruppe waren auch sehr viel deutsche Mädels, nicht mal die Hälfte waren Schweizerinnen.

"Coach Andree" kommt aus Frankfurt?

Er hat mich zu einem persönlichen Treffen und einer Woche Intensiv-Coaching nach Frankfurt eingeladen. Ob er dort wohnt, weiß ich nicht.

Haben Sie mit den Mädchen aus Ihrer WhatsApp-Gruppe mal über die selbsternannten Coaches gesprochen?
Ich habe den ganzen Mädchen aus der WhatsApp-Gruppe meines ersten Artikels Bescheid gegeben, das waren am Schluss 15 Stück. Ich habe ihnen erklärt: Bitte lasst wenigstens die Finger von diesen Coaches!

Haben Sie sich an den Schweizer Blogbetreiber von "skinnylicious" gewendet?
Ich habe das probiert, aber das ist ziemlich schwierig. Es ist nicht ganz klar herauszufinden, wer diese Person eigentlich ist. Nur, dass es auch ein Ana-Mädchen ist. Das Forum wird also von einem Teenager betrieben, der dem Pro-Ana-Lifestyle schon total verfallen ist.

Wie sind Sie denn schließlich aus dem "Coaching" ausgestiegen? Haben Sie einfach nicht mehr geantwortet oder gab es ein Abschlussgespräch?
Nein, es gab kein Abschlussgespräch, das war mir wegen der Polizei wichtig. Ich wollte, dass es polizeiliche Ermittlungen geben wird und wollte ihn nicht vorwarnen. Ich habe insgesamt dreimal mit ihm telefoniert, ich habe das relativ weit getrieben. Am Schluss bin ich immer dreister geworden. Als ich genug Material hatte, habe ich versucht, an seine Identität zu kommen, indem ich versucht habe, ihn zu erpressen. Ich habe gemerkt, dass er denkt, ich sei ihm schon verfallen und das wollte er nicht mehr verlieren. Das war ein richtiges Psychogame. Letztendlich hat er mir dann ein Bild von sich geschickt, das ich auch der Polizei geben werde. Aber ich weiß natürlich nicht, ob das wirklich er ist. Ich habe ihn auch um ein Foto von seinem Personalausweis gebeten, aber das hat mir natürlich nicht geschickt.

Warum gehen Teenager in diese Foren?

Das habe ich die Teenies, mit denen ich mir im Chat geschrieben habe, zum Schluss auch gefragt, wieso sie das überhaupt machen. Sie haben mir oft erzählt: "Es ist eine Art von Selbstbestimmung, die wir sonst nicht haben. Die Eltern zwingen uns zu essen." Die Eltern haben gar keine Ahnung davon, dass sie sich in Foren organisieren. Die denken nicht im Traum daran, dass so etwas passieren kann, wenn ihre Kinder auf dem Handy mit Freundinnen schreiben.

Nachtrag: Inzwischen war Nadja Brenneisen bei der Polizei. Interpol Wiesbaden wird sich des Falles "Coach Andree" annehmen.

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