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Reformschule: Sechs Jahre lang das gleiche Lehrer-Team

Eine Reformschule in Wiesbaden macht fast alles anders und hat damit Erfolg: Selbstständigkeit, Kreativität, Teamfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein wird großgeschrieben.

Zimmer putzen, drei Monate lang einen alten Menschen betreuen oder Theaterspielen - was andere Kinder noch nicht einmal in ihrer Freizeit machen, ist an der Wiesbadener Helene-Lange-Schule Alltag. Seit 1986 arbeitet die Schule nach einem reformpädagogischen Ansatz und macht so ziemlich alles anders als üblich. Erreicht werden soll das, was Schülern in Deutschland im internationalen Vergleich fehlt: Selbstständigkeit, Kreativität, Teamfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Die Ergebnisse der Pisa-E-Studie, bei der die Wiesbadener Schule sehr gut abschnitt, scheinen zu bestätigen, dass das Konzept aufgeht.

"Wir möchten nicht nur eine Lehranstalt sein, sondern den Schülern auch Dinge vermitteln, die sie zu verantwortungsbewussten Staatsbürgern machen", erklärt Direktorin Ingrid Ahlring das Konzept der Integrierten Gesamtschule. Deswegen erleben die 600 Schüler nicht einfach Wissensvermittlung im Frontalunterricht, sondern Projektunterricht: Mit einer Mischung aus klassischen Fächern und großen Projekten werden über längere Perioden die Fächergrenzen aufgehoben. Die Schüler arbeiten dabei vor allem in Kleingruppen. "Die Lerntheorien haben uns gesagt, wie wenig Kindern lernen, wenn ihnen einfach jemand, der vor ihnen steht, etwas erzählt", sagt Lehrerin Ingrid Kaiser.

Jeder Jahrgang hat einen Jahresarbeitsplan

In den sechs Jahren, die die Schüler an der Mittelstufenschule verbringen, hat jeder Jahrgang, der aus jeweils vier Klassen zu 25 Schülern besteht, einem "Team-Modell" folgend seinen eigenen Bereich. Dort gibt neben Klassenzimmern auch "Schüler-Treffs", kleine Bühnenelemente und Bereiche, wo handwerklich gearbeitet und das Produzierte ausgestellt werden kann.

Von der 5. bis zur 10. Klasse werden die Schüler vom gleichen Team aus acht bis zehn Lehrern begleitet. "Wichtig ist uns Kontinuität, die die Kinder privat oft gar nicht mehr erfahren. Sie sollen sehen, dass auch in konfliktreichen Zeiten wie der Pubertät Beziehungen konstant bleiben", erklärt Kaiser.

Für jeden Jahrgang gibt es einen Jahresarbeitsplan, der den Rahmen dessen festlegt, was und wie gelernt werden soll. So beschäftigt sich etwa die 6. Klasse rund acht Wochen lang mit dem Thema "Urzeit/Steinzeit". Es wird in allen Fächern behandelt, die Schüler müssen es sich unter Anleitung durch die Lehrer selbstständig erarbeiten und am Ende wird das Gelernte dem Jahrgang und den Eltern präsentiert. "Wenn die Schüler wissen, dass es eine Ausstellung gibt, sind sie natürlich motivierter und arbeiten noch sorgfältiger", sagt Kaiser.

Für drei Wochen ins Sozialpraktikum

Großgeschrieben werden an der HSL auch Begegnungen mit der Welt außerhalb der Schule. In der 5. Klasse gehen die Kinder zunächst noch nur miteinander Zelten. In der 6. Klasse steht das "Projekt Wald" an, in dem die Kinder viel Zeit draußen verbringen und etwa Förster begleiten. In Klasse 7 ist das "Projekt Wasser" vor Ort am Meer dran. In diesem Jahrgang beginnen auch die Praktika, die in den folgenden Jahren immer anspruchsvoller werden: Zunächst machen alle ein Praktikum im Kindergarten, in der 8. Klasse folgt ein klassisches Betriebspraktikum und für drei Monate die Betreuung eines alten Menschen.

In der 9. Klasse gibt es an der Schule, die von der 5. Klasse an viel Zeit ins Theaterspielen investiert, ein "Großprojekt Theater/Film", für das Profis engagiert werden. Finanziert wird dies dadurch, dass alle Schüler ihre Klassenräume selbst putzen. Für die 9. Klassen soll nun auch noch eine "interkulturelle Phase" mit einem vierwöchigen Aufenthalt im fremdsprachigen Ausland eingeführt werden. In der 10. Klasse machen die Schüler schließlich ein dreiwöchiges Sozialpraktikum etwa in einem Pflegeheim oder einer Behindertenwerkstatt.

"Die sind enttäuscht, weil ihre Fähigkeiten brach liegen"

Trotz oder auch wegen all dieser Aktivitäten, die nicht zum klassischen Schulunterricht gehören, hat die HLS bei internationalen Schulleistungstests gemessen an der Schülerzusammensetzung überdurchschnittlich abgeschnitten. Die Lehrer sehen ihr Modell durchaus als übertragbar auf andere Schulen an, aber es wäre ein radikaler Schnitt notwendig: "Man müsste das dreigliedrige Schulsystem aufheben", sagt Kaiser.

Aber diese Bereitschaft ist bei den Verantwortlichen momentan nicht da - so wie auch die Methoden der HSL an anderen Schulen noch selten angewandt werden. Und so kommt es, dass Helene-Lange-Schüler, die nach der 10. Klasse auf eine Oberstufenschule wechseln, oft feststellen müssen, dass das selbstständige Arbeiten, das sie in ihrer Schule gelernt haben, gar nicht gefragt ist: "Die sind enttäuscht, weil ihre Fähigkeiten brach liegen", berichtet Kaiser.

Mirjam Mohr, AP

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