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Schrumpfende Mittelschicht: "Die goldenen Jahre sind vorbei"

Prekäre Arbeitsverhältnisse und Kinder als Armutsrisiko: Die Mittelschicht in Deutschland erodiert. Ist ein Haushalt erstmal am unteren Rand der Gesellschaft angekommen, ist der soziale Aufstieg nur schwer möglich. Im Interview mit stern.de nimmt DIW-Experte Joachim Frick die Politik in die Pflicht.

Herr Frick, ist es nicht normal, dass bei seit Jahren sinkenden Einkommen, die Mittelschicht in Deutschland zwangsläufig erodieren muss?

Das Einkommen schrumpft nicht zwangsläufig. Was wir beobachtet haben, ist eine Entwicklung an beiden Rändern der Mittelschicht: Niedrige Einkommen sind tendenziell real gesunken und hohe Einkommen sind in den vergangenen Jahren weiter gestiegen.

Eine Ursache liegt in der Veränderung der Haushaltsstrukturen. Es gibt immer mehr Single-Haushalte oder aber Alleinerziehende, statt klassischer Familienmuster. Zudem verschieben sich die Erwerbsstrukturen. Im direkten Vergleich zwischen den 90er Jahren und diesem Jahrzehnt sind die Trends klar: Mehr Arbeitslosigkeit, längere Abschnitte der Arbeitslosigkeit und niedrigere Ersatzleistungen. Das sind Faktoren, welche die Drift am unteren Rand erklären. Im oberen Bereich ist es eher die zunehmende Bedeutung von Kapitalanlagen, welche den Trend diesseits der Mittelschicht erklärt.

Sind Kinder mittlerweile ein Armutsfaktor?

Es wird wahrscheinlich immer so bleiben, dass Kinder zumindest ein relatives Armutsrisiko darstellen. Per se machen Kinder aber nicht arm. Aber solange keine adäquaten Betreuungsangebote vorhanden sind, können Eltern oft keiner geregelten Arbeit nachgehen. Derzeit verändert sich da einiges in Deutschland - wir sind auf dem richtigen Weg.

Der Grund, warum Haushalte mit Kindern besonders oft am unteren Rand auftauchen, ist einfach: Sie bringen kein eigenes Einkommen ein, melden aber dennoch Bedarf an. Bei der Berechnung des Durchschnittseinkommens fallen sie also besonders ins Gewicht.

Nach der Lektüre Ihrer Studie hat man das Gefühl, der Aufschwung geht an einem Großteil der Bevölkerung vorbei.

Zum einen liegt das am verfügbaren Datenmaterial. Wir haben für unsere Erhebungen das Jahreseinkommen untersucht. Die neuesten Zahlen sind von 2006, also auf Grundlage der Jahreseinkommen für 2005. Das aktuelle Konjunkturplus kann also dabei noch nicht berücksichtigt werden. Zum anderen beschreiben wir jedoch einen markanten Prozess, so dass wir höchstens von einer Stabilisierung, nicht aber von einer Rückentwicklung der Einkommensschichtung der 1990er Jahre ausgehen.

Zu anderen haben sich die Erwerbsstrukturen verändert. Zwar sind immer mehr Menschen in Arbeit, doch handelt es sich dabei immer öfter um Teilzeitstellen oder Modelle geringfügiger Beschäftigung. Das ist ein Trend, der sich über die Jahre entwickelt hat. Ich wehre mich aber dagegen, dies nur negativ zu betrachten. Oft ermöglichen erst diese neueren Arbeitsmodelle, Erwerb und Familie unter einen Hut zu bekommen.

Viele Deutsche sind verunsichert, bewerten ihre Situation deutlich pessimistischer als es die Zahlen belegen…

…dieser subjektive Aspekt erfordert höchste Aufmerksamkeit. Machten sich in den 1980er Jahren noch rund 40 Prozent der Westdeutschen keine Sorgen um ihre eigene wirtschaftliche Situation, sind es nach der Wiedervereinigung nur noch 30 Prozent und bis zum Jahr 2007 sank dieser Wert auf rund 23 Prozent. Hier kommt eine besondere Sorge zum Ausdruck, teils wegen realer Einkommensverluste, teils einfach deshalb, weil sich Negatives nun mal schneller in den Köpfen festsetzt.

Wie kann man dieser Angst begegnen?

Die Politik sollte die Sorgen der Menschen sehr ernst nehmen. Hier bedarf es breiter Aufklärung, sonst werden die Ängste zunehmen. Beispielsweise könnte der Konsum weiter zurückgehen oder die Quote der Vorsichtssparer weiter zunehmen.

Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung ein?

Ich beschäftige mich eher mit den Auswirkungen, die der Prozess auf den Arbeitsmarkt hat. Arbeitsverhältnisse wie sie früher die Regel waren, werden immer seltener. Was nicht grundsätzlich schlecht ist.

Die Menschen hatten zu lange das Bild eines stabilen Systems im Kopf, dass alle Risiken des Berufslebens abdeckte. Die markanten Veränderungen, deren Folgen wir nun untersucht haben, kündigten sich schon lange an. Bisher wollten sie jedoch nur wenige wahrnehmen. Jetzt ist die Politik gefragt. Die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes ist notwendig. Den Menschen muss klar sein, dass die "goldenen Jahre" endgültig vorbei sind.

Interview: Nicolas Schweers
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