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STUDIUM: Grabraub zu Studienzwecken

Weil die Taliban Anatomiebücher und Obduktionen verboten hatten, griffen afghanische Medizinstudenten zu ungewöhnlichen Mitteln: Sie raubten Skelette aus Gräbern - als Anschauungsobjekte.

Unter der Herrschaft der Taliban raubten afghanische Medizinstudenten Skelette aus Gräbern, um den menschlichen Körper besser studieren zu können. Die streng religiösen Machthaber hatten Anatomiebücher mit Abbildungen von Frauen, Gesichtern oder Genitalien verboten. Die Studenten durften keine Obduktionen durchführen, um innere Organe und ihre Lage im Körper zu studieren. »Fünf aus unserer Klasse gingen eines Nachts zum Friedhof und öffneten ein Grab«, erinnert sich Medizinstudent Mohammad Rafik. »Wir wählten ein großes Grab, weil die Knochen eines großen Körpers gut zu untersuchen sind.«

Die Studenten kochten und desinfizierten das Skelett, um es anschließend zu präparieren. »So konnten wir die Knochen in der Vorlesung anschauen, während der Professor darüber sprach,« verteidigte ein anderer Student aus Masar-i-Scharif den Grabraub unter der Taliban-Herrschaft. Auch in der nordafghanischen Stadt hatten Medizinstudenten Skelette aus Gräbern für Lehrzwecke entwendet. »Sie taten es, um zu lernen«, sagt Farid Barnajar, Professor an der medizinischen Fakultät in Kabul.

Die Verhältnisse geben einen Einblick in den desolaten Zustand des Gesundheits- und Bildungssystems in Afghanistan, das nach über 20 Jahren Bürgerkrieg, sowjetischer Besatzung, Taliban-Herrschaft und US-Bombardements eines der ärmsten Länder der Welt ist. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt in Afghanistan 44 Jahre. Ein Viertel der Bevölkerung (rund sechs Millionen Menschen) hat keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Die Kabuler Universität, in den 70er Jahren unter anderem mit US-Mitteln aufgebaut, ist verwahrlost. In den Hörsälen ist die Beleuchtung herausgerissen. Eine Heizung existiert nicht. Eine Tür ist mit Einschusslöchern durchsiebt. Freischärler der ethnischen Minderheit der Hasara hatten während des Bürgerkriegs von 1992 bis 1996 die universitäre Einrichtung als Hauptquartier genutzt.

Die Zahl der Studenten, die sich für das siebenjährige Medizinstudium eingeschrieben haben, ist von einst 4000 auf mittlerweile 2500 zurückgegangen. Frauen, die früher die Hälfte der Studenten ausmachten, kommen erst langsam wieder. Die Taliban hatten während ihrer fünfjährigen Herrschaft verboten, dass Frauen arbeiten oder Unterricht erhalten. Die Bibliothek der Schule wurde in den 90er Jahren von den Taliban geplündert. »Sie sagten, wir bräuchten keine Bücher«, erinnert sich ein Bibliothekar.

»Wir mussten die Anatomiebücher ... verstecken«, sagt Mohammad Asim Ibrahimi, Dozent der Pathologie. Regelmäßig sei die Religionspolizei vorbeigekommen, um die Bücher zu kontrollieren. Heute füllen sich die Regale langsam mit Lehrmaterial, das die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die iranischen Regierung und eine US-Universität stifteten.

»Das medizinische Ausbildungssystem in Afghanistan ist über 20 Jahre zurückgeworfen worden«, sagt Baschir Noormal, ehemaliger Professor und heute Koordinator der WHO für das Bildungssystem in Afghanistan. Die Taliban hätten die Wissenschaft für unwichtig gehalten, weil nur die Religion Weisheit bringen könne. »Alles, woraus die medizinische Fakultät in Kabul heute noch besteht, sind vier Wände und ein Dach.«

Tom Heneghan/Reuters

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