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Auswanderer-Museum: Mit der Heimweh-Decke in die Neue Welt

In Bremerhaven eröffnet ein Museum, das an die Schicksale deutscher Auswanderer im 19. Jahrhundert erinnert. Die Ausstellung erlaubt einen Einblick in Reisestationen und Gefühle der Migranten.

Sie flüchteten aus wirtschaftlicher Not, vor politischer Verfolgung oder suchten einfach ihr Glück. Rund sieben Millionen Menschen brachen seit 1850 über Bremerhaven aus dem alten Europa in die Neue Welt auf. Jetzt sollen ihre Schicksale Anziehungskraft für Touristen entwickeln. Nach der Eröffnung am kommenden Montag will das Deutsche Auswandererhaus (DAH) in Bremerhaven jährlich rund 170.000 Besucher anlocken. "Wir werden ihnen zeigen, was es heißt, einem ungewissen Schicksal entgegen zu reisen", sagt DAH-Direktorin Sabine Süß.

Hoch wie ein zweigeschossiges Haus ragt eine schwarze Schiffswand empor; über eine wackelige Gangway steigen Besucher an Deck des Dampfers "Lahn". Vor der Backsteinmauer eines Hafenschuppens drängen sich 40 Personen, den Blick unsicher nach oben gerichtet. "Die Illusion ist perfekt", freut sich Süß über das zentrale Exponat des Auswandererhauses: "Wir wollen unseren Gästen das Gefühl vermitteln, das damals die Migranten hatten." Selbst das leise Schwanken des Ozeanriesen ist zu spüren.

Ein Gang durch das Leben der Auswanderer

Gefühle spielen in dem nach offiziellen Angaben ersten deutschen Museum für Migrantenschicksale eine zentrale Rolle. Reine Schaustücke sind auf der 2200 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche die Ausnahme. Stattdessen führen verborgene elektronische Medien die Besucher durch das Leben von 15 authentischen europäischen Auswanderern, die via Bremerhaven in die Neue Welt aufbrachen.

Der Weg aus der Heimat an Bord, die Atlantikfahrt im überfüllten Auswandererschiff, das bange Warten an der Einwandererkontrolle in New York: Das sind Stationen der Reisen, die die verwinkelte Ausstellung zeigt. Wer will, kann detaillierte Informationen aus verschiedenen Medien hinzuziehen. Beispielsweise darüber, dass 1847 ein Löb Strauss Deutschland verließ und sechs Wochen später als Levi Strauss in den USA ankam - und dort mit derben Baumwollhosen weltberühmt wurde.

Nicht jedes Auswandererschicksal, das das DAH zeigt, nahm ein gutes Ende. "Wir wollen ein wirklichkeitsnahes Bild des Themas Migration präsentieren und auch Bezüge zur aktuellen Situation herstellen", sagt Süß. Anklang hat dieses Konzept bereits in den USA gefunden. Von dort kamen inzwischen viele persönliche Erinnerungen von Auswanderer-Nachfahren. Süß’ Lieblingsstück: Die "Heimweh-Decke", die einst eine Großmutter ihrem Enkelkind mit auf die Reise gab und die jetzt als Geschenk der Migranten-Enkel nach Deutschland zurückkehrte.

Ein Restaurant mit Brotsuppe und Schiffszwieback

Gestaltet wurde das Haus von dem Hamburger Architekten Andreas Heller, der unter anderem die Buddenbrook-Villa in Lübeck sowie die überarbeitete Fassung der "Wehrmachts-Ausstellung" entwarf. Betrieben wird das DAH von der privaten Gesellschaft "Paysage House 1". "Wir bekommen für den Betrieb keine öffentlichen Zuschüsse", sagt die Direktorin; deswegen nutze das DAH jede mögliche Einnahmequelle. Dazu gehört unter anderem auch ein Restaurant mit Brotsuppe und Schiffszwieback auf der Speisekarte: "Auch beim Essen beschäftigt uns das Thema Auswanderung."

Finanziert wurde der Bau aus Steuergeldern. 20,5 Millionen Euro gab die Stadt Bremerhaven für das erste realisierte Projekt von mehreren geplanten Besuchermagneten. Hintergrund der öffentlichen Investition in den Tourismus als neuem Wirtschaftszweig ist indirekt das Thema Auswanderung: Auf Grund der tiefen strukturellen Krise in Bremerhaven verlassen jährlich bis zu 2000 Einwohner die Stadt, um in der Fremde ein neues Glück zu finden.

Wolfgang Heumer/DPA / DPA