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"The New World": Eine Überdosis Natur

Regie-Sonderling Terrence Malick hat die Pocahontas-Legende um die Liebe zwischen einer Häuptlingstochter und einem englischen Siedler neu verfilmt. Das ZDF zeigt den Film am 2. Weihnachtstag zu später Stunde. Wer opulente Bilder voller Naturmystik mag, für den lohnt sich das Wachbleiben.

Von Carsten Heidböhmer

Am Anfang war die Natur. Und lange Jahrhunderte lebten die Menschen in Nordamerika mit ihr in friedlicher Koexistenz. Bis eines Tages sich Schiffe aus dem fernen England der Küste Nordamerikas näherten und der Idylle ein Ende bereiteten.

Das klingt ein bisschen naiv? Regisseur Terrence Malick meint es völlig ernst. Die ersten Bilder des Filmes zeigen ausgelassen herumtollende Ureinwohner, die kindlich im Wald spielen oder im Wasser tauchen und eigentlich von der Umgebung gar nicht recht zu trennen sind, weil sie eins sind mit der Natur. Nicht ohne Grund heißen diese Menschen bei Malick "Naturals".

Unterstrichen wird diese Botschaft durch die Tonspur: Beim Auftauchen der drei englischen Schiffe erklingt das "Rheingold"-Vorspiel von Richard Wagner. Diese Musik steht nicht allein für den Kulturimport, der durch die Engländer in die Neue Welt gelangt. In Richard Wagners Oper beschreibt das Vorspiel die Welt im Naturzustand, bevor die Welt durch Gier und Habsucht zugrunde gerichtet wird.

Vier Filme in 33 Jahren

Terrence Malick ist der große Unbekannte des amerikanischen Kinos. Seit 1973 hat er nur drei Filme gedreht, die alle einsam aus dem Gros der Produktionen des Jahres herausragen. Nach dem Bahn brechenden Debüt "Badlands" (1973) veröffentlichte Malick 1978 "In der Glut des Südens". Danach war von dem Regisseur 20 lange Jahre nichts zu hören, ehe er 1998 mit dem ungewöhnlichen Kriegsfilm "Der schmale Grat" die Fachwelt verzückte.

Für seinen vierten Film "The New World" stützt sich Malick auf die bekannte Pocahontas-Legende. In den USA wird sie noch heute als Beweis der Möglichkeit eines harmonischen Miteinanders von Indianern und Weißen erzählt. In den Grundzügen ist diese Geschichte tatsächlich historisch verbrieft, nur die Liebesgeschichte scheint aus dem Bereich der Dichtung zu stammen.

Pocahontas rettet ein Leben

Im Jahr 1607 landen britische Schiffe an der Küste Virginias. Unter ihnen ist der eigensinnige John Smith (Colin Farrell). Er wird damit beauftragt, Kontakt mit den Einheimischen aufzunehmen. Dabei gerät der in Gefangenschaft und soll getötet werden. Im letzten Moment wirft sich die Häuptlingstochter Pocahontas (Q'Orianka Kilcher) dazwischen und rettet ihm das Leben. Während seiner Gefangenschaft verlieben sich das "Naturwesen" und der "Kultivierte" ineinander - und machen für eine kurze Zeit eine Veröhnung der getrennten Welten möglich.

Das Glück ist jedoch nicht von Dauer: Zwar gerät Pocahontas als Gefangene in die Hand der Engländer und lernt, nach deren Regeln zu leben. Smith wird aber bald darauf in die Heimat abkommandiert und lässt seiner Geliebten ausrichten, er sei ums Leben gekommen. So trauert Pocahontas wie eine Witwe, heiratet aber schließlich den verwitweten John Rolfe (Christian Bale) und bekommt Nachwuchs.

1616 reist das Paar auf Einladung des englischen Königshauses nach London, wo Pocahontas sogar eine Audienz beim Königspaar gewährt wird. Von dieser Reise wird die Häuptlingstochter nie zurückkehren; der Kontakt mit der "Zivilisation" war für sie tödlich - so wie er früher oder später für fast alle Indianer tödlich sein wird.

Begegnung der Kulturen

Erzählt wird diese Geschichte in wunderschönen, opulenten Bildern, die auch vor Pathos nicht zurückschrecken. Stark ist der Film vor allem in den Szenen, wo die Ureinwohner den Neuankömmlingen gegenübertreten. Hier treffen zwei völlig getrennte Kulturen aufeinander, die nichts voneinander wissen und sich doch zunächst mit stummem Interesse begegnen.

Wie schon in seinen früheren Werken beleuchtet der Regisseur Landschaften als Spiegel menschlicher Befindlichkeit. Wenn er die Kamera durch die Sumpfgebiete Virginias gleiten lässt, scheint es, als erwecke er den Wald zum Leben.

14-Jährige beeindruckt

Malick verfügt über ein erstklassiges Schauspielerensemble. Colin Farrell und Christian Bale gehören seit längerem zur ersten Garde. Eine echte Entdeckung ist hingegen die erst 14-jährige Q'Orianka Kilcher, die glaubwürdig den Wandlungsprozess von der Häuptlingstochter zur englisch "zivilisierten" Frau und Mutter verkörpert.

So bleibt an dem mit großem Bemühen nach Authentizität umgesetzten Film wenig auszusetzen - wäre da nicht die merkwürdig naive, naturmystische Botschaft des Filmes. Auch wenn es gut gemeint ist: Die Jahrtausende alte Kultur der amerikanischen Ureinwohner einfach beiseite zu wischen und sie zu "Naturwesen" zu verklären, zeugt von Ignoranz. Bei aller berechtigten Kritik an dem durch die englische Besiedlung in Gang gesetzten Zerstörungsprozess wird Malick dem komplexen Thema mit "The New World" nicht gerecht.

Das ZDF zeigt "The New World" am 26. Dezember um 23.50 Uhr