HOME

Stern Logo Filmfestival in Cannes

Abschluss des Filmfestivals von Cannes: Brüste, Dinosaurier, Hitler - und ein Film im Kuchen

Auch wenn die Goldene Palme für Terrence Malicks "The Tree of Life" nicht der Brüller ist, hat das Filmfest Cannes einen ganz besonderen Jahrgang hingelegt. Starke Filme, große Stars und ein satter Skandal zeigten, was Kino kann.

Von Sophie Albers

In den Medien gilt ein Aufmerksamkeitsstandard: Brüste, Dinosaurier und Hitler laufen allen anderen Themen den Rang ab. Insofern hat das 64. Filmfest von Cannes eigentlich alles richtig gemacht: Für den Sex im Kopf sorgten an der Croisette Penélope Cruz, Kirsten Dunst und Filme wie "L'Apollonide" oder auch der dreidimensionale Porno "3D Sex and Zen". Dinosaurier gab es im Gewinner der Goldenen Palme, Terry Malicks "The Tree of Life" zu sehen. Hitler brachte schließlich lautstark der dänische Regisseur Lars von Trier ins Spiel, der auf der Pressekonferenz zu seinem Film "Melancholia" nicht einsehen wollte, dass sein Sarkasmus keine Pointe hatte.

Das Problem mit diesen Passwörtern zur geschätzten Aufmerksamkeit ist allerdings, dass das eigentlich Wichtige auf der Jagd nach ihnen häufig verloren geht.

Ich filme, also bin ich

Nicht nur hat die zum Teil komplett hysterische Aufregung über Lars von Triers kruden Humor dafür gesorgt, dass sein tief berührender, grandios fotografierter und gespielter Film zum Thema Depression kaum noch interessiert. Und das obwohl Kirsten Dunst als beste Schauspielerin geehrt wurde. Auch wurde die Verbannung des Dänen just in dem Augenblick bekannt, als einer der wichtigsten Filme des Festivals lief: Jafar Panahis "In film nist" ("Dies ist kein Film").

Auf einem in einen Kuchen eingebackenen USB-Stick hat der im Iran zu sechs Jahren Gefängnis und 20 Jahren Arbeitsverbot verurteilte Regisseur den Film nach Frankreich schmuggeln lassen. Die Dokumentation, die Panahi die meiste Zeit in seiner Wohnung in Teheran zeigt, während er auf die Revision seines Urteils wartet oder ein Skript nacherzählt, macht deutlich, dass die Leinwand auch Freiheit bedeuten kann: Ich filme, also bin ich. "Die Möglichkeiten des Kinos haben uns überzeugt, dass ein Filmemacher es nur sich selbst vorzuwerfen hat, wenn er keine Filme machen kann", lautete die Erklärung von Panahi und seinem Kollegen Mojtaba Mirtahmas für dieses mutige Wagnis. Doch mussten nach dem Abspann eben alle Journalisten über von Trier und Hitler schreiben.

"The Tree of Life"

Ebenfalls fast untergegangen, aber immerhin noch mit dem Darstellerpreis bedacht, wurde "The Artist". Eine grandiose Liebeserklärung ans Kino. Ein Stummfilm, der mit dem Ton spielt. Ein Melodram der alten Schule (weit mehr als der lieblich-harmlose Eröffnungsfilm von Woody Allen). Kurz gesagt ein Film, der zwischen all den Sozialdramen über gequälte Kinder, die den diesjährigen Wettbewerb beherrschten und geradezu Angst vor der Zukunft verbreiten, wie ein Lichtblick in bessere Zeiten schien. Und der ist manchmal einfach nötig.

Für die Jury war ganz offensichtlich "The Tree of Life" ein Lichtblick in die Zukunft des Kinos. In 138 Minuten fragt Terrence Malick nach dem Sinn des Lebens, des Sterbens und der Liebe. Darstellung, Musik und Metaphorik sind zuweilen pompös oder sogar kitschig. Dass der Film trotz der Länge so packend ist, liegt auch am Selbstmitleid der menschlichen Existenz, das aus den Bildern spricht. Malick hat der großen Geschichte der Evolution (ergo die Dinosaurier) die kleine Geschichte einer christlichen Familie in Texas gegenübergestellt - die für ihre Mitglieder natürlich gar nicht klein ist. Zwischen den Welten schwebt ein (überflüssiger) Sean Penn als erwachsene Version eines Sohnes, der unter dem strengen Vater (Brad Pitt) gelitten hat. Und am Ende steht die Erlösung. Ein in seiner Intensität durchaus beeindruckender Film, doch ein Muss war diese Goldene Palme nicht.

Der rote Teppich war voll

Wirklich schwache Filme gab es im Wettbewerb des 64. Filmfestivals von Cannes tatsächlich kaum. Ob das Episoden-Drama "Polisse" der jungen französischen Filmemacherin Maïwenn über eine Polizeieinheit für den Jugendschutz - das den Preis der Jury gewonnen hat - oder die intensive Familienstudie über einen Amokläufer "We need to talk about Kevin - die leer ausgegangen ist: Es wurde so viel diskutiert wie schon lange nicht mehr. Das Wetter war wunderbar, der rote Teppich voll, der Filmmarkt stark. Und mit Andreas Dresens "Halt auf freier Strecke" hat der einzige deutsche Film im offiziellen Programm den Hauptpreis in der Nebenreihe Un Certain Refard gewonnen.

Es war ein gesundes, kraftstrotzendes Festival, das hoffentlich für mehr erinnert wird als Brüste, Dinosaurier und Hitler.

Mitarbeit: Matthias Schmidt

Lesen Sie auch bei prinz.de:"Special: Cannes Filmfestival"