Fotobände Utopien in Zement


Haben Häuser eine Seele? Und was geschieht mit dem Leben hinter der Fassade? Drei neue Fotobücher suchen Antworten auf diese Fragen.
Von Sabina Riester

Hat ein Haus eine Seele? Es besteht aus Stein, Beton, Zement, ist nichts als tote Fassade, Schutzwall für das menschelnde Leben in ihm. Und wenn das Leben hinter dem Gemäuer verschwindet: Lebt es dann weiter oder zerfällt es nur, bis nichts mehr an das erinnert, was einst in ihm steckte? Drei Bücher bieten spannende Antworten auf diese Fragen: "Sweet Earth" von Joel Sternfeld, "Waiting for the end of the world" von Richard Ross und "Architektonische Nachhut" von Ralf Meyer.

Ralf Meyer: Architektonische Nachhut

Der Hamburger Fotograf Meyer wagt mit seinem Projekt "Architektonische Nachhut" eine fotografische Annäherung an die architektonischen Hinterlassenschaften des Dritten Reiches in Deutschland. An Bauwerke in ganz Deutschland, denn zwischen 2001 und 2006 entstand an 32 Orten in Deutschland eine Sammlung von 130 Fotografien, darunter der Flughafen Tempelhof in Berlin, die Freilichtbühne Kalkberg in Bad Segeberg, das Studio Babelsberg, das Haus der Kunst München und der U-Boot Bunker Bremen.

Meyer hält fest wie heute mit diesen steinernen Erbbrocken umgegangen wird: Wie sieht das Leben in und um diese Mauern herum aus, die zwischen 1933 und 1945 im Nationalsozialismus entstanden sind und wie vertragen sich diese geschichtsschweren faschistischen Bauten mit der Gegenwart des 21. Jahrhunderts? Die Fotografien zeigen eindrucksvoll, dass weder Erhöhung, Ignoranz noch Erniedrigung dieser Architektur vergessen machen können, für was die Steine standen, sie bleiben fest gemauerte Erinnerung, allseits gegenwärtige Pfeiler aus der Vergangenheit und kein neuer noch so knalliger farbenfroher Anstrich kann ihre innere graue Fratze verdecken.

Richard Ross: Waiting for the end of the world

Und während bei Meyer unwillkürlich ein Blick ins düstere Gestern fällt, bietet der Bildband "Waiting for the end of the world" von Richard Ross eine Vorschau auf ein mögliches unendlich schwarzes Morgen: Wohin, wenn es losgeht? Wohin wenn der finale Weltkrieg Verwüstungskreise zieht, die Atombombe ihren Weg Richtung Himmel startet, die Natur ihre Macht erbarmungslos unter Beweis stellt, wohin, wenn die Katastrophe beginnt? Für viele liegt die Antwort unter ihnen vergraben: ein Bombenbunker, ein sicherndes Erdloch, eine Überlebenschance im Keller. Tatsächlich legen weltweit Menschen Geld, Zeit und Hoffnung in den Bau von Bunkern.

Ross hat einige davon fotografiert, Jahrhunderte alte und hochmoderne, in Russland, der Schweiz, China, England, nicht nur in den USA, wo man wohl die meisten vermuten würde. Seine Reise führte ihn durch eine oft surreal anmutende, zum Teil paranoide, dann wieder technisch glänzende Welt im Untergrund, in einen eigenen Kosmos zwischen ultimativem Pessimismus, Todesangst und Hoffnung. Ross Bilder sind schlicht und fesselnd.

Sie erzählen vom Überlebenswillen, dem Glauben, dass einzelne Menschen es wert sind die Zerstörung zu überdauern, durchzuhalten, wenn alles um sie herum versagt hat: die Politik, die weltweite Kunst der Kommunikation, Diplomatie und Menschlichkeit. Wer überleben wird bleibt offen, die Aufnahmen sind menschenleer und wirken so noch gespenstischer. Und ob überlebt werden kann, bleibt mehr als ungewiss, denn statt energiespendendem Tageslicht, brennt Kunstlicht in den Bunkern, die wirken, wie Gräber für Lebende, schützende Löcher aus Angst, Stein und Hoffnung gebaut.

Joel Sternfeld: Sweet earth

Die Gebäude, die der großartige Fotokünstler Joel Sternfeld für sein Projekt "Sweet Earth. Experimental Utopias in America" fotografierte, hat der Glaube gezimmert, die Überzeugung einiger experimentierfreudiger sozialen Wesen, dass ein Traum, eine Fantasie, eine Utopie nicht zwingend federleicht und vergänglich sein muss. Sie kann festgehalten werden, schlängelnd hochgezäunt, glasfarben eingemauert in fantasievollen Bauten, die in und mit den Gegebenheiten der natürlichen Umgebung entstehen. Wie schon in anderen Arbeiten Sternfelds forscht sein Blick nach der Verbindung zwischen Mensch und Landschaft in seiner Heimat Amerika.

Und typisch für Amerika ist auch die Stilvielfalt in den Objekten: alles ist erlaubt, alles ist bebaubar und bei jedem Umblättern öffnet sich eine neue Fantasiewelt, eine zementierte Imagination. Zum runden Ganzen wird das Buch jedoch nicht durch die behutsam fotografierten Bilder allein. Jedem Bild hat Sternfeld einen Text entgegengestellt, der die Geschichte dieser sozialen Utopie beschreibt. Und die Texte verraten oft mehr als die Bilder ahnen lassen.

Sie blicken tiefer und bringen die Aufnahmen, die vom Greifen in die Luft erzählen, auf den Boden zurück. Denn viele der sozialen Projekte von Menschen, die es leid waren in ihrem von fremder Hand gestalteten Alltag über Möglichkeiten zu philosophieren, die lieber mit einer Gruppe Gleichgesinnter Möglichkeiten schaffen wollten, sind gescheitert. Und aus oft so banalen Gründen, dass es weh tut beim Lesen, dass gleich ein bittersüßer Geschmack sich auf die Bilder legt, denn zwischen den Seiten knallen Traum und Gegebenheit aufeinander, mit so einem harten Aufprall, dass vom Traum kaum mehr als Bruchteile bleiben und vielleicht die Ahnung, dass eine Utopie die Leichtigkeit braucht, um lebendig zu sein.

Das Einzigartige des Gebäudes

"Jeder Gegenwart muss sich immer fragen: Wieviel Vergangenheit braucht sie auf dem Weg in die Zukunft ..." mahnt der Architekturtheoretiker Bruno Flierl. Und auch die Arbeiten in "Sweet Earth", "Waiting for the end of the world" und "Architektonische Nachhut" schwingen ständig zwischen den Zeitebenen hin und her, erzählen von den Träumen und dem Grauen von Gestern, Zukunftsangst und -hoffnung und wie wir jetzt gerade, in diesem Moment, damit umgehen.

Sternfeld, Ross und Meyer haben sich ihre Zeit gelassen für die Projekte. Sie sind für die Aufnahmen nicht im sicheren Abstand vor der Fassade stehengeblieben, haben nicht das ergriffen, was sich dem Auge als erstes bietet, sondern sich ins Innere gewagt, sich visuell dem genähert, was man als das Einzigartige des Gebäudes bezeichnen könnte, dessen Kern und vielleicht sogar dessen Seele.


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