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Fotografie: Horrorclowns und Zombie-Zwillinge: Wenn normale Menschen in Rollen schlüpfen

Der Fotograf Boris Leist aus Düsseldorf hat die Aufmachungen von Rollenspielern in Szene gesetzt. Katzenwesen, Horrorkinder, Außerirdische - Bilder von faszinierenden Verkleidungen.

"Irmgard" – Nachtgestalt. Die bleiche Dame gehört zum Spiel "Novum Castrum", einem Kampf der Vampire, der das 13. Jahrhundert auferstehen lässt. Hier ist sie in Pose gesetzt auf der Tannenburg oberhalb des hessischen Nentershausen

"Irmgard" – Nachtgestalt. Die bleiche Dame gehört zum Spiel "Novum Castrum", einem Kampf der Vampire, der das 13. Jahrhundert auferstehen lässt. Hier ist sie in Pose gesetzt auf der Tannenburg oberhalb des hessischen Nentershausen

Der Mensch ist gut. Der Mensch ist schlecht. Und manchmal will er nur spielen.

Mia aus München zum Beispiel. Sie ist eigentlich ganz lieb. Sie kümmert sich um Kinder. Aber jetzt, wo der Wahnsinn Besitz von der Welt ergriffen hat, wird sie zu einem blutrünstigen Monster. Mit einem Teddy in der Hand.

Sebastian aus Berlin ist auch kein Schlechter. Er hilft Leuten, wieder zu sich zu kommen. Er ist Psychotherapeut. Aber wenn ihm das alles zu viel wird mit dem Verständnis und dem Zuhören, fletscht er die Zähne. Und dann beginnt sie, seine Nacht der langen Messer.

Willkommen in der Welt der Larps. Der "Live Action Roll Playing"-People. Menschen wie du und ich, die hinter Tischen sitzen und Telefone bedienen. Die als Krankenschwestern arbeiten oder als Anwälte. Als Beamte oder Barkeeper. In einer Wirklichkeit, die viele für die einzige halten.

Überfall, Apokalypse, Aliens

Aber die da spielen, leben aus, was noch in ihnen steckt. Die Fantasie, über andere zu herrschen. Die Fantasie, sich zu unterwerfen. Mordlust. Oder die Gier nach Liebe. Sie fallen übereinander her. Oder saugen einander aus. Sind wahnsinnig. Doch wenn ihr Spiel beendet ist, liegen sie sich in den Armen. Dann ist das Theater wieder vorbei, und die Welt da draußen nicht mehr düster, sondern schön.

Der Düsseldorfer Fotograf Boris Leist ist über drei Jahre in dieses Leben eingetaucht. Als Rheinländer kennt er Maskerade aus dem Karneval – aber Larp, das ist mehr. Die Kostüme sind aufwendiger, die Menschen nehmen ernst, was sie spielen.

Für die meisten von ihnen hat das Verkleiden und Verwandeln vor ein paar Jahren begonnen. Als sie mit Freunden und ein paar Tüten Chips um einen Tisch saßen und sich in damals gerade angesagten Kartenspielen Rollen ausdachten. Sie waren Hexen, Monster, Magier. Aber eben nur im Sitzen. Bis die ersten auf die Idee kamen, die Geschichten draußen nachzuspielen.

So ging das los. Mittlerweile, schätzt man, sind in Deutschland 60.000 Leute dabei. Es gibt Spiele mit Tausenden von Teilnehmern und andere mit 50. Die Treffen sind professionell organisiert, die groben Szenarien festgelegt. Man meldet sich an, sagt, wer man sein will, verschafft sich ein Kostüm, zahlt und fährt hin. Dann kommt der Spielleiter, mit Knopf im Ohr, und hält Ansprache. Sagt, was los ist. Überfall, Apokalypse, Aliens. Sagt, wer welche Rolle hat. Krank, gesund, kräftig, schwach. Die einen verschwinden im Wald, die anderen auf eine Burg oder sonst wohin. Und eine Reise beginnt, durch Zeit und Raum.

Auch Boris Leist hat sich verkleidet. Der Fotograf war Mönch, Pirat und Vampir. So fand er hinein in eine wilde und bunte Szene, die zugleich verschwiegen ist. Immer wieder bat Leist, hinter die Masken blicken zu dürfen. Immer wieder wurde er abgewiesen. Wer will schon an einen Zombie erinnern, wenn er in seinem anderen Leben weinende Kinder tröstet? Oder an den grausamen Rächer der Witwen und Waisen, wenn er sonst als Arzt mit dem Skalpell zugange ist? Auch Polizisten sind manchmal dabei, das darf nur kein Chef wissen.

"Ich bin eigentlich ein Gutmensch"

Die Spielstätten reichen vom real existierenden Campingplatz bis zur ehemaligen Militärbasis. Bei Magdeburg, wo früher russische Truppen den Ernstfall probten, wurde bereits der Weltuntergang geübt. In der Spielanleitung hieß es: "Die Apokalypse hält an. Wir bespielen kein Endzeitsetting und kein typisches Dark-Future-Szenario, sondern einfach einen bisher zwei Jahre anhaltenden weltweiten Zombie-Krieg."

Mia aus München, im, wie man sagt, echten Leben 1,43 Meter klein, kommt bei so etwas groß raus. Endzeit ist ihr Ding. Sie kann ziemlich gut kreischen und andere irre machen. Sie mimt auch mal eine arrogante Ärztin. Eine laszive Dämonin oder ein orientalisches Katzenwesen. Früher, sagt Mia, war sie traurig, dass sie nicht wuchs. "Heute will ich keinen Zentimeter größer sein." Sie ist bekannt in der an skurrilen Gestalten nicht armen Monsterszene. Zurzeit bastelt sie an neuen Zombiearmen, halb verwest. Und träumt davon, eine Marionette zu sein.

Wer zieht die Fäden? Wer dürfen wir sein? Wie wollen wir leben? Für Sebastian, den Psychotherapeuten, stellen sich diese Fragen endlich mal nicht, wenn er spielt. Er war schon Flüchtling im Dreißigjährigen Krieg und Zuhälter in einem 70er-Jahre-Szenario. Er fährt 600 Kilometer von Berlin in irgendein Provinznest, um im Spiel den Psychotherapeuten zu vergessen. Im Job offenbaren ihm viele Patienten, dass sie sich nicht mehr als Mensch fühlen könnten in einer Welt, in der sie nur noch Nummern seien. Allein und ohne Orientierung, hilflose Beobachter ihres eigenen Lebens. "Ich bin eigentlich ein Gutmensch", sagt Sebastian. "Und deshalb froh, auch mal böse sein zu können." In einem überschaubaren Rahmen, für ein paar Stunden oder Tage.

Sein nächstes Abenteuer wird in Bonn spielen, in einem alten Herrenhaus oberhalb des Rheins, in der Zeit kurz nach dem Ersten Weltkrieg. 250 Menschen wollten mitmachen, vier Tage voll Verpflegung und Fantasie kosten um die 200 Euro. Es dauerte einen Tag, dann waren alle Rollen verkauft.