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Skateboard-Fotografie: Ästhetik der Schwerelosigkeit

Wenn das Board abhebt und der Skater schwebt, betätigen sie den Auslöser: Zwei Fotografen haben mit dem Bildband "Oldschool & Newschool" das Lebensgefühl zweier Rollbrett-Generationen eingefangen - zum Ende der 80er Jahre und heute.

Von Zacharias Zacharakis

Der Name Asphaltsurfer hatte am Anfang der Geschichte dieser Sportart durchaus seine Berechtigung. Irgendwann zu Beginn der 60er Jahre, als wieder einmal nur müde Wellen auf die kalifornische Küste brandeten, kamen einige Surfer auf die Idee, Rollen unter ihre Boards zu schrauben. Von Schwerelosigkeit konnte noch keine Rede sein, die ersten Skater rumpelten über Asphalt und Bordsteine.

Etwa ein Jahrzehnt später hatten die einstigen Surfer fliegen gelernt: In Rampen und Halfpipes, die der Form eines Schwimmbeckens nachempfunden waren, hoben die jungen Sportler zu ihren ersten Sprüngen ab. In dieser Zeit schwappte die Skateboardwelle auch nach Deutschland. Die Kölner Fotografin Barbara Wüllenweber war 1989 selbst noch ein Teenager und fühlte sich angezogen von dieser Untergrund-Bewegung mit ihrem knallbunten Styling und ihrer rauen Punk-Musik.

"Es sollte eine Körperstudie werden"

"Ich war absolut begeistert von der Akrobatik und den Bewegungen", sagt Wüllenweber. Mit ihrer Kamera und einer ausgeklügelten Blitztechnik begleitete sie über mehrere Monate die damalige Szene an den Rampen in Köln und Bonn, hielt den Moment des Abhebens und Landens, die Schwerelosigkeit auf Film fest. "Es sollte eine Körperstudie werden." Heute ist Wüllenweber eine etablierte Fotokünstlerin mit Ausstellungen auf der Biennale in Venedig oder im Kölner Museum Ludwig. Als sie vor einigen Jahren den jungen Skateboard-Fotografen Alexander Basile kennen lernte, kamen sie auf die Idee, die Entwicklung des Sports in einem gemeinsamen Bildband zu dokumentieren.

Basile sucht den Skater in seinem Biotop auf

Auch Alexander Basile, 26, kann nicht als genre-typischer Fotograf gelten, der mit dem Weitwinkel-Objektiv immer auf der Jagd nach dem wildesten Trick ist. Basile sucht den Skater in seinem Biotop auf, in der Architektur der Stadt, ohne die der Sport heute nicht mehr sein kann. Denn lange schon haben die Asphaltsurfer zu ihrer einstigen Bestimmung zurückgefunden: Sie nutzen Baukörper und öffentliche Plätze, suchen sich Wege in die entlegenen Winkel der Metropolen, um die besten Spots - wie es im Jargon heißt - für ihre Tricks zu finden.

Für das in diesem Jahr erschienen Skateboardbuch "Dirt Ollies" reiste Basile mit zwei weiteren Fotografen und einem Fahrerteam in die Mongolei, wo unwirkliche Aufnahmen der West-Skater bei ihrem Zusammenprall mit der fernöstlichen Kultur gelungen sind. Eine dieser Aufnahmen findet sich auch in der neuen Veröffentlichung "Oldschool & Newschool" neben Bildern aus Europa und den USA sowie den Werken von Barbara Wüllenweber wieder. In der Gegenüberstellung der 1989 aufgenommen Bilder der Fotografin und den zeitgenössischen Arbeiten von Basile zeigt sich nicht allein der Wandel einer Szene, sondern auch eine unterschiedliche Auffassung von Bildästhetik. Während Wüllenweber stärker um ein Porträt des Skatesports mit seiner schrillen Mode bemüht ist, lenkt Basile den Focus auf die Erlebniswelt des Skatens, in die sich die Fahrer bei ihren Streifzügen durch die Stadt begeben.

Das Kölner Sport- und Olympiamuseum zeigt einzelne Aufnahmen aus dem Buch in einer kleinen Sonderausstellung noch bis zum 7. Oktober. Der Moment der Schwerelosigkeit ist hier auch in den Videos und Installationen verschiedener Künstler gegenwärtig - wirklich erleben können ihn allerdings nur diejenigen, die sich selbst aufs Brett wagen.