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Uta Melle und ihr Projekt "Amazonen": Im Krieg gegen den Krebs

Sie haben Krebs, einigen fehlen Brüste und Haare. Doch sie kämpfen gegen die Krankheit - mit einer ungewöhnlichen Aktion. Zu Besuch bei den "Amazonen" von Berlin.

Von Sophie Albers

Berlin im Frühling 2010. Ich stehe vor der Glastür eines Fotostudios in Friedrichshain. Drinnen huschen heftig geschminkte Frauen umher, Blitzlicht ist zu sehen, jemand verlegt ein Kabel. Ich gebe mir einen Ruck und öffne die Tür. Den Ruck brauche ich, weil ich zu wissen meine, was mich erwartet. Es ist ein Fotoshooting für brustkrebskranke Frauen. Sie haben die Hölle hinter sich, keine Haare, Narben, wo einst Brüste waren, Schnitte am Schlüsselbein, wo der Port für die Chemotherapie lag, sie sind abgekämpft, müde, ängstlich - und das macht mich ängstlich.

Alles Unsinn! Ich habe einen einzigen Schritt in den Raum gemacht, und mich umfängt eine so intensiv angenehme Atmosphäre, wie ich sie selten gespürt habe. Eine Atmosphäre der Freude, des gegenseitigen Verständnisses und der Entspannung. Die Frauen flezen sich auf Sofas und unterhalten sich, probieren Kostüme aus, stehen am Büffet, wenn sie nicht gerade vor die Kamera gerufen werden. Manche von ihnen haben gerade keine Haare, jede hat Narben, manche Gesichter sehen abgekämpft und müde aus. Doch, was viel wichtiger ist: In wirklich jedem dieser Gesichter steht zu lesen, dass frau weiß, dass sie kämpfen kann.

Es geht ums Überleben

Ich bin verblüfft. Uta Melle hat es geschafft. Diese Frauen aus ganz Deutschland vor der Kamera zusammenzubringen, war ihr Traum gewesen, seitdem sie im Frühjahr 2009 ihre eigene Schlacht mit dem Krebs auf Fotos hatte festhalten lassen. Die erste Fotosession war das Geschenk ihrer Freundin Jackie Hardt. Es entstanden Vorher-Bilder, die eine schöne, grazile Frau zeigen, deren Lächeln schmerzt, weil man um den Abschied weiß, den sie gerade nimmt. Damals entschloss sich Uta Melle dazu, auch Nachher-Bilder zu machen. Auf denen zeigt eine schöne, grazile Frau ihren Körper: weiblich, verspielt, sexy. Dass sie weder Brüste noch Haare hat, lässt ihr Strahlen schnell vergessen. "Ich bin schön, denn das Leben ist schön", sagt Uta Melle und lacht. Auch wenn sich dieser Satz ganz leicht anhört, liegt darin die schwerwiegende Tatsache, dass es ums Überleben geht.

Uta Melles Fotos und ihre Geschichte gingen durch die Medien, gaben den Zahlen und Statistiken ein Gesicht, bei denen immer noch viel zu viele Menschen lieber in die andere Richtung schauen: Jeder vierte Deutsche stirbt an Krebs. Für Frauen ist Brustkrebs die gefährlichste der Krebsarten. Die Statistiken zeigen, dass im Jahr 2008 in Deutschland jeden Tag fast 50 Frauen an Brustkrebs gestorben sind. Die Reaktionen auf die Bilder und ihre Geschichte waren überwältigend. Vor allem Frauen, die auch überlebt haben oder mittendrin stecken im Kampf mit der Krankheit, bedanken sich noch heute bei der schmalen Frau mit dem breiten Lachen für ihren Mut: Weil ihre Fotos zeigen, dass das Leben weitergeht. Weil sie zeigen, dass eine Frau auch ohne Brüste eine Frau ist. Weil sie zeigen, dass frau sich nicht verstecken muss.

Denn genau das scheint in dieser Gesellschaft eine unausgesprochene Regel zu sein. Die körperliche Unversehrtheit muss um jeden Preis wiederhergestellt werden. Alles muss wieder so sein wie vorher. Aber das wird es nicht, kann es nicht werden, sagt Uta Melle: "Dein altes Leben ist vorbei. Aber es kommt ein neues." Und sie wünscht sich voller Leidenschaft und Hoffnung, dass die Gesellschaft das endlich genauso akzeptiere, wie die Erkrankten es am eigenen Leib erfahren müssen.

Für das Shooting, das hier an zwei Tagen stattfindet, konnte Uta Melle 18 Frauen gewinnen, die von Esther Haase und Jackie Hardt fotografiert werden. Die Frauen im Studio stampfen mit den Füßen auf und schreien. Sie posieren als Amazonen, die Kämpferinnen der Antike, die sich der Sage nach eine Brust amputierten, um besser mit Pfeil und Bogen schießen zu können: "Wir kriegen dich", brüllen ihre Töchter in Richtung der Kamera. "Wir werden dich überleben." Sie haben dem Krebs den Krieg erklärt. "Brustkrebskranke Frauen sind keine Opfer", will eine der Frauen verstanden wissen. "Du musst kämpfen lernen", sagt eine andere, die sich wegen gestauter Lymphe gerade die Finger massiert. Nebenwirkungen der Medikamente.

Lachen, lachen, lachen

Am nächsten Tag stehen Uta Melle und ihre Amazonen im Freien auf einem Fabrikgelände. Am Vortag waren die Frauen kostümiert, konnten die Narben verdecken, wenn sie wollten. Heute wollen ein paar von ihnen alles zeigen. In weißen Bademänteln stöckeln sie auf hohen Absätzen einen Gang entlang. Und sie lachen, lachen, lachen. "Ich bewundere alle Frauen, die hier sind. Und ich bewundere mich, dass ich mitmache", sagt eine von ihnen und wirft den Bademantel von sich wie eine Last. Uta Melle ist auch dabei, sie strahlt, und eine Amazone küsst ihr auf die Schulter. Die Solidarität und das tiefe Verständnis füreinander sind einzigartig. "Das hier ist Menschlichkeit", sagt Fotografin Esther Haase. Sie, die sonst für Modekunden in aller Welt arbeitet und für ihre emotionalen Bewegungsbilder bekannt ist, dirigiert die Frauen sensibel, aber bestimmt, und manchmal lässt sie sie einfach gewähren, ihre eigenen Ideen ausprobieren. "Die Energie ist unglaublich, so etwas habe ich selten erlebt."

Angesichts von so viel Kraft gepaart mit so viel Verletzbarkeit drohen einem manchmal die Gefühle überzulaufen. Doch in genau solch einem Augenblick kommt eine sehr entspannte Amazone vorbei und sagt trocken: "Es ist echt kalt, aber wir haben ja keine Nippel, die hart werden könnten". Sie zieht den Bademantel aus, schlüpft in die High Heels und feiert mit ihren Schwestern das Überleben.

Die Fotos sind im Bildband "Amazonen - Das Brustkrebsprojekt von Uta Melle" (Kehrer-Verlag) zu sehen. Vom 8. April bis zum 7. Mai werden sie in einer Ausstellung im Hamburger Stilwerk gezeigt. Ab dem 5. Mai sind sie bei Vice Versa in Berlin zu sehen. Düsseldorf ist in Arbeit.

Abdruck des Textes mit freundlicher Genehmigung des Kehrer-Verlages

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