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Agentur Misfit Models: Schönheiten mit Macke

Wenn alle schön sind, wird das Andersartige zum Hype. Deshalb ist die Berliner Agentur Misfits ein Erfolgsmodell. Zu dick, zu dünn, zu behaart oder auch einbeinig. Diese Modelkartei ist anders.

Von Isabel Stettin

Derrick Keens hat schon für Calvin Klein, Diesel und Levi's gemodelt.

Derrick Keens hat schon für Calvin Klein, Diesel und Levi's gemodelt.

Wenn Derrick Keens, genannt Del, gefragt wird, was er beruflich macht, sagt er: "Putzen". Dass er Model ist, glaube ihm ohnehin keiner. Der Brite wurde auf den Straßen Londons entdeckt. "Die suchten Leute, die drogenabhängig aussehen." Seinen ersten Job hatte er 1992 für eine Fotostrecke in der italienischen "Vogue".

Als Jugendlicher waren seine schiefen Zähne, die Tränensäcke, sein fahler Teint Grund für Spott. Später verhalfen ihm gerade diese Makel zu kurzzeitigem Ruhm. Verkauft als "hässlichstes Model der Welt" arbeitete der mittlerweile 44-Jährige als Aushängeschild der Agentur "Ugly Models" für Calvin Klein, Diesel, Levi's. Erfolg durch Anderssein. 2006 zog er nach Berlin. Und scheiterte. Aufträge blieben aus. "In Deutschland sind Werbemodels eben blond, blauäugig oder berühmt", sagt Keens. Eine Agentur für ungewöhnliche Models suchte er vergeblich. Darum gründete der damalige Sozialhilfeempfänger 2012 seine eigene und vermittelt seitdem Charakterköpfe.

"Mein Gott, viel zu schön!"

Nahe der Jannowitzbrücke ist im Studio von "Misfit Models" von Glamour wenig zu erahnen. Durch die Glastür ist ein schlichter weißer Raum zu erkennen, ein Schreibtisch, eine abgewetzte grüne Couch mit Sesseln. Willkommen bei der Agentur für Außenseiter. Modelscout Keens trägt eine verwaschene Bomberjacke, schmuddelige Chucks, sein Notebook auf dem Schoß. Tausende Fotos hat er in den vergangenen Monaten erhalten, alle von Menschen, die in seine Kartei wollen. Keens klickt sich durch die neusten Bewerbungen. "Mein Gott, viel zu schön!" Die hübsche Asiatin mit Schmollmund und Mandelaugen auf dem nächsten Foto ist ihm zu glatt.

Der Brite ist der selbsternannte "Anti-Klum": Er sucht alles, bloß keine dünnen Mädchen. "Einige meiner Models sind zwei- andere einbeinig, die Kleinste ein Meter, der Größte 2,10 Meter." Mittlerweile knapp 400 Männer und Frauen, von 18 bis 80 Jahre alt, stehen bei ihm unter Vertrag. An den Wänden und im Schaufenster hängen ihre Fotos: Dicke und Dürre, Schwarz, Weiß, ganz durchschnittlich mit Brille, Schnauzer, Halbglatze und extravagante Paradiesvögel, Models mit großflächigen Tattoos, starker Körperbehaarung.

Schönheiten im Einheitslook langweilen den Agenturchef und mittlerweile auch den Betrachter, glaubt er. Die Debatte von Plus-Size bis Size-Zero, die Diskussion um körperlich beeinträchtigte Models, zuletzt etwa auf den Laufstegen der New York Fashion Week, sind für ihn Zeichen. Es gebe Bedarf an "unkonventionellen und originelle Schönheiten, echten Menschen", wie er sie vermittelt. "Wir brauchen Models, die anders aussehen."

Models mit "Fehler" sind gefragt

Die gibt es seit Jahren. Auf den internationalen Laufstegen treten immer wieder Models ins Scheinwerferlicht, die zwischen den oft austauschbaren, wandelnden Kleiderständern hervorstechen. Bekanntes Beispiel ist die Afroamerikanerin Diandra Forrest. Sie hat das Albino-Syndrom, arbeitete für Jean-Paul Gaultier und Vivienne Westwood. Transgender-Model Andrej Pejić lief für Designer wie Marc Jacobs. Seine Auftritte in Damenkleidern galten für die einen als kleine Revolution in der Branche, für andere als bloße Effekthascherei. Michael Michalsky buchte ihn für die Berliner Modewoche als Mann und Frau. Nach einer Geschlechtsumwandlung im vergangenen Jahr ist sie nun offiziell Andreja.

Ebenfalls bekannt geworden durch Designer Michalsky ist Mario Galla. Der blonde Deutsche ist ein gefragtes Model, trotz Bein-Orthese. Oder gerade deshalb? Aufgrund eines Makels weltweit berühmt ist auch Nachwuchsmodel Winnie Harlow. Sie hat eine perfekte Figur, ein harmonisches Gesicht. Ihre Haut ist milchkaffeebraun, gezeichnet von großen Flecken: Die Knie sind hell, ihre Mundpartie weiß. Früher nannte sie Mitschüler Zebra, verspotteten sie als gescheckte Kuh. Die Weißfleckenkrankheit Vitiligo ist ihr Erkennungszeichen. Jetzt folgt sie dem brasilianischen Topmodel Adriana Lima als Markenbotschafterin des Labels Desigual. "Ich habe das Gefühl, die Industrie öffnet sich momentan sehr stark, weitet den Blick", sagt sie. "Selbst Topmodels haben jetzt viel Persönlichkeit. Das ist es, wonach die Leute suchen: jemand, mit dem sie sich identifizieren, eine reale Person", äußerte sie sich nach der New Yorker Fashion Week im Frühjahr.

Für das italienische Label FTL Moda lief dort ein Model mit Prothese, andere präsentierten die Kollektion auf Krücken, im Rollstuhl. Eine Premiere: Als erstes Model mit Down-Syndrom sorgte Jamie Brewer für Aufsehen. Die 30-Jährige ist für ihre Rolle in der TV-Serie "American Horror Story" bekannt. Designerin Carrie Hammer engagierte sie für die Kampagne "Role Models Not Runway Models", Vorbilder statt Models.

Öffnet sich das Schönheitsbild

Findet ein Umbruch statt, ist es das Ende der Oberflächlichkeit? Geht es um Inklusion, ein offeneres Schönheitsbild? Oder doch nur um reine Sensationsgier? Einerseits entflammt immer wieder Kritik an der Scheinwelt der Modebranche, am Magerwahn und Perfektionszwang. Doch andererseits gibt es auch Zweifel, wenn Models fernab der Norm als Beispiele der Toleranz inszeniert oder schlicht für mehr Aufmerksamkeit instrumentalisiert werden.

Bereits in den 90er Jahren stellte der Fotograf Oliviero Toscani in Foto-Kampagnen für das Label "Benetton" den Begriff von Ästhetik in Frage. Seine Fotos eines magersüchtigen Models, von Menschen nach missglückten Schönheits-OPs, von behinderten Kindern lösten kontroverse Debatten aus. Statt Missstände offenzulegen, so die Kritik, bediene er die bloße Lust am Gaffen, und verletze so die Würde seiner Porträtierten.

Gegen die öde Makellosigkeit

Auch für Philosophin Rebekka Reinhard sind Models fernab der makellosen Norm darum eine "ambivalente Entwicklung, ein neues Phänomen, das gewiss nicht zu verurteilen ist." In ihrem Buch "Schön!" setzt sie sich mit der Bedeutung von Ästhetik auseinander, den Fesseln des Schönheitsdiktats, warum der immer gleiche weiße, dünne Modeltyp dominiert. Obgleich Schönheit doch eine Frage des Geschmacks sei. Der Kontrast, der Makel, hebe nur die vollendete Schönheit der gängigen Modeltypen noch mehr hervor. Die realitätsferne, künstlich geschönte Modebranche werde so greifbar, ein wenig menschlicher. Doch von einem wirklichen Umdenken könne keine Rede sein. Spezielle Models bleiben die Ausnahmen innerhalb des festgefahrenen Schönheitssystems, beherrscht von der langbeinigen Regel, den "Titten auf Stielen", sagt Reinhard.

Im Kampf um Aufmerksamkeit reicht es oft nicht mehr, nur schön zu sein. Auch darum setzen Designer immer wieder auf das Besondere, den Showeffekt. Wie die Kulturgeschichte zeigt, ist das Schöne ist immer das Rare - in Zeiten des Überflusses etwa sehr schlanke Frauen. "Doch im Zeitalter technologischer Machbarkeit", sagt Reinhard, "ist Schönheit für eine größer werdende Bevölkerungsgruppe bezahl- und verfügbar." Mit Sport und Skalpell, Kosmetik und Körperkult gestalten wir uns wie eine Skulptur, färben, bleichen, modellieren. Den Rest erledigt Photoshop. Ist Makellosigkeitund Perfektion immer leichter zu erlangen, ödet sie den abgestumpften Betrachter an. Darum entstehe der Trend zu mehr Authentizität, erklärt Reinhard, der Wandel hin zu Typen mit Persönlichkeit, wofür auch die Misfit Models stehen.

Je auffälliger, desto besser für das Geschäft. Del Keens braucht aufsehenerregende, eigenwillige Gesichter, Menschen mit Ausstrahlung, dem "gewissen Etwas". "High fashion" ist für ihn nicht bedeutend. Auftraggeber sind Kunden aus der Werbeindustrie, Unternehmen, Filmemacher. Die wenden sich an die Agentur, wenn sie auf der Suche nach fünf Frauen mit Glatze sind, nach harten Rockern mit Vollbart, einem Kleinwüchsigen. Keens hat Frauen wie Brigitte in der Kartei, die gebucht werden, um das Bild einer dicklichen, deutschen Durchschnittshausfrau zu bedienen. Oder Männer wie Heiko, ein attraktiver Mann, der schon nackt für das Schwulenmagazin "Siegessäule" posierte - einbeinig.

Der Agenturchef selbst stand zuletzt für die Biermarke Astra vor der Kamera. Auf Plakaten des Autovermieters Sixt räkelte er sich im Badeanzug, gemeinsam mit Misfit Model Boris: abgebrochenes Philosophiestudium, Platte am Hinterkopf, Brille. Andere ergatterten Jobs für Saturn oder Peta. Davon allein leben könnte keiner.

"All diese schöne, perfekten Frauen"

Dennoch kommen zu den bundesweiten Castings hunderte. Auch Uta Melle will in die Kartei. Ihre Fotos haben Keens Interesse geweckt. Nun kommt sie für Probeaufnahmen in sein Studio und für den Vertrag. Das schwarze Haar trägt die 46-Jährige raspelkurz, eine glänzende Lederhose. Beim Ausfüllen des Aufnahme-Fragebogens stutzt sie. Angaben zu Shooting-Erfahrungen, Beruf, Gewicht, Größe, Körpermaße: "Ihr wollt ja alles wissen." Sie lacht, legt das Maßband um die Hüften, "Wo genau muss ich denn die Taille messen? Brustumfang auch?" Melle hat sich nach einer Krebsdiagnose, kurz vor dem 40. Geburtstag, beide Brüste abnehmen lassen. Ihre Narben am flachen Oberkörper zeigt sie unverhüllt. Darüber prangt das noch unfertige Tattoo eines Drachen. Sie zieht das weiße Top mit dem "Misfit"-Logo über, posiert vor Keens Kamera, dreht sich, zeigt ihr Profil, lächelt, schaut ernst in die Kamera.

Melle fühlt sich weiblich, ganz ohne sekundäre Geschlechtsmerkmale. "Mir geht das auf den Keks, all diese schöne, perfekten Frauen." Dabei könne doch nicht nur eine Pamela Anderson sexy sein. Darum lässt sie sich fotografieren. Obgleich sie sich nicht viele Jobs erhofft, sieht die Bloggerin Misfit Models als Chance, "um zu zeigen, dass auch 'Anderssein' wunderschön sein kann." Bereits zuvor hat sie gemodelt, ihren Bildband Amazonen veröffentlicht, ein Brustkrebs-Projekt. Die Amazonen, so heißt es, ließen sich eine Brust wegbrennen, damit sie den Bogen besser spannen konnten. Bereit für den Kampf. Melle zeigt sich auf Fotos in ihrem Blog als Engel oder Marilyn Monroe, halbnackt und stolz.

Spontan reagieren viele mit Abwehr auf ihre Bilder. Die offene Konfrontation mit der Krankheit, den Narben, der Glatze falle schwer, glaubt sie. Erst wer es wage, sich damit auseinanderzusetzen, erkenne die Stärke und Schönheit. Selbstvertrauen ist unverzichtbar. Die Models müssen mit sich im Reinen sein und das auch ausstrahlen, sagt der Agenturboss.

Viele seiner Models irritieren, das weiß er. Und erregen so Aufmerksamkeit, Anerkennung, aber auch belustigte Blicke, ein Lächeln, gar Mitleid. Nachdrücklich wehrt er sich gegen den immer wieder gehörten Vorwurf einer "Freakshow". Auch wenn einige als Zombie gebucht werden, in die Rolle von Monstern schlüpfen. Bloßstellen lasse er keines der unverwechselbaren Models. Darauf beharrt Keens.

"Es geht doch vor allem darum, ein breiteres Bild der Gesellschaft zu zeigen." Und dazu gehöre eben auch Krankheit, Behinderungen, Menschen fernab von 90-60-90. "Diejenigen, die das kritisieren, können nur nicht damit umgehen", sagt Melle. "Dabei sollte es doch ganz normal sein, das ganze Spektrum abzubilden, oder nicht?"