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Einfach vegan Kein gutes Gewissen für Fleischesser

Einfach vegan: Kein gutes Gewissen für Fleischesser
Nur ein Bruchteil der Menschheit lebt vegan und isst kein Fleisch. Die meisten aber essen gerne Fleisch. Aber woher kommt eigentlich das Steak auf unserem Teller? Aus Weidehaltung? Fehlanzeige.

In vielen Argumenten gegen Veganismus kommt etwas vor, was meist nur im Kopf existiert, jedoch nicht auf dem Teller. Man denkt an Fleisch von freilebenden Weidetieren und hat ein gutes Gewissen. Auf den Tellern liegt jedoch Fleisch aus Massentierhaltung.

Die ehemalige Veganerin Lierre Keith schreibt das Buch „Ethisch essen mit Fleisch“ und der Blogger Felix Olschewski stellt die Frage, ob „Vegetarier vielleicht sogar mehr Blut vergießen als Fleischesser“. Von beiden Autoren wird gerne zitiert, wenn es darum geht, den den eigenen Fleischkonsum zu rechtfertigen. Keith ist aktive Umweltaktivistin, Olschewski schreibt Bücher über natürliche Ernährung, die er aus der Paleo-Diät weiterentwickelt hat. Zwei vollkommen verschiedene Autoren, die sonst nichts miteinander zu tun haben. Und doch liefern beide eine Grundlage für die These: „Fleisch ist gut und vegan der größte Unfug des Jahrhunderts.“ Danach folgt die sofortige Freigabe der nächsten Fleischportion.

Es lohnt sich, diese Portion genauer anzuschauen. In Deutschland stammt Fleisch nach einer Zahlensammlung von Arte mit einer Wahrscheinlichkeit von 98 Prozent aus Massentierhaltung. Lierre Keith und Felix Olschewski beziehen sich in ihrer Argumentation aber keinesfalls auf Fleisch aus industrieller Produktion, sondern auf Fleisch von Weidetieren. Die Massentierhaltung wird von beiden Autoren strikt abgelehnt. Keith möchte sogar zu kleinbäuerlichen Betrieben zurück, ihre Auflehnung gegen industrielle Lebensmittelherstellung ist so groß, dass sie in Deep Green Resistance dazu aufruft die industrielle Wirtschaft zu beenden. Diese Rahmenbedingungen werden allerdings gerne ausgeblendet. Man benutzt einen einzelnen, sich genehmen Grund den eigenen Konsum zu rechtfertigen, ohne dabei zu berücksichtigen, dass ja die Weidehaltung Grundlage für die pro-Fleisch Thesen beider Autoren ist. Über die wahre Herkunft des Fleisches auf dem eigenen Teller möchte man nicht einmal nachdenken. Man sieht nur, was man sehen will. Vor meiner veganen Zeit stammte mein Fleisch natürlich vom guten Schlachter nebenan, war nur bio und die Tiere haben garantiert auf der Weide gelebt. Auch bei mir funktionierte die Selbsttäuschung.

Leirre Keith’s Herleitungen in „Ethisch essen mit Fleisch“ finde ich zum Teil nicht nachvollziehbar. Wenn Apfelsamen als Babys des Baumes auf eine Stufe mit Ferkeln gestellt werden, also Apfelessen in ihrem Sinne Kindermord ist, aber Gras essen gut, weil Gras angeblich gegessen werden will, dann bin ich raus, das scheint mir zu willkürlich. Auch ihre Erkenntnis, dass man Tiere töten darf, weil Leben in der Natur immer auf Tod beruht, einer immer der Jäger ist, teile ich nicht. Man begeht damit den naturalistischen Fehlschluss – kurz: es ist falsch, etwas, weil es natürlich ist, automatisch als gut zu betrachten. In der Natur gibt es einige Beispiele für Verhaltensweisen, die wir abgelegt haben, weil wir sie als moralisch verwerflich ablehnen. Wenn ich jetzt die Natur für eine Verhaltensweise als Begründung nehme, dann könnte jemand anders das auch für eine andere tun. Mundraub wäre nur ein harmloses Beispiel.

Welchen Ansatz ich aber durchaus interessant finde: Keith lehnt die industrielle Massentierhaltung ab und plädiert für eine Revolution in der Landwirtschaft. Wenn es nach ihr ginge, würden wir nur noch Tiere essen, die auf Weideflächen gelebt haben. Dafür schreibt auch Felix Olschewski. Für beide ist es eine Grundlage ihrer Argumentation. „Geht gar nicht!“, denkt man als Veganer, denn die Tiere müssen ja trotzdem getötet werden. Und die Idee ist doch möglichst wenig Leid zu verursachen. Olschewski nimmt genau diese Prämisse und denkt darüber nach, durch welche Produktionsmethode wohl die wenigsten Tiere leiden und sterben müssten. Er meint Fleisch von einem Rind, welches auf der Weide lebte, sei eventuell besser, als Pflanzen von einem Feld, bei dem Pestizideinsatz dazu führe, dass zum Beispiel tausende Insekten und hunderte von Mäusen vergiftet würden. Und auch Landmaschinen töten Tiere. Während der Entezeit wurden bei uns auf dem Hof zum Beispiel immer mal wieder Hasen, Kaninchen oder Rehkitze von den schweren Geräten erwischt. Man kann deshalb auf keinen Fall behaupten, dass die Produktion von Pflanzen leidfrei für Tiere wäre. Olschewski sagt, je weniger Tiere man tötet, desto besser, und er geht davon aus, dass ein freilebendes Weiderind womöglich das geringere Übel wäre.

Die Nahrungsmittelproduktion mit dem größten Leid ist unbestritten die Massentierhaltung, denn dafür braucht man sowohl das Rind, als auch das Getreide-, Mais- oder Sojafeld, welches das Rind mästet. Für eine Portion benötigt man so ein Vielfaches der Fläche, die für eine Portion pflanzlicher Nahrung mit der gleichen Nährstoffdichte notwendig wäre. Sieben Kalorien Pflanzen ergeben im Schnitt eine Kalorie Fleisch. Statt einen mit Fleisch satt zu kriegen, könnte man sieben mit Pflanzen satt bekommen. Und für Fleisch muss dann auch sieben mal mehr Kleingetier daran glauben, plus das Rind natürlich. So richtig nachgerechnet hat die Mäuse und Insekten aber soweit ich weiss noch niemand.

Also Weiderind. Das soll das kleinste Übel sein, besser noch als wenn alle vegan leben. Vegan? Dann hätte man ja auch keinen Dünger mehr. Und wohin mit den ganzen Tieren? Nur, das ist eine Projektion in die Zukunft. Die Zukunft gibt es aber nicht, sie ist reine Einbildung. Es leben nicht alle vegan, 99 Prozent in Deutschland sind keine Veganer. Und wenn man jetzt aus obigen Argumenten folgt „Vegetarisch, das ist ja gar nicht so gut, dann kann ich beruhigt weiter mein Fleisch essen“, dann liegt man mit ziemlicher Sicherheit daneben. Die Grundlage ist extensive Weidehaltung. Nur gibt es die bei uns so gut wie gar nicht. Fragen sie mal im Supermarkt nach Fleisch von freilebenden Weidetieren. Fehlanzeige. Das wäre auch bei den Mengen, die unsere Gesellschaft heute verbraucht, gar nicht machbar. Der einzige Weg dorthin wäre, weniger Fleisch zu essen. Nur dann, wenn genug Menschen darauf verzichten, würde es überhaupt möglich sein, ausschließlich auf Weidevieh zu setzen. Und dieser Verzicht muss bei einem selbst anfangen. Man muss auf seinen eigenen Teller schauen. Nicht auf den der Veganer, auf deren Teller liegt kein Fleisch. Veganer sind die Lösung des Fleischproblems.


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