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Einfach vegan: Tierliebe

Wieso können wir ohne Probleme Schnitzel essen, denken wir aber an Pferde- oder gar Hundefleisch wird uns übel. Skurril? Ja, denn Tierliebe sollte nicht beim Haustier aufhören.

Ich erinnere mich an eine Klassenreise nach Aix en Provence vor vielen Jahren. 1100 Kilometer mit einer grölenden Klasse pubertierender Teenager in einem alten Bus. Als wir spät abends endlich ankamen, den ganzen Tag nichts Richtiges gegessen und müde von der Reise, servierte uns der Herbergsvater ein deftiges Gulasch. Das war jetzt genau das Richtige. Gut gewürzt, mit viel Knoblauch in einer kräftigen Sauce mit Kräutern aus der Gegend. Sehr lecker. Viele von uns aßen davon mehrere Portionen. Unser Lehrer streichelte seinen Schnäuzer, lobte das Gericht und fragte nach dem Rezept. Der Herbergsvater rief den Koch aus der Küche, der stellte sich in die Tür, wischte sich die Hände in der Schürze ab, strahlte uns mit glänzenden Wangen an und erklärte, der Trick sei, das Pferdefleisch mit Butterschmalz kräftig anzubraten. Ein Mädchen erbrach gleich auf den Tisch, andere hielten sich die Hand vor den Mund und rannten aus dem Raum. Mit einem Schlag wurde aus verdammt lecker verdammt igitt.

Das falsche Fleisch
Ist das nicht seltsam? Etwas, was einem eigentlich gut schmeckt, geht plötzlich gar nicht mehr? Pferdefleisch ist in einigen Regionen normal, für uns war es das nicht. Es schmeckte, aber warum wurde einigen davon übel, als sie hörten, es sei Pferd. Wir unterscheiden ganz offensichtlich zwischen Tieren, die man isst und Tieren, die man liebt. Weshalb essen wir Schweine, Hunde aber nicht? Wenn man darüber eine Weile nachdenkt, merkt man, dass wir für Tiere unterschiedliche Regeln erfunden haben. Sie heißen auch unterschiedlich. Die einen Nutztiere und die anderen Haustiere. Mit Nutztieren gehen wir anders um, als mit Haustieren. Niemand würde auf die Idee kommen, seinen Hund ein Leben lang in einen Betonverschlag zu sperren, in dem er sich kaum umdrehen kann. Mit Schweinen machen wir das. Wenn jemand seinen Hund den ganzen Tag an der kurzen Leine angebunden halten würde, stünde der Tierschutz ruck zuck auf der Matte. Wäre der Hund eine Kuh, kein Problem.

Nutztiere sind Dinge
Nahezu jeder Hundebesitzer glaubt daran, dass sein Hund intelligent ist und ihn versteht. Er erkennt eine Persönlichkeit, die in seinem Tier steckt. Doch kaum jemand läßt den Gedanken zu, dass das Schnitzel auf seinem Teller vielleicht auch von einer Persönlichkeit stammt. Nutztiere haben bei uns keine Persönlichkeit. Das ist ganz offensichtlich eine schwarzer Fleck in unserm Hirn.
Nutztiere sind Dinge. Dass diese Sichtweise etwas einseitig ist, merkt auch allmählich die Fleischindustrie und versucht alle Worte, die negativ wirken könnten, aus ihrem Vokabular zu verbannen. Der Mäster heißt jetzt Züchter, Schnabelkürzen Schnabelbehandlung, Eier kommen jetzt aus konventioneller Haltung und nicht mehr aus der Massenhaltung. In Schlachtereien hängen Plakate auf denen mit dem Wohl des Tieres geworben wird. Glücklich in den Tod. Das neue Buch „Hilal Sezgins Tierleben“ beschreibt diesen Wortwandel in einem Kapitel und versucht unserer Einstellung gegenüber Tieren auf die Schliche zu kommen. Hilal Sezgin lebt in der Lüneburger Heide auf einem Hof. Bei ihr leben Tiere, die dem Schlachthaus entkommen sind oder die schon immer auf dem Hof gelebt haben. In liebevollen Beobachtungen beschreibt sie deren Persönlichkeit. Da ist ein Huhn, welches nur in der Nähe eines bestimmten Schweines schläft, Schafe, die zum kraulen kommen und ein Bock, der sich für Medikamente bedankt, obwohl sie auf der Haut brennen. Und sie beschreibt, wie wir mit zweierlei Maß messen. Wie in dem Stück über den Jäger, der im Winter das Wild füttert, damit es überlebt, und der es dann im Sommer erlegt, weil es doch eine Plage ist. Mein Lieblingszitat aus dem Buch „Die Evolution hat nicht alle Subjektivität, alle Gefühle, alles Denken auf einen Schlag erschaffen, zufälligerweise mit dem Erscheinen des Menschen.“

Ein Grund für Fleisch
Wenn Tiere fühlen und denken, weshalb dürfen wir sie dann quälen und töten? Weil wir Nahrung brauchen? Das gilt vielleicht für Regionen, in denen außer Gras nichts wächst. Dort wäre unsere Existenz bedroht. Aber hier? Wir haben kein Problem so viele gute Nahrungsmittel zu finden, dass wir ohne Fleisch keinen Mangel leiden. Ganz im Gegenteil. Eine Reduzierung unseres Fleischkonsums würde sogar unsere Gesundheit verbessern. Viele Volkskrankheiten werden heute mit zu viel Fleisch in direkten Zusammenhang gebracht. Weniger wäre mehr. Das ist unbestritten. Und wenn man dann beim weniger ist, dann fängt man an darüber nachzudenken, ob das wenige überhaupt noch nötig ist und dann kommt man immer mehr zu der Erkenntnis, dass man eigentlich überhaupt kein Fleisch mehr essen möchte. Ob gar kein Fleisch zu essen nun wirklich gesünder ist, als Fleisch zu essen, ist gerade schwer in der Diskussion. Wirklich gute, unabhängige Studien gibt es nicht, aber es deutet vieles darauf hin. Die amerikanische und die kanadische Gesellschaft für Ernährung halten die fleischlose Ernährung schon lange als für jedes Alter geeignet. Warum soll man dann noch Fleisch essen? Für den Geschmack? Im deutschen Tierschutzgesetz steht, dass kein Tier ohne vernünftigen Grund getötet werden darf. Ist der Geschmack seines Fleisches ein vernünftiger Grund?