HOME

Blended Whisky: Der Tag geht, John Glaser kommt

Sie gelten als ein wenig uninspiriert und langweilig, die Blended Whiskys. Jetzt aber beginnt ein junger Amerikaner, die Szene aufzumischen. Und wie!

Whisky ist im Glücksfall ein irre guter Tropfen, in der Regel aber eine irre komplizierte Materie. Manch einer redet sich um Kopf und Kragen, plappert er in Anwesenheit von Liebhabern dieses traditionsreichen Gesöffs unbedarft vor sich hin. Ungeschriebenes Gesetz: Wer schon die heiligen Whisky-Weihen nicht empfangen hat, sollte wenigstens den angemessenen Respekt zollen, beim Trinken den Mund halten und nicht unqualifiziert über komplexe Nachklänge schwadronieren.

Alles Quatsch

, ruft plötzlich der Amerikaner John Glaser, Gründer der Firma "Compass Box", schert aus der Riege der eingeschworenen Kenner aus und postuliert: Bloß keine Ehrfurcht! Keine unnötigen Dogmen! Er will dem Whisky sein Altherrenimage nehmen und die Neulinge unter den Trinkern ermuntern, unverzagt die Gläser zu heben. Er sagt so liebenswerte Sätze wie: Hauptsache, es schmeckt dir. Möchtest du vielleicht noch einen? Wie hättest du ihn denn gern? Mit Wasser oder lieber mit Eis? Trink ihn einfach so, wie du ihn am liebsten magst.

Gleichzeitig kreiert der neue Stern am Whisky-Himmel wunderbare Scotchs, die meist weich am Gaumen, mal rauchig, mal elegant, aber ausnahmslos gefährlich gut trinkbar sind. Der Stil von "Compass Box", ein Sortiment von gerade mal sieben Produkten, reflektiert, was Leute am Whisky mögen: üppige Aromen, gepaart mit einem runden, süßen Charakter. Und spricht damit nicht nur die erfahrenen Whiskytrinker an, sondern appelliert auch an Einsteiger. Der Amerikaner glaubt: In jedem Weinliebhaber steckt ein Whiskyliebhaber.

Glaser ist 41 Jahre alt, verheiratet - "meine Frau Amy ist der Boss" -, hat zwei kleine Kinder und lebt in London. Beruf: Blender. Nicht so einer wie Guido Westerwelle - er ist Whisky-Blender. Das sind die, die einen Ballantine's oder einen Chivas aus so vielen Einzelwhiskys zusammenmischen, dass er immer typisch nach Ballantine's oder Chivas schmeckt. Ein wichtiger, aber kein auffälliger Job, weshalb seine Kollegen in der Regel das Licht scheuen. John ist anders. Charmant, gut gekleidet, höflich und kein bisschen oberlehrerhaft. Mitteilsam und offen wirbt er für seine Sache. Vor allem aber: Er macht Blended Whisky wieder spannend.

Im Verhältnis zum Malt hat der Blended Whisky ein Langweilerimage: rund, gefällig, ein Glas für nebenbei. Ein Verschnitt aus verschiedenen richtigen Gerstenbränden mit unauffälligen Weizen- und anderen Destillaten. Malt dagegen gilt als kantig, urig, echt - ein aufregender Gesprächsstoff für Stunden. Aus welcher Destillerie? Von wem gebrannt, mit welchem Wasser und welcher Hefe, in was für Fässern gelagert? Aber muss ein Blend notwendig rund und ölig sein? Kann nicht auch er Gesprächsstoff bieten?

Spricht Glaser über Whisky, ufert das Ganze schnell in Missionsreden aus. Unbremsbar referiert er über die Qualität von Eichenfässern. Er schwört auf gutes Holz - "Wir nehmen nur amerikanische Eiche, keine Ex-Sherry-, nur Ex-Bourbon-Fässer, fast alle nur einmal benutzt." 70 Prozent des Geschmacks gut gereifter und hochwertiger Whiskys, sagt Glaser, kommt vom Holz. Seine sind grundsätzlich ungefärbt, und sie sind auch nicht gefiltert. Das heißt, es kann zu einer leichten Wölkchenbildung kommen.

Compass-Box-Whiskys gewannen bislang 40 Preise - in nur fünf Jahren. Das "Esquire Magazine" schwärmt von Glaser als einem "verrückten amerikanischen Whisky-Fanatiker, der eine schottische Schönheit nach der anderen kreiert", der britische "Guardian" bezeichnete seinen Scotch Grain Whisky (aus Weizen, nicht aus Gerste gebrannt) schlicht als "sexy", und beim angesehensten Wettbewerb der Getränkeindustrie, der International Wine and Spirit Competition 2005 (IWSC), wurden Compass-Box-Whiskys in allen Kategorien, in denen sie vertreten waren, als "Best in Class" ausgezeichnet.

Gerade das Mischen nur kleiner Mengen ermögliche es, eine Reihe ganz eigentümlicher Whiskys zu produzieren. In 15 Ländern werden sie in ausgesuchten Fachgeschäften angeboten und tragen so merkwürdige Namen wie "Hedonism" (Lehre von der Sinneslust), "Juveniles" (Name einer Weinbar in Paris, für die Glaser einen komplexen Malt schuf), "Peat Monster" (das Torfmonster: sehr rauchig, torfig), "Eleuthera" (Bahamas-Insel, wo Glaser entschied, sich selbstständig zu machen). Neu in den Regalen: "The Spice Tree" (der Gewürzbaum). Alle Whiskys sind maßgeschneidert nach Glasers Geschmack, gefüllt in klassisch schlanke Flaschen und immer mit geschmackvollen Etiketten versehen.

"Hedonism", ein fast süßer Scotch Grain Whisky, gehört zu den ersten Produkten von "Compass Box". Sein Stil zeichnet sich durch die Balance zwischen der geschmacklichen Tiefe der älteren und den Fruchtaromen der jüngeren Whiskys aus. "Man muss ihn probiert haben", sagt Glaser, "um zu verstehen, dass der Name keiner Erklärung bedarf." Für "The Spice Tree" zerlegte Glaser ein Fass und setzte es neu zusammen, indem er jede zweite Daube durch eine aus französischer Traubeneiche ersetzte.

Schottlands Brennereien

erzeugen immer mehr, immer unterschiedlichere Whiskys, und die Blender haben die Qual der Wahl. Wer das Handwerk ausübt, braucht Inspiration und Erfahrung, aber auch eine gute Portion Glück. "Ich könnte nicht glücklicher sein", sagt Glaser. Dabei hat er sich auf ein Terrain begeben, das eigentlich längst unter den Großen der Branche aufgeteilt ist. Der Diageo-Konzern, ein Marktgigant, ist John Glasers ehemaliger Arbeitgeber. Der weltgrößte Spirituosenhersteller verkauft alle 2,77 Sekunden irgendwo auf der Welt eine Flasche Johnnie Walker Black Label. Gemessen daran ist Compass Box noch nicht einmal ein Zwerg. Doch gerade darin besteht der Reiz. "Die Scotch-Whisky-Industrie muss aufgemischt werden", sagt Glaser, "es fehlt an Persönlichkeiten." Innovativ könnten nur die Kleineren sein. Die Großen hält er für unflexibel.

Glaser hatte nach dem Studium der Literatur eigentlich in der Weinbranche arbeiten wollen. Er jobbte zunächt in Läden in Washington D. C., zog dann nach Frankreich und lernte Französisch. Nach einem Zweitstudium der Betriebswirtschaft landete er bei Johnnie Walker in New York. "Bis ich dort anfing", sagt er, "hatte ich nur Wein getrunken." Die Firma aber schickte ihn in Schottlands Destillen, und eine neue, faszinierende Welt tat sich für Glaser auf.

Er lernte

, die alten Lagerhallen zu lieben, den Geruch der Fässer, den Duft des reifenden Whiskys, das traditionelle Handwerk. Neugierig begann er zu Hause in seiner Küche selbst mit dem Blenden von Whisky. "Amy machte mein neues Hobby wahnsinnig. Überall standen diese kleinen Probeflaschen herum. Irgendwann hatten wir keinen Platz mehr." Aus dem Spaß wurde Ernst, und der Wunsch, eine eigene Firma zu gründen, ließ ihn nicht mehr los. Bei Johnnie Walker war er inzwischen Marketing-Direktor, doch während eines Urlaubs auf Eleuthera entschied er, "Compass Box" zu starten. Den Kontakt zu seinem Ex-Arbeitgeber aber hielt er. Glaser bezieht seine Ware aus den besten schottischen Häusern, etliche davon gehören Diageo.

Insgesamt verkostet er an die 1000 Fassproben pro Jahr. "Man braucht großartigen Whisky, um großartigen Whisky zu kreieren." Jeden neuen Blend, den John Glaser zusammenstellt, nimmt er erst mal mit nach Hause. Dort fällt dann die Entscheidung über die endgültige Mischung. Jeder Whisky soll eine führende Komponente haben, ergänzt durch die anderen Whiskys. Glaser will Getränke zaubern, die zu vielen Gelegenheiten passen und nicht nur den Platz eines Digestifs einnehmen. "Es ist ein Drink! Er soll Vergnügen bereiten! Leute, lasst uns nicht so verdammt seriös über dieses Zeug fachsimpeln. Ich liebe Whisky und will diesen Spaß mit so vielen wie möglich teilen."

Szene-Bars und Restaurants in London haben Compass-Box-Produkte längst in ihren Regalen. Dort sind sie hip. Wenn es um Blended Whiskys geht, gibt Glaser ganz offenbar den Trend vor. So ist das mit dem Kompass - er zeigt die Richtung an.

Birgit Knop Mitarbeit: Jürgen Deibel

Bezugsadressen über: Prineus GmbH, Bielenbergstr. 27, 24143 Kiel, Tel. 0431/77 59 15 92, www.prineus.com

print