Reinhard Marx Mein Wein, mein Keller, mein Himmelreich ...

Von wegen "mein". Nie würde Reinhard Marx sein nennen, was doch "dem Herrn" gehört oder seiner Sache. Und doch ist der Bischof von Trier Deutschlands drittgrößter Weingutsbesitzer.
Von Bert Gamerschlag

Austritte, Steuereinbrüche, Neuheidentum - eigentlich hat die doch gar kein Geld mehr! Umso erstaunlicher, was die Kirche Ende 2003 tat. Sie kaufte Boden, mitten in Deutschland. Bemerkenswert, wo es doch sonst eher andersrum geht, ans Verkaufen, Konsolidieren, ans Schrumpfen. Oder war sie nur schlauer, die Kirche in Trier? Sah sie, was andere nicht sehen? Jedenfalls erwarb sie steile, himmelhohe Weinberge im Lichte des Moseltals, 23 beste Hektar. Was wächst, wird erwachsen, reift, runzelt, stirbt am Ende und muss in die Grube. Nicht so Wein. Statt in die Grube geht der in den Keller, wo der Winzer den Beeren den Most abpresst, den er verwandelt. Das Rebenfleisch, es fährt dahin, der Rebensaft aber bleibt, die Essenz einer Pflanze in Winzerhand - Wein. Am Ende steht die Rebe in neuem Kleide da, in Flaschen. Als Traube tot, als Trank lebendig. Wer davon trinkt, wird selig - erhebend, wenn man so blau wie der Himmel ist.

Einer, dessen Sache sowohl das Himmlische wie das Grubige ist, ist Reinhard Marx, 54. Beruf: Bischof. Also Seelenwinzer, wenn man so will und glaubt, dass es die Seele gibt. Eine Art Wein-Winzer ist Marx aber auch - 130 Hektar Weinberge gehören ihm, gänzlich längs der Flüsse Mosel, Saar und Ruwer gelegen (wobei Letzterer mehr ein Bach ist). 20.000 Quadratmeter messen die bischöflichen Keller unterm Pflaster der alten Kaiserstadt Trier. 300 Fuderfässer stehen dort, richtig dicke Dinger, in denen jeweils 1.000 Liter reifen, Riesling meist. So weitflächig vermaulwurft sind die Anlagen, dass die Küfer die Tunnel per Fahrrad bewältigen. Im fahlen Dämmer der Fasskatakomben schwingt Marx kurz zurück, lässt einen Arbeiter tiefer ins Schattenreich sausen, wippt wieder vor und erklärt, warum er Weinland zukaufte, als andere es abstießen: "Hätten wir es Immobilienjägern überlassen, die hätten nur zwei, drei Filetstücke genommen und den Rest einfach stillgelegt."

Mit Gotteslohn begleicht man nun mal keine Stromrechnung

Rebland stilllegen in Trier, wo der Weinbau ins 1. Jahrhundert zurückgeht und die Menschen mehr Weißwein als weiße Blutkörperchen in den Adern haben? "Das geht nicht", sagt Marx, "wenn man hier seit 250 n. Chr. der 102. Bischof in Folge ist und jeder am Ort Weinbau als Kulturaufgabe sieht." Das geht nicht, wenn man in langen Zeiträumen plant und antizyklisch handelt, wenn’s drauf ankommt: "Die Kirche", sagt Marx, "legt ihre Werte konservativ an und wirtschaftet nachhaltig." Was Marx erwarb, waren jahrhundertelang die Weinberge des Trierer Friedrich- Wilhelm-Gymnasiums. Jetzt sind es seine, also die des Bistums. Es sind die uralten Pfründen einer Anstalt, an der ein ganz anderer Marx fürs Leben lernte: Karl Marx war Schüler dort und entwickelte seine Ideen nach der Schulzeit angesichts verarmter Moselwinzer. 165 Jahre ist es her, dass die Not der Weinbauern den Redakteur der "Rheinischen Zeitung" erste Attacken gegen den Obrigkeitsstaat reiten ließ, den er anklagte, seine Bürger kaltherzig verelenden zu lassen. Die Kirche verwarf er gleich mit: Religion sei "das Opium des Volkes".

Karl Marx ist tot und der Marxismus dazu. Auch die Kirche ist schwer angeschlagen, obwohl es für sie im Vergleich zum Marxismus noch bombig ausschaut. Nur den Moselwinzern, denen geht’s heute gut. Die machen richtig Geld. Die guten unter ihnen machen sogar richtig gutes Geld. Bei Lichte besehen mag darum der Kauf des Bischofs ja ein kulturpflegerischer Akt gewesen sein; sicher war es aber auch ein wirtschaftlicher. Die Kirche braucht Bares. Mit Gotteslohn begleicht man nun mal keine Stromrechnung. Ohne Kohle geht die Caritas Konkurs. Ganz weltlich-geldlich verfolgt Helmut Plunien das, was sein Chef ausführt. Kulturaufgabe, ja! Und auch Wertanlage, ja! Plunien, 42, nickt und blickt zufrieden, er ist Marxens Stellvertreter sub Erden, ist der Direktor der "Bischöflichen Weingüter Trier", wie der Laden etwas umständlich heißt. Diese Güter umfassten lang schon die Lagen des Bischöflichen Priesterseminars, des Bischöflichen Konvikts und der Hohen Domkirche, Stiftungen reicher Prälaten aus dem 18. und Erwerbungen aus dem 19. Jahrhundert.Und jetzt gehören auch noch die des Gymnasiums dazu. Mit Rebzucht seit 1561 sind die gymnasialen Lagen geradezu altehrwürdig. Manche darunter zählen gar zu den besten an der Mosel, lauter klingende Namen: die "Trittenheimer Apotheke" und der "Falkensteiner Hofberg" sind dabei, in Graach sind’s die Lagen "Dompropst" und "Himmelreich" (für sämtliche bischöflichen Lagen siehe Karte).

"Paulus hat Kollekten gehalten, um den Armen zu helfen- wir machen nichts anders"

Jetzt, da deutscher Wein und gerade Riesling langsam wieder geschätzt wird, da man für Qualität besonders in China, Japan und den USA wieder richtig dicke Preise erzielen kann, da ergibt es im Rückblick Sinn, wenn man beizeiten Land erworben hat und nun expandieren kann. Und wenn noch so viele Winzer verzagten und verkauften - der Marx tat’s nicht. Der Marx war schlau, er sah eben doch weiter. Und darum verpflichtete er auch diesen Plunien, nicht den einzigen, aber sicher einen der wenigen, die die Aufgabe stemmen können, die kirchlichen Weingüter aus dem Mittelfeld in die Gruppe der Spitzengüter zu bringen. Die Voraussetzungen dazu sind zweifellos da, zumal zu den bischöflichen Gütern auch Äcker im Scharzhofberg an der Saar gehören; der gilt manchen als der beste deutsche Weinberg überhaupt. Dass er die Qualitätsarbeit leisten kann, hat Plunien zuvor in Würzburg bewiesen. Dort war das "Bürgerspital zum Hl. Geist", eine im Mittelalter gegründete Stiftung, fast in den Ruin gewirtschaftet. Dabei gehört der 110 Hektar große Uraltbetrieb zu den Gründungsmitgliedern des VDP, des Verbands der Deutschen Prädikatsweingüter, in dem sich die besten deutschen Winzer organisieren. Plunien baute das "Bürgerspital" von 1999 bis Mai dieses Jahr zu einem profitablen Laden um.

110 Hektar, das ist schon echt groß im ganz überwiegend familiär und kleinklein strukturierten deutschen Weinbau. Marxens Weinbesitz ist noch um 20 Hektar größer, es ist der drittgrößte in Deutschland. Zum Glück, sagt Plunien, waren Marxens Weinberge in weit besserer Verfassung als die am Main, was den Auftrag vielleicht leichter macht, sie noch ertragreicher zu machen. Wie nötig das ist, macht die gewisse Bänglichkeit klar, die in der Stimme des Bischofs liegt, wenn er seinen Direktor fragt: "Wir machen doch Gewinn, nicht wahr? Herr Plunien, sind denn die Zahlen schwarz?" Wenn sie so viel Geld braucht, warum verkauft die Kirche nicht einfach alles, was sie hat, und gibt die Erlöse den Armen? Warum hortet sie Land und Güter, warum kauft sie gar noch dazu? Sollte sie nicht sein wie die Vögel unter dem Himmel, die nicht säen noch ernten und die der himmlische Vater doch ernährt? Und steht nicht geschrieben: Verkauft alles und folget mir nach? Fragen, die Marx die Arme bäuchlings verschränken und rot anlaufen lassen. Und Luft holen. Papperlapapp, sagt schon die Geste, dann rappt der Bischof los: "Jesus hat die Apostel eingesetzt und die Kirche geschaffen. Er hatte selbst Menschen, die ihn finanziell unterstützten. Er hatte eine Kasse. Judas war der Kassenwart. Auch Paulus hat Kollekten gehalten, um den Armen zu helfen", sagt Marx, "wir machen nichts anders.

"Ich weiß jetzt mehr von Wein als damals, als ich herkam"

Das ist in Ordnung, solange das Geld für die Sache, für die Sendung ist." Man mag dem Bischof da folgen oder nicht, Fakt ist: Kindergärten, Schulen, Sozialstationen, Beratungsstellen, Bahnhofsmission, Essen auf Rädern, Krankenhäuser, Altenheime ... Was immer in kirchlicher Trägerschaft steht, muss gewuppt und verwaltet werden - und kostet. Unter anderem weil längst nicht alle, die die Kirchendienste nutzen, Kirchensteuer zahlen - trotzdem wird ihnen geholfen. Indirekt können auch Kirchenferne dazu beitragen, die Dienste zu finanzieren - mit einer Kiste gutem Marx-Mosel, durchaus zu stemmen bei Preisen für Qualitätsweine ab fünf, Kabinettsweine ab sechs und Spätlesen ab acht Euro. Auch wenn die Produktionsmittel unbestritten in seiner Hand liegen – Reinhard Marx hat zweifellos nicht "Das Kapital" geschrieben, er versteht vom Wirtschaften wenig. Und sein Wissen vom Weingeschäft verhält sich umgekehrt proportional zu seinem Finanzbedarf. Als gebürtiger Westfale trank Marx fröhlich Bier, bis ihn sein Chef in Rom vor sechs Jahren nach Trier schickte. "Ich weiß jetzt mehr von Wein als damals, als ich herkam", sagt der Moselbischof, "aber ernsthaft mitreden kann ich nicht." Gemeinsam wollen sie stark sein, Marx und Plunien. Kapital und Arbeit Hand in Hand. Wenn’s klappt, kommt vielleicht wieder eine neue Lehre aus Trier: Marxismus-Plunienismus.

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