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"Anne Will" zur katholischen Kirche "Systemversagen der Kirche": Oberster Katholik des Landes fordert Entschuldigung vom Papst

Georg Bätzing, Bischof von Limburg und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz
"Systemversagen der Kirche": Georg Bätzing, Bischof von Limburg und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz
© NDR/Wolfgang Borrs
Anne Will diskutiert über den neuerlichen Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche. In der Runde fordern viele den Rücktritt von Kardinal Marx. Angemessene Entschädigungen für die Opfer verspricht die Kirche nicht.
Von Jan Zier

So sicher wie das berühmte Amen in der Kirche war ja – in Zeiten der Pandemie –, dass es bei Anne Will am Sonntag um eben jene geht, um Corona, das Impfen, die Infektionsschutzmaßnahmen und so weiter. Nun aber hat ein unabhängiges Rechtsgutachten Hinweise auf mindestens 497 Missbrauchsopfer im Erzbistum München und Freising zwischen 1945 und 2019 offenbart, 235 Täter wurden in der Studie identifiziert, darunter 173 katholische Priester. Das schreckt sogar Anne Will auf: "Missbrauch, Lügen, Vertuschung – ist diese Kirche noch zu retten?"

Wer hat diskutiert?

  • Georg Bätzing, Bischof von Limburg und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz
  • Matthias Katsch, Mitbegründer und Sprecher der Betroffeneninitiative "Eckiger Tisch"
  • Katrin Göring-Eckardt (Bündnis 90 / Die Grünen), Bundestagsvizepräsidentin
  • Ingrid Matthäus-Maier (SPD), Juristin und frühere Bundestagsabgeordnete
  • Christiane Florin, Redakteurin für Religion und Gesellschaft beim Deutschlandfunk

Wie lief die Diskussion?

Die Debatte beginnt einmal mehr mit dem, was Christiane Florin "Demutsgigantismus" nennt. Bischof Bätzing, qua Amt der oberste Katholik im Land, spricht von einem "Systemversagen der Kirche", von "institutionellem Versagen", von einem "immensen Schaden", der nicht wiedergutzumachen sei. Er rät dem emeritierten und gerade der Lüge überführten Papst Benedikt XVI., sich über seine Berater hinwegzusetzen und zu sagen: "Ich habe Schuld auf mich geladen. Ich bitte um Verzeihung." In der katholischen Kirche glaubt man eben noch an Wunder.

Die Anwälte der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl sprachen bei der Vorstellung des Gutachtens von einer "Bilanz des Schreckens". Den Verantwortlichen des Erzbistums wiesen sie zahlreiche Verstöße gegen Aufklärungspflichten sowie den Schutz von auch rechtskräftig verurteilten Tätern nach. Die Vorwürfe richten sich nicht nur gegen Joseph Ratzinger, sondern auch gegen den amtierenden Erzbischof Reinhard Marx. "Wir sehen ein Desaster", sagte Marx – zurücktreten wollte er aber nicht. Genau das jedoch fordert nun unter anderem Matthias Katsch, der Sprecher der Betroffeneninitiative "Eckiger Tisch" von ihm – obwohl er Marx eine "ehrliche Betroffenheit" zugesteht und obwohl auch ihm klar ist: "Der Austausch von Personen ändert nichts". Katsch fordert gar einen "Systemwechsel", ohne dass so ganz klar würde, worin der bestehen sollte.

Auch Christiane Florin moniert, dass alle Verantwortlichen in der katholischen Kirche noch immer in Amt und Würden seien, obwohl der systematische Missbrauch innerhalb der Kirche ja schon seit 2010 diskutiert werde. Kirchenkritikerin Ingrid Matthäus-Maier fordert neben einem Rücktritt der Verantwortlichen auch – und vor allem – ein Berufsverbot für die Täter, eine Öffnung aller Archive, dazu Ermittlungen weltlicher Staatsanwaltschaften gegen all jene Täter die noch leben. Sie kritisiert die "Betroffenheitsrethorik" der Geistlichen und die "Kumpanei" der Politik mit den christlichen Kirchen im Land. Nur 41 Fälle aus dem Erzbistum München und Freising seien nun der Staatsanwaltschaft übergeben worden, sagt Matthäus-Maier – und das auch noch anonymisiert. "Alle Taten müssen schonungslos aufgeklärt werden", sagt Bätzing, der betont, dass es sehr wohl Konsequenzen gebe, die gezogen würden.

Katrin Göring-Eckardt, die von der Kirchenoberen fordert, sie sollten "Platz machen für andere Strukturen", setzt sich nun für eine unabhängige Aufarbeitung der Missbrauchsfälle beim Bundestag ein. Auch Bätzing ist dafür – "selbstverständlich". Die Kirche behalte bisher bei all der Aufarbeitungsarbeit immer "das Heft in der Hand", sagt indes Florin, die der Politik "Beißhemmung" attestiert; schließlich leisteten die Kirchen ja viele soziale Arbeit, die sonst der Staat übernehmen müsste, da wolle es sich die Politik nicht allzu sehr mit den Kirchen verscherzen.

"Die Politik hat versagt", meint gar Matthäus-Maier – mit Blick auf das kirchliche Arbeitsrecht, dass es den Katholiken erlaubt, Frauen oder queere Menschen zu diskriminieren, im Namen der Religionsfreiheit und der Selbstbestimmung. Die Ampelkoalition will nun "gemeinsam mit den Kirchen" Reformen im kirchlichen Arbeitsrecht "prüfen". Das ist politisch die schwächstmögliche Aussage, und auch die Grüne Göring-Eckardt will es anders als etwa Matthäus-Maier nur "verändern, nicht abschaffen".

Er könne nicht garantieren, dass queere Menschen wie jene 125, die sich gerade medienöffentlich geoutet haben, nicht von seiner Kirche gekündigt würden, sagt Bätzing – er wolle das aber garantieren. Er versteigt sich gar zu dem Satz, dass er "sehr froh" sei um das Outing. Obwohl doch seine Kirche Homosexualität weiter als Sünde brandmarkt. Kann er also Garantien für queere Mitarbeitende in der Amtskirche abgeben? An der Lehre der Kirche in Rom könne auch die deutsche Bischofskonferenz nicht vorbei, erinnert ihn Katsch. In seinem Schlusswort fordert er einmal mehr  "angemessene Entschädigungszahlungen" für die Opfer kirchlichen Missbrauchs. Und an dieser Stelle will Bätzing keine Garantien abgeben.

Der besondere Moment

Christiane Florin hatte im Spätherbst letzten Jahres selbst einen Termin für einen Austritt aus der Kirche, zur selbem Zeit aber wurde dann vor Gericht auch gegen einen katholischen Priester verhandelt – sie entschied sich dann für letzteren Termin, erzählt sie. Ausgetreten aus der Kirche ist sie noch immer nicht: "Ich laufe bleibend davon".

Die Erkenntnisse

2020 nahm die Katholische Kirche rund 6,45 Milliarden Euro und die Evangelische Kirche etwa 5,63 Milliarden Euro durch die Kirchensteuer ein, sagt das Statistische Bundesamt. Hinzu kommen 548 Millionen Euro an Staatsleistungen – ein Ausgleich für Säkularisierung im 19. Jahrhundert – seit dem Zweiten Weltkrieg seien so 22 Milliarden Euro vom Staat an die Kirchen bezahlt worden, sagt Matthäus-Maier. "Diese Staatsleistungen sind nicht mehr verständlich zu machen", sagt Bätzing. Die Ampelregierung hat sich vorgenommen, an diesen Zahlungen etwas zu ändern – gemeinsam mit den Kirchen.

Fazit

Ob die katholische Kirche noch zu retten ist? Diese Frage bleibt am Ende offen. Aber vielleicht war es ja eh auch nur eine rhetorische.

fs

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