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Bier gewinnt - Der Bierblog: Schotte? Engländer? Egal, Bier ist Bier!

Auf kaum einem anderen Ort auf der Welt lässt sich die grenzüberschreitende Wirkung von Alkohol besser beobachten als in einem britischen Pub.

Als der alte, zahnlose Mann beim Karaoke ans Mikrofon trat, gab es in dem Saal kein Halten mehr: Frenetisch johlten die Anwesenden, während der Mann mit brüchiger Stimme "My Way" anstimmte, in der Punk-Version der Sex Pistols freilich, nicht etwa gediegen wie bei Frank Sinatra. Allen war klar: Der Abend hatte seinen emotionalen Höhepunkt erreicht.

Da lagen bereits fünf bierselige Stunden im Hole I' The Wa' hinter uns, einem der ältesten Pubs im schottischen Dumfries. Stunden, in denen wir uns von hunnischen Eindringlingen zu akzeptierten Mitgliedern der Pub-Gemeinschaft, nun ja: hochgetrunken haben. Wieder einmal zeigte sich an dem Abend: Wenig verbindet Menschen mehr als der gemeinsame Biergenuss.

Eigentlich wollten meine Frau und ich nur noch ein, zwei Getränke zu uns nehmen, um danach, von einem langen Reisetag ermüdet, in die Betten zu fallen. Nachdem wir das Hole I' The Wa' betreten hatten, schien selbst das zu viel. Wir fühlten uns, als seien wir mitten in eine ganz private Feier geplatzt. In der einen Ecke des Pubs saß eine große Gruppe Frauen, die mit voller Inbrunst Trinklieder schmetterten. Die Melodie so schief wie die Zähne in ihrem nur noch spärlich bestückten Gebiss. In der anderen Ecke, eindeutig in der Minderheit, versuchten ein paar Männer vergeblich mit ihren Sangeskünsten dagegenzuhalten. Wofür sie von den Frauen mit Hohn und Spott bedacht wurden.

Ein großes Bier gegen das Unwohlsein

Und dazwischen wir, von beiden Lagern kritisch beäugt. Gegen das Unwohlsein bestellten wir erst einmal jeder ein großes Ale, der Wirt immerhin sprach mit uns. Im Laufe der Zeit wurde der Pub voller, es wurde enger, und schon bald verschwammen die Grenzen zwischen den Lagern und Gruppen. Wir gehörten schon bald dazu.

Alle um uns becherten, was das Zeug hielt. Die sieben Zapfhähne waren ständig im Einsatz. Die Ales, Stouts und Lagers flossen in Strömen. Und wir waren bei jeder Runde dabei. Es waren Biere aus lokalen schottischen Brauereien, englische Biere, das irische Guinness. Und, auf der Insel unvermeidlich, dänisches Carlsberg. Später drängte sich dann noch die Stadtjugend dazwischen, die Budweiser aus der Flasche bevorzugte.

Dass sich der Nachwuchs diese überteuerte US-Plörre in ihre Kehlen kippte, störte hier niemanden. Denn eigentlich war’s den anwesenden Schotten egal, wer hier welches Bier trinkt, ob aus England, Irland, Amerika oder Schottland. Und woher die Menschen kamen, die da gemeinsam trinkend und singend auf den Stimmungshöhepunkt schunkelten. Der Abend kulminierte - wie eingangs beschrieben - darin, dass ein alter Schotte den Song eines kanadischen Komponisten, berühmt geworden durch einen amerikanischen Sänger, in der Version einer englischen Punkband interpretiert. Schert sich ein solches Publikum wirklich um Staatsgrenzen, um Konstrukte wie Großbritannien oder ein selbständiges Schottland?

Die Menschen, die ich an jenem Abend im Hole I' The Wa' kennengelernt habe, hielten es ganz mit dem von Humphrey Bogart gespielten Rick Blaine aus "Casablanca". Der hatte auf die Frage nach seiner Nationalität geantwortet: "Ich bin Trinker."

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