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Tee aus Nepal: Im Tee liegt die Hoffnung

Noch wird in Deutschland wenig Tee aus Nepal getrunken. Tun Sie's! Er ist ein Genuss - und man hilft dem armen Land mit jedem Schluck.

Als Thomas Holz, 48, den Probenraum betritt, wird es still. Vor dem Fenster dampfen auf einem Brett neun Tees, aufgereiht in Porzellanschalen. Thomas Holz fängt bei der linken Schale an, zieht mit lautem Schlürfen einen Schluck Tee ein, schmatzt nach und spuckt schwungvoll in einen Eimer, der in einen Holzwagen eingelassen ist. Der Teetester rollt den Wagen eine Schale weiter, wieder Schlürfen, Schmatzen, Spucken. Zack, zack geht das, für jede Schale braucht er nur Sekunden.

Um ihn herum schweigen die Nepalesen. Es sind ihre Tees, die er hier verkostet, das Beste, was sie in den Bergen Nepals dieses Jahr bieten können. Vorm Fenster bricht der Tag an. Sie merken es nicht. Holz kauft für eine Teeladenkette. Was ihm schmeckt, wird er vielleicht bestellen. "In diesem Raum entscheidet sich unser Leben", sagt Lakshmi Prasad Rai, Verwalter der Himalayan Shangri-La Tea Producers. Deutschland, hoffen die Teebauern, könnte für sie jene große Zukunft bedeuten, von der sie bislang nur träumen.

Neue Teeherren haben große Pläne

Ein paar Schalen schiebt Thomas Holz gleich nach hinten, andere stellt er vorn ab, den Rest dazwischen. Er prüft die Blätter, den Aufguss, notiert. "Den hier", sagt er schließlich, "den auch und von dem da hätte ich gern ein Muster." Die Nepalesen nicken sich zu. Der Deutsche mit dem grauen Löwenhaar, dem sie bis an die Schulter reichen, hat gut gewählt.

In Deutschland wird nur wenig Nepal-Tee getrunken, knapp 50 Tonnen im Jahr, etwa 0,1 Prozent des deutschen Imports. Dafür gibt es gute Gründe: Bis vor wenigen Jahren waren Nepals Teegärten staatlich - viele von inkompetenten Managern heruntergewirtschaftet. Die Ernte wurde überwiegend zu Teebeutelkrümeln verarbeitet und in Nepal selbst verkauft. Der Rest nahm den Weg nach Indien, wo er in irgendwelchen Blends verschwand. Allmählich ändert sich das. Privatunternehmer haben viele der Plantagen übernommen, andere haben neue angelegt und Verarbeitungsfabriken gebaut. Die neuen Teeherren haben große Pläne: Sie wollen Nepal-Tee zu einem Begriff in der Welt machen, so bekannt wie Assam oder Darjeeling. Deutschland ist dabei ein Schlüsselland. Was dort ankommt, muss hohen Standards entsprechen - und wird dann nicht nur in Deutschland getrunken.

Holz gilt als Halbgott

"Die Nepalesen machen teils schon sehr gute Tees. Ihre Qualität kann den Durchbruch schaffen", sagt Holz. "Sie haben junge Pflanzen, hervorragende Hochlandlagen und beste Wetterbedingungen." Eine Stunde nach der Teeprobe sitzt er auf der Rückbank eines Jeeps, der die Haar-nadelkurven des Himalaya-Vorgebirges hinab ins Städtchen Ilam jagt. Vier Tage bereist "Mister Thomas", wie ihn die Nepalesen respektvoll nennen, Nepals östliche Anbaugebiete. Er sucht hochwertige schwarze Blatt-Tees, die so verarbeitet sind, dass die einzelnen Blätter erhalten bleiben. Wo er hinkommt, wird Holz wie ein Halbgott behandelt, grüßen ihn Abordnungen herausgeputzter Arbeiterinnen mit Tagetes-Kränzen und selbst gemalten Schildern. "Mister Thomas" wird beschenkt, von einem Gastgeber zum nächsten gereicht und so oft zum Essen eingeladen, bis er keinen Löffel Linsen mehr schafft.

Holz hat seit 1984 Kontakte nach Nepal, kennt den Rummel und nimmt ihn norddeutsch-gelassen. Er weiß, welche Hoffnungen auf ihm ruhen: Er soll nicht nur bestellen, sondern auch Exportnachhilfe erteilen. Denn den Schwellenland-Kapitalisten Nepals fehlt das internationale Know-how. Auch auf dem Weg nach Ilam fragt ihn Subash Sanghai, der den Jeep lenkt, beharrlich nach Trinkgewohnheiten und Vermarktungswegen. Sanghai gilt als reichster Privatmann Nepals.

Teesträucher rund 30 Mal abgeerntet

Sieben Teegärten hat er bei der Privatisierungswelle Ende der 90er Jahre gekauft, drei Millionen US-Dollar hineingesteckt - und macht immer noch Verlust. Er will dem Besucher seine Paradeanlage zeigen: Nepals ältesten Teegarten, 1863 am Rande Ilams angelegt. Die Teesamen waren damals ein Geschenk, so heißt es, des chinesischen Kaisers.

"Er ist wunderschön", sagt Sanghai, und hat nicht zu viel versprochen. Wie ein rauer Pelz bedecken die Teesträucher die Steilhänge, hinter denen sich der Ausblick auf ein von Dunst und Wolkenfetzen verschleiertes Gebirge öffnet. Unsichtbar im Norden liegt der dritthöchste Berg der Welt, der Kanchenjunga. Der Teegarten folgt den Schwüngen der in Jahrtausenden zurechtgeschliffenen Landschaft. Mittendrin stehen einzelne Bäume, und auf schmalen Feldwegen ziehen Scharen uniformierter Schulkinder durch die Gärten zum Unterricht.

Zur Ernte zupfen Hunderte von Pflückerinnen jede Woche den jungen Wuchs von den struppigen, schenkelhohen Sträuchern - immer nur die Knospe und die beiden oberen Triebe. Je nach Können bringen sie es auf sechs bis zehn Kilo am Tag. Sie zupfen beidhändig, fast ohne hinzuschauen, und werfen das Grün über die Schulter in den großen, kegelspitzen Korb, den "dojo", auf ihrem Rücken. Von Frühling bis Herbst werden die Teesträucher rund 30-mal abgeerntet.

Tee ist eine politische Größe

Der meiste Nepal-Tee wächst allerdings nicht auf den 85 großen Plantagen des Landes, sondern auf dem Land bitterarmer Kleinbauern. Und genau das macht Tee in Nepal auch zu einer politischen Größe. Der seit einem Jahrzehnt wütende Bürgerkrieg forderte schon mehr als 12 000 Tote: Eine Rebellenarmee kämpft im Namen Maos gegen das Königshaus. Weder die Regierung noch die Aufständischen können den Krieg gewinnen, und so zerreißt er Nepal, ohnehin eines der ärmsten Länder der Erde. Ihre Truppen rekrutieren die Guerillas unter den Bauern - und setzen dabei auch Drohungen und Gewalt ein. Die Bevölkerung der Hauptstadt Kathmandu schwillt an, weil Zehntausende von Menschen vor den Rebellen fliehen. Andere Bauern hingegen schließen sich dem Aufstand freiwillig an, weil sie darin die einzige Hoffnung auf ein besseres Leben sehen - je jünger und je ärmer, desto Mao.

Inzwischen hat die Elite Nepals begriffen, dass in der Bekämpfung von Armut und Analphabetismus die größte Chance liegt, den Aufstand zu beenden. Dazu gehört, Kleinbauern mit einer "cash crop" wie Tee wirtschaftlich so zu stärken, dass sie nicht zu den Rebellen überlaufen.

Tee als große Chance

Einer aus dieser vorausschauenden Elite ist Suraj Vaidya, ein hochgewachsener Nepalese von ruhiger Autorität. Sieben Jahre lebte Vaidya in den USA, nun betreibt er im Bezirk Dhankuta, 60 Kilometer Luftlinie westlich von Ilam, eine der ersten Bio-Teeplantagen Nepals. Als Thomas Holz am nächsten Nachmittag hier auftaucht, hockt Vaidya mit einer Kleinbauern-Kooperative im Gras. Offiziell hat er die Bauern, die zehn Stunden Fahrt über Schotterstraßen entfernt wohnen, zu einem Vortrag über organische Düngung eingeladen.

Kooperative unterstützt Bauern

Inoffiziell will er dem deutschen Besucher zeigen, dass er hier nicht nur betriebs-, sondern auch volkswirtschaftlich Gutes tut. Vaidya kauft der Kooperative den Tee ab und verarbeitet ihn in seiner Fabrik. "Pro Kilo stiften wir eine halbe Rupie an die Kooperative", sagt er. Eine Rupie entspricht einem Cent. Nepals Arme rechnen in derlei Beträgen: Eine Pflückerin verdient bei Vaidya etwa 50 Rupien, einen halben Euro am Tag.

Die Kooperative wiederum unterstützt die Bauern mit Training, Technik, Kredit und kostenlosen Setzlingen. "Wir sehen den Tee als große Chance, eigenständig zu werden und Geld zu verdienen", sagt ein Kleinbauer. Die anderen nicken. Sie träumen davon, eine eigene Teefabrik für ihre Kooperative zu bauen. Um von Tee zu leben, brauchen sie nur den Boden. Die Sträucher tragen 80 Jahre, und weil Tee auch dort wächst, wo sonst fast nichts mehr wächst, können die Bauern Brachland bewirtschaften.

Spitzentee wird von Hand verlesen

Noch steckt alles in den Anfängen, leben von 27 Millionen Nepalesen nur rund 7500 Kleinbauernfamilien vom Tee. Allerdings steigen Anbaufläche und Erntemenge stark an. "Bei uns arbeiten jetzt schon 15 Menschen in der Fabrik und 200 in den Feldern", sagt Bachan Gyawali beim Drink in dem westlich-modernen Wohnzimmer seines Verwalters. Panoramafenster erlauben den Blick weit in die Täler. In Nachbarschaft zu Vaidyas Plantage hat Gyawali vor zwei Jahren einen weiteren Bio-Teegarten gegründet. Dessen Sträucher sind so jung, dass sie noch ein paar Jahre bis zur ersten Ernte brauchen.

Die Fabrik aber arbeitet schon. In einem hellen, nach frischem Holz duftenden Raum hocken Arbeiterinnen in blauen Kitteln auf einer Plattform und verlesen den Tee von Hand. Jede balanciert einen flachen Korb mit Teeblättern auf dem Schoß, aus denen sie geduldig den Ausschuss herauspickt. Dieser Arbeitsgang ist längst nicht überall üblich. Normalerweise werden die Teegrade getrennt, indem die Blätter maschinell über Rüttelsiebe geführt werden. Doch dass wie hier der Spitzengrad nachverlesen wird, macht ihn noch einheitlicher, besser - und teurer. Thomas Holz greift in den schwarzgrünen, flauschigen Haufen neben den Arbeiterinnen, befühlt die Teeblätter und nickt anerkennend. "Sieht klasse aus", sagt er.

Tees mit eigenem Charakter

Die Teeunternehmer von Dhankuta sind jünger, gebildeter und weltläufiger als ihre Kollegen in Ilam. Sie wissen: Der Winzling Nepal hat international nur eine Chance, wenn er sich spezialisiert - auf Topqualitäten in kleinen Mengen, für die Liebhaber im Westen viel Geld hinblättern. Sie wissen, dass ihre Tees einen eigenen Charakter brauchen. Sie sind aber auch darauf angewiesen, dass die Welt ihre Ernten zur Kenntnis nimmt.

"Sie sind zu uns gekommen", sagt einer der Kleinbauern auf Vaidyas Plantage zu dem deutschen Besucher. "Sie haben unseren Tee gesehen. Jetzt sind Sie unser Botschafter."

Guter Tee:

Einer der edelsten Schwarztees kommt aus Darjeeling. "First flush", erste Pflückung: zartes, leicht süßliches Aroma; "second flush": voller im Geschmack. Der dunkle und malzig-würzige Assam-Tee bildet die Basis für Ostfriesen-Mischungen. Salonfähig unter den aromatisierten Tees ist Earl Grey - wenn echtes Bergamotte-Öl verwendet wurde.

Worauf beim Kauf achten?

Tee wird in verschiedenen Sortierungen angeboten: Blatt, Broken, Fannings, Dust. Kenner bevorzugen Blatt-Tees, aber die für Teebeutel gesiebten Fannings und Dusts müssen nicht per se schlecht sein. Ausschlaggebend für die Güte eines Tees sind Anbaugebiet, Klima, Boden und Verarbeitung. Buchstabenfolgen auf der Verpackung wie FTGFOP (Fine Tippy Golden Flowery Orange Pekoe) sagen so gut wie nichts über die Qualität.

Wie bereite ich Tee zu?

Tee will quellen und sich entfalten. Tee-Eier sperren sein Aroma ein, Siebeinsätze haben meist zu wenig Löcher. Besser: ein Baumwollnetz, oder den Tee frei im heißen Wasser schweben lassen. Für grünen Tee nur 70-80 Grad heißes Wasser nehmen. Er kann dreimal aufgegossen werden. Tee aus dünnwandigen Tassen trinken. Hartes Wasser ist Gift für guten Tee. Enthärtende Wasserfilter gibt es für weniger als 20 Euro.

Nepal-Tee

gibt es im gut sortierten Tee-Fachhandel oder über Tee Gschwendner, Telefon: 02225/921 40, www.teegschwendner.de; The Betty Darling Company, Tel.: 0421/52 59 25, www.betty-darling.de; Das Teehaus, Tel.:03941/62 58 88; www.teehaus.de; Tea World, Telefon: 08151/7 37 00; www.teaworld.de

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