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"Chinesische Erziehung" Warum die "Tigermutter" daneben liegt

Brauchen Kinder mehr Drill? Amy Chuas Buch über die "chinesische Erziehung" sorgt für hitzige Debatten. stern.de bat Schülerpraktikantin Johanna Biedermann, 15, um ihre Ansicht.

Ich spiele nicht Klavier auf Konzertniveau. Ich habe in Chemie auch noch nie etwas Besseres als Note 4 geschrieben. Und ich darf, seitdem ich fünf Jahre alt bin, bei meinen Freundinnen übernachten. Meine erste Reaktion auf Amy Chuas "Battle Hymn of a Tiger Mother" (deutscher Titel: Mutter des Erfolges): Ich war schockiert .

In ihrem Buch beschreibt die zweifache Mutter und Juraprofessorin in Yale ihre Erziehungsmethoden. Ihre Kinder durften nie bei Freunden übernachten, durften sich ihre Hobbys nicht frei auswählen und die Mutter akzeptierte keine andere Note als A (in unserem System eine 1). Besonders scheußlich fand ich die Geschichte, als die Mutter die selbstgebastelt Geburtstagskarte ihrer vierjährigen Tochter zurückweist und ihr befiehlt, eine Neue zu machen. Sie, die Mutter, habe schließlich "etwas Besseres verdient".

Ein schlechtes Klavierkonzert

Vergangenen Mittwoch war ich auf einem Konzert, das Kinder meiner Klaviergruppe gaben. Während ich die teilweise brutal schlecht gespielten Stücken hörte, bröckelte meine strikte Antihaltung. Warum werden manche Kinder, selbst wenn sie miese Leistung bringen, dafür gelobt? Ich glaube, man tut den Kindern keinen Gefallen damit. Um etwas gut zu können, muss man es üben. Sachen, die man gut kann, machen meistens auch Spaß. Amy Chua legt hier den Finger auf eine Wunde. Warum sind ihre Methoden so provokant? Weil sie funktionieren.

Die Ziele ihrer Erziehung - den Kindern Selbstbewusstsein über Erfolg zu vermitteln - finde ich gut. Ich glaube jedoch, dass es Tigermutter Chua übertreibt, aus ganz egoistischen Gründen. Für Chua, die selber "chinesisch" erzogen wurde und in Harvard studiert hat, bedeuten Erfolg oder Misserfolg ihrer Kinder auch persönlich Sieg oder Niederlage. Als ihre Tochter bei einem Geschichtenwettbewerb nur Zweite wurde, sagte sie: "Blamiere mich nie wieder so." Es kann nicht der Sinn von Erziehung sein, die Eltern glücklich zu machen. Das macht kein Kind stark, sondern erzeugt einfach Druck. Amy Chua will das nicht wahrhaben. Sie attestiert einer ganzen Generation, sie nicht wisse nicht, wie sie sich sinnvoll beschäftigen könne. "Wer drei Stunden fernguckt oder bei Facebook rumhängt, hat nichts für seine Persönlichkeit gewonnen", schreibt sie. Aber was hat der, der drei Stunden unfreiwillig Geige übt, für seine Persönlichkeit gewonnen? Es tut einfach gut, mal drei Stunden mit Freunden zu reden. Spaß zu haben, glücklich zu sein, ist auch ein Erfolg.

Chua vertritt eine veraltete Methode

In Asien sieht man das zum Teil bis heute anders. Eine Freundin von mir hat kürzlich ein Jahr in Korea verbracht. Dort wird noch extrem gedrillt. Kinder müssen schon im Kindergarten Tests bestehen, um auf die richtige Schule zu kommen. Später müssen sie Prüfungen machen, um an einer der begehrten Universität angenommen zu werden. Das hat vielleicht auch was mit der ständig wachsenden Bevölkerung dort zu tun. Viele Menschen, viel Konkurrenz. Dennoch ist die "chinesische Erziehung" auf dem Rückzug. Viele Eltern versuchen, von den alten Methoden abzuweichen und und ihre Kinder "amerikanisch" zu erziehen.

Das ist gut so. Denn: Hätte ich mir gewünscht, dass mich meine Mutter so gedrillt hätte? Nein. Der Zwang verdirbt die ganze Freude. Chua schreibt: "Die Kindheit ist eine Übungsphase, eine Zeit, um Charakter aufzubauen und in die Zukunft zu investieren." Das stimmt. Ich finde es auch richtig, wenn Eltern hohe Ansprüche haben und ihren Kindern offen Kritik sagen. Aber Kinder sollen die Freiheit haben, sich selbst entwickeln zu können. Meine große Schwester will später Medizin studieren, hat einen Notendurchschnitt von 1,1, ohne dass meine Mutter jemals unsere Hausaufgaben kontrolliert hätte.

Gute Noten sind schön, aber ausschlaggebend ist, dass Kinder glücklich sind. Ich finde, das sollte das wichtigste Ziel der Eltern sein.

Johanna Biedermann

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