Wann waren Sie zuletzt so richtig gierig? Haben maßlos zugegriffen beim Essen, Shoppen oder Zocken, wollten mehr Sex, mehr Alkohol, mehr Geld? Die meisten von uns müssen jetzt ein wenig grübeln. Ich und gierig?! Schwierig. Dem einen fällt dann vielleicht das volle Glas Wiener Würstchen ein, das er kürzlich geleert hat, hektisch sabbernd an den Kühlschrank gelehnt. Jemand anderes genießt stundenlang die Hitze und den gnädigen Wasserdampf unter der Dusche und verbraucht dabei die Tagesmenge Warmwasser einer ganzen Familie. Und wieder andere nehmen nicht einen kostenlosen Kuli irgendwo mit, sondern so viele, wie eine Hand greifen kann. Sagen wir’s so: Alle Beispiele sind mir vertraut.
Das Gefühl der Woche: Gier
Gier ist menschlich, wir haben sie alle – wenn auch unterschiedlich verteilt. Gier ist etwas wie Intelligenz oder Empathie. Manche haben mehr davon als andere. Und wie meistens in der Psychologie unserer Eigenschaften ist ein kleinerer Teil ererbt, ein größerer wurde uns anerzogen. Bei der Gier sind sich die Fachleute einig: Sie ist krankhaft, wenn sie in Sucht umschlägt, wenn sie den Gierigen rücksichtslos und asozial werden lässt.
Da muss man nicht lange nach Beispielen suchen: der Welt-Terrorist Trump mit seiner unersättlichen Gier nach Macht und Aufmerksamkeit. Jeffrey Epstein (Gott hab ihn nicht selig) mit seiner krassen Sucht nach Sex und Dominanz. Die Finanzkrise 2008 lässt sich auf die Gier einzelner Börsenspekulanten zurückführen. Die Preissteigerungen für Lebensmittel und Energie während der Corona-Pandemie gingen zum Großteil auf das Konto gieriger Konzernchefs. Ökonomen nennen es „Cost of greed“, Teuerung aus Gier. Mehr, mehr, mehr! Ohne Rücksicht auf Gesetze, Anstand und Verluste. Und mit dem Wissen, dass den Gierigen selbst schon nichts Schlimmes passiert. Gier in diesem Ausmaß ist ein globaler Systemfehler, gegen den bisher nicht genug unternommen wird.
Psychologisch sind die Ursachen für Gier gut erforscht. Sie ist eine Ersatzhandlung. Wer mit Glaubenssätzen aufgewachsen ist, die lauten: „Ich werde nicht bedingungslos geliebt“, „Ich muss Leistung bringen, um Aufmerksamkeit zu bekommen“ oder „Ich kann nicht kontrollieren, was passieren wird“, verhält sich in psychologischen Experimenten besonders gierig. Solche Typen kennen wir alle, nicht selten sind sie irgendwelche Chefs. Der Wunsch nach mehr Macht, mehr Geltung, mehr Anerkennung soll bei ihnen die Lücke füllen, die zu wenig Zuwendung und Selbstwirksamkeit gerissen haben. Und bevor jetzt Mitleid aufkommt, schicken wir sie alle lieber zum Therapeuten.
Gibt es also keine gute, gesunde Gier? Steckt nicht auch Positives darin, etwas kompromisslos zu wollen, und zwar sofort? Da wäre doch zum Beispiel die Neugier. Ohne etwas ganz dringend wissen, entdecken oder erforschen zu wollen, gäbe es keinen Fortschritt. Wir säßen alle noch blöd und zufrieden auf den Bäumen. Und wer wären wir ohne Ehrgeiz, also die Gier nach Erfolg?
Am besten aber erscheint mir die Gier, wenn sie wie ein Anfall reiner Lebensfreude daherkommt. Einen Eimer Popcorn futtern, noch bevor der heiß erwartete Film beginnt. Nach dem Joggen auch noch auf einen Baum klettern, in die eiskalte Alster springen und dann heiß duschen. Das kleine, weiche, nach Kind duftende Kind so lange knutschen und drücken, bis es kreischt. Das wäre dann eine Gier nach Leben. Und eine, die weiß, wann es genug ist.
Der Sticker der Woche ...
… klebt an einer Hauswand in Berlin und bietet Drogenlieferungen jeder Art an: Kokain, Cannabis, die Partydroge Ketamin. Davon lassen wir aber die Finger und bestellen dort ausschließlich gute Gier-Produkte, etwa gläserweise Wiener Würstchen.
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