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stern-Krankenhausreport: Gier im Gesundheitssystem - ein Chefarzt redet Klartext

Ein Arzt redet Klartext: Michael de Ridder kritisiert den zynischen Begriff vom "Patientengut" und die um sich greifende Gier im Gesundheitssystem.

Dr. Michael de Ridder

Dr. Michael de Ridder

Dr. Michael de Ridder war viele Jahre Chefarzt an einem Berliner Klinikum. Die folgenden Passagen stammen aus seinem neuen Buch "Welche Medizin wollen wir?" (Deutsche Verlags-Anstalt, 304 Seiten, 19,99 Euro), das am 16. März erscheint. Darin beklagt er unter anderem die entwürdigende Rede vom "Patientengut" und die Tatsache, dass Patienten auf Intensivstationen verlegt werden - einzig um Betten und damit die Kassen zu füllen.

1. Die Menschlichkeit fehlt

Ein Freund, klug und gebildet, bat mich vor wenigen Monaten, ich möge ihm seinen Arztbrief, der ihm nach der Entlassung aus einer Universitätsklinik auf seine Bitte hin - zögerlich nur - ausgehändigt worden war, übersetzen. Er litt an einer seltenen Anämieform, weswegen man ihm die Milz entfernt hatte. Er fühlte sich zwar korrekt behandelt und frei von Beschwerden. Dennoch zog er ein deprimierendes Resümee seines Klinikaufenthaltes: "Kaum erinnere ich mich, einen Arzt überhaupt gesehen zu haben; erklärt hat mir die Krankheit niemand; meist schaute ich in müde, freudlose Gesichter - und kalt war es, die Atmosphäre war geradezu frostig."

Nicht allein verblassen die Figur des Arztes und die des Patienten, vielmehr schwindet das, was der Arzt wesentlich transportiert und der Kranke so sehr wünscht – Menschlichkeit, die lebendig und erfahrbar wird mit einem Arzt, der es vermag, am Bett des Kranken innezuhalten, und die Zeit für eine Weile vergisst; der nicht nur zugegen ist, vielmehr Anteil nimmt; der seinen Patient als Freund und Lotse durch die Untiefen der Krankheit führt; der das richtige Wort findet, wenn ärztliches Können machtlos und der Tod nahe ist. Menschlichkeit ihr Verlust ist der Inbegriff des Leidens an der Medizin unserer Tage, aufseiten des Patienten ebenso wie aufseiten des Arztes.

2. Wir brauchen echte Vorbilder

Routineversorgung eines Patienten – ein stehender Begriff. Allein das Wort Routine war Chefarzt D. (de Ridders Mentor, Anmerkung der Redaktion) ein Gräuel. "Routine ist die Narkose des Denkens." Handeln nach bestem Wissen und Gewissen - nie wieder ist mir ein Arzt begegnet, der diese so oft zitierte Maxime so ernst nahm wie D. Innehalten in Entscheidungsprozessen; kritisch die eigene Vorgehensweise befragen; Irrtümer und Fehler offenlegen, um daraus zu lernen - das war sein Koordinatensystem, das er vorlebte und innerhalb dessen allein ärztliches Handeln sein ethisches Fundament hatte.

3. Der Kranke darf kein Patientengut sein

Nicht weniger entwürdigend ist die Rede vom "Patientengut", eine seit langem, insbesondere in Ärztekreisen, auf Kongressen und Fortbildungsveranstaltungen gebräuchliche Vokabel. "Das Patientengut meiner Abteilung rekrutiert sich nahezu ausschließlich aus der Unterschicht", bemerkt ein Kollege in der Chefarztrunde. "Der Case Mix Index des Patientenguts Ihrer Klinik bewegt sich unterhalb des Unternehmensdurchschnitts", bemerkt ungehalten der Geschäftsführer einer Klinikkette während einer Personalversammlung dem Ärztlichen Direktor gegenüber.

4. Wir müssen die Ausbildung besser machen

Manch junger Assistent will seine Bedürftigkeit nicht wahrhaben, aus Angst, wegen einer vermeintlich dummen Frage, derentwegen er seinen Chef nachts geweckt hat, in seiner Wertschätzung zurückzufallen. Das hatte mich später zu der Aufforderung an meine Assistenten veranlasst: "Fragen Sie! Rufen Sie mich als den verantwortlichen Hintergrund an! Zu Krankheitsbild eines Patienten gibt es grundsätzlich keine dummen Fragen. Denn allzu viele Patienten sind schon gestorben, weil unerfahrene Ärzte eine dumme Frage nicht zu stellen wagten. Übel nehme ich es Ihnen vielmehr, wenn Sie mich nachts nicht anrufen oder zu Ihrem Patienten tagsüber nicht hinzubitten, obwohl Sie sich allein mit einer Behandlungssituation überfordert fühlen."

5. Rettungsstellen dürfen kein Patientenpool sein

Die Kliniken sind ob der ärztlichen Zuweisung von Kranken in ihre Notaufnahmen und Ambulanzen keineswegs ungehalten; von den vielen Patienten, die sie als "Selbsteinweiser" willkommen heißen, weil diese glauben, "hier kommt man schneller dran", erst gar nicht zu reden. Im Gegenteil, die Kliniken sind hoch erfreut, erhalten sie doch auf diese Weise Zugang zu einem "Patientenpool", aus dem heraus sie sich nach eigenem Gutdünken bedienen können, um ihre gerade in den großstädtischen Kliniken vielfach nicht ausgelasteten Betten zu füllen (2013 standen 113.000, das heißt ein Viertel der 501.000 Krankenhausbetten, leer!). So erhöhen sie ihre Fallzahlen, aus denen sie letztlich ihre Daseinsberechtigung ableiten.

6. In der Grauzone fischen überschreitet Grenzen

"Fischen Sie in der Grauzone!" Diese eindringlich und wiederholt von Mitgliedern der Klinikgeschäftsführung an mich als Leiter der Rettungsstelle der Klinik ergangene Aufforderung, angesichts seit geraumer Zeit sinkender Belegungszahlen mehr "Patienten zu akquirieren" und damit der Funktion der Rettungsstelle als "Saugrüssel der Klinik" gerecht zu werden, überschritt eindeutig die Grenzen meines professionellen Selbstverständnisses und meiner Selbstachtung.

Patienten stationär aufzunehmen, die dessen nicht bedürfen, ist in meinen Augen nicht allein unethisch, es beweist die im Akutsektor unserer klinisch-medizinischen Versorgung existierende Überversorgung und Überkapazität, die in anderen Bereichen, etwas der Versorgung chronisch Kranker, fehlen und dringend benötigt werden. Wenn Kliniken, wie es in Großstädten häufig vorkommt, sich gegenseitig Patienten "abjagen" - so der entlarvende Jargon in Chefarzt- und Geschäftsführungssitzungen - um als Unternehmen zu überleben, dann lautet die Schlussfolgerung: Niemand mehr, am allerwenigsten die Politik, hat das Ganze unserer medizinischen Versorgung noch im Blick; es herrschen vielmehr organisierte Fehlsteuerung und Intransparenz, die jeden Bereich unserer gesundheitlichen Versorgung betreffen und immer offener zutage treten.

7. Intensivstationen dürfen nicht missbraucht werden

Intensivstation - ein Ort, über den die Öffentlichkeit zutiefst täuscht. Sie glaubt, hinter den doppelflügeligen Milchglastüren verbirgt sich ein Ort der Helden und Wunder. Sie glaubt es nicht zuletzt deswegen, weil sie es glauben will, denn zu groß wäre das Entsetzen, wenn sie sich vom Gegenteil überzeugen lassen müsste: Niederlagen sind hier der Normalfall, Sterben und Tod stehen am Ende vieler und langwieriger Versuche, lebensbedrohlich erkrankte Patienten im Leben zu halten. Wiederbelebung? Mehr als neunzig Prozent der Reanimationen enden unmittelbar im Herz-, seltener im Hirntod; nur jeder zehnte Patient überlebt, oftmals jedoch auf Kosten gravierender mentaler Einbußen: Wachkoma, Schwerstpflegebedürftigkeit, Autonomieverlust.

Dass ökonomische Erwägungen auf ärztliches Handeln und Entscheiden zunehmend Einfluss gewinnen, ist zwar schon fast ein Allgemeinplatz. Doch dass Patienten oftmals auf eine Intensivstation aufgenommen oder verlegt werden, die ebenso angemessen und professionell auf einer Normalstation hätten behandelt werden können, ist allenfalls einem kleinen Teil der Öffentlichkeit bekannt.

Deutschland verfügt über die dreifache Zahl der Intensivbetten vergleichbarer Länder wie zum Beispiel die Schweiz, Frankreich oder Dänemark. Und diese Betten wollen gefüllt sein, weil sie den Kliniken die höchsten Erträge bringen. Und womit sollte man die überschüssigen Betten füllen, wenn nicht einerseits mit Patienten, die als "Leichtkranke" einer Intensivstation überhaupt nicht bedürfen, oder aussichtslos Kranken, für die der Aufenthalt auf einer Intensivstation nicht selten eine qualvolle Sterbeverzögerung als eine sinnvolle Lebensverlängerung bedeutet?

Missbrauchsanreize gerade in der Behandlung geriatrischer Patienten im Sinne einer unangemessenen Behandlung auf einer Intensivstation sind im Zeitalter von Fallpauschalen, der Zielvereinbarungen und Boni für leitende Ärzte nicht zu unterschätzen.

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