Als am vergangenen Sonntag Dominik Krause zum ersten grünen und auch zum ersten schwulen Oberbürgermeister der bayerischen Landeshauptstadt gewählt worden war, versank der 35-Jährige beinahe im Jubel seiner Anhänger. Besonders, als er seinem Freund, der „Liebe seines Lebens“, einen langen und innigen Kuss auf die Lippen schmatzte.
Da ist er nun also, der „Bürgaymeister“, wie sich Krause in seiner bisherigen Stellvertreterposition oft scherzhaft bezeichnet hatte, ganz oben.
Hier war der König queer, bevor es den Begriff gab
Ausgerechnet München. Kaum eine deutsche Stadt hat eine derart wechselvolle Geschichte im Umgang mit Homosexuellen. Hier herrschte König Ludwig II., der nicht nur schwul, sondern gewissermaßen auch queer und camp wirkte, freilich lange bevor diese Begriffe erfunden waren. Es ist die Stadt der Fanny von Reventlow, von Rudolph Moshammer und Siegfried & Roy. Aber auch jener engstirniger Konservativer, wie Peter Gauweiler oder Horst Seehofer. Die CSU-Politiker hatten in den Jahren vor Dominik Krauses Geburt harsche Maßnahmen gegen die Schwulenszene durchgesetzt und die Internierung HIV-Infizierter angestrebt.
Gerade die Generation Dominik Krauses ist sich oft nicht bewusst, wie kurz die Zeit zurückliegt, in der sich homosexuelle Politiker und Politikerinnen nur zaghaft bekannten. Bis heute ist die Schande der jungen Bundesrepublik viel zu wenig aufgearbeitet, die Homosexuellengesetze des NS-Terrorstaates übernommen zu haben und für weitere Jahrzehnte Staatsbürger aufgrund ihrer Sexualität zu verfolgen und einzusperren. Dabei war bereits der erste Bundesaußenminister Heinrich von Brentano schwul. Adenauer, so wird kolportiert, soll gesagt haben, als er mit dem Gerücht konfrontiert worden war: „Bei mir hat er es noch nit versucht.“
Errungenschaften, die hart erkämpft werden mussten
Am 10. Juni dieses Jahres wird der Spruch Klaus Wowereits „Ich bin schwul – und das ist auch gut so“ 25 Jahre alt. So lange gilt es als gesellschaftlich akzeptiert, in Deutschland Ministerpräsident zu werden, und sich gleichzeitig zu seiner gleichgeschlechtlichen Sexualität zu bekennen. Ausgerechnet Vertreter jener Parteien, die in queeren Emanzipationsfragen stets auf der Bremse gestanden hatten, profitieren heute davon. Man sollte das nicht vergessen, es sind keine zehn Jahre her, dass Angela Merkel gegen die „Ehe für Alle“ gestimmt hat. Es sind junge Errungenschaften, die auch wieder zerstört werden können.