VG-Wort Pixel

Jagoda Marinić Warum Besinnlichkeit zum Jahresende völlig überbewertet ist

Unsere Kolumnistin hält nichts davon, das Hamsterrad anzuhalten, sie will es lieber weiterdrehen
Unsere Kolumnistin hält nichts davon, das Hamsterrad anzuhalten, sie will es lieber weiterdrehen
© getty images
Zum Jahresende wollen alle aus dem Hamsterrad aussteigen, nur unsere Kolumnistin nicht.

Raus aus dem Hamsterrad!“ Zum Jahresende höre ich ständig den Wunsch, alles möge zum Stillstand kommen. Alle wollen besinnliche Tage, Ruhe, obwohl jeder weiß, meist bringt das alles andere als Frieden. Ich habe das früher auch alles nachgebetet, habe gejammert über das Jahresende, an dem alles so stressig sein soll, zu dem alle so tun, als ginge das Leben nach Silvester nicht mehr weiter. Als fiele alles, was nach Neujahr kommt, irgendeine Klippe hinab und verschwände für immer im Meer der unerledigten Angelegenheiten.

Der Hamster und sein Platz in deutschen Familien

Dieses Jahr will ich den Hamster und sein Rad rehabilitieren. Was ist so schlimm an ihnen? Saß ich nicht als Kind vor den Hamsterkäfigen meiner deutschen Freunde und jubelte, wenn sich das Tier im Kreis irrelief? In meiner kroatischen Welt waren Hamster inexistent. Ich wüsste nicht einmal das Wort dafür. Im Kindergarten war der Hamster hingegen ein Familienmitglied, und als wir den ersten am Wiesenrand des Spielplatzes beerdigten, war ich erstaunt, wie viel Liebe die Deutschen ihm entgegenbringen. Es gab eine emotionale Abschiedsrede, man sprach noch von Traurigsein statt Trauma, und ich wunderte mich bei dem pompösen Trauerspiel, warum nicht auch noch ein evangelischer Pastor gekommen war.

Warum all der Drang nach Besinnlichkeit?

Dieses heiß geliebte Haustier deutscher Kindheiten wird, sobald man erwachsen ist, zum Sinnbild des Stresslebens. Ich habe das Bedürfnis, den Hamster in mir endlich zu lieben. Wenn ich ehrlich bin, habe ich am Ende des Jahres gar nicht so viel Angst vor dem Stress, sondern vor dem Stillstand. Vor diesem Besinnlichkeitszwang unterm Tannenbaum, der darin mündet, dass die meisten am zweiten Weihnachtstag wie Wiederauferstandene erlöst in Cafés sitzen, zerzaust vom Familienraufen und zurück im Glück der Wahlverwandtschaften.

Wie viel Stress erzeugt all das Reden über Stress? Die Momente, in denen wir uns alle gegenseitig versichern wollen, wie viel wir doch zu tun haben, wie sehr der eigene Hamster rastlos im Rad hohldreht, als wäre das eine Auszeichnung. Sind wir nicht eigentlich Hamster im großartigen Parcours des Lebens? Seit dem Lockdown, den ich beim ersten Mal noch genoss, weil endlich jemand das Rad zum Stehen gebracht hatte, weiß ich, dass ich nicht leben will im Stillhalten. Ich glaube, wir machen uns vieles von dem Stress selbst, weil wir den Anspruch erheben, viel zu erleben und dabei so ruhig wie ein Zen-Buddha zu atmen. Am Theater wollte ich einmal cool sein vor einer Premiere und sagte, ich sei nicht aufgeregt, da entgegnete mir ein Schauspieler: „Wenn ich nicht aufgeregt wäre, würde ich das alles gar nicht machen.“

Wir leben in der Zeit der Achtsamkeitsreden, der Yoga-Stunden von der Stange, der bewussten Atemkurse und der Innerlichkeit. Vielleicht besteht unser Stress auch darin, dass wir das Leben an sich für Stress halten und meinen, wir müssten stattdessen im Kopfstand atmend das Dasein erspüren.

Wir sind nicht gemacht fürs Innehalten

Wenn wir ruhig und still sein sollten, warum werden wir in einen Körper hineingeboren, der Triebe hat, Hunger und Bewegungsdrang? Warum sollten wir uns das alles mühevoll aberziehen, wenn es sich nach dem Tod vielleicht sowieso in Luft auflöst? Spätestens dann können wir im Himmel sitzen, wie Sterne, und hinabsehen, wie die Menschen sich drehen, wie sie hetzen, eilen, sehnen, suchen, streiten, lieben, fremdgehen und hassen. Was für ein Stress! Trotzdem, da bin ich sicher, würden wir diese Menschen in unserer himmlischen Zufriedenheit ziemlich um ihr Erdenleben beneiden.

Warum den Stress dann nicht gleich schon auf Erden genießen? Happy Hamstern!

Mehr zum Thema