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Pro und Contra: Streiken die Lokführer zu Recht?

Die GDL macht ernst, der längste Streik der Geschichte der Deutschen Bahn läuft. Die einen halten ihn für egoistisches Machtgetue der GDL, die anderen für legitimen Arbeitskampf. Ein Pro und Contra.

Von Stephan Maus und Sophie Albers

Bahnstreik? Sehr gut. Dann steht das Hamsterrad halt mal still. Es wird sowieso zu wenig gestreikt. Vor allem bei der Bahn. Mal ehrlich: Wer möchte dort wirklich arbeiten? Die Bahn ist der Deutschen Lieblingsfeind. Noch vor dem Finanzamt. Bahnfahren heißt meckern. Statt Handy-Funklöcher und Aussicht zu genießen, wird reklamiert, gepöbelt und gepetzt: "Schaffner, der sitzt auf meinem Platz!"

Bahnfahren ist Krieg. Wer Dienst in diesem kaputtgesparten Unternehmen tut, braucht starke Gewerkschaften. Wie alle anderen auch. Nicht eine, nicht zwei, am besten gleich zwölf. Konkurrenz belebt das Geschäft. Gewerkschaften kann man gar nicht genug haben. Das müssten gerade wir Bahnfahrer verstehen. Denn wer Bahn fährt, hat keinen Chauffeur. Er müsste offen für Solidarität sein.

Und müsste verstehen, dass Gewerkschaften nicht immer nur drohen können, sondern auch mal kämpfen müssen. Wochenende und Acht-Stunden-Tag sind nicht gottgegeben. Wir verdanken sie Generationen von Arbeitern, die sich ihre Freizeit erstreiken mussten. Das ganze Wochenend- und Freizeitgeschäft der Bahn gibt es nur Dank der Streiks früherer Generationen.

Paragraphenhengste mit Kämpferherz

Kann sein, dass Arbeitskampf manchmal wie Erbsenzählerei aussieht. Aber so ist Gewerkschaftsarbeit nun mal. Sie braucht korinthenkackende Paragraphenhengste mit Kämpferherz. Denn die Arbeitswelt ist so perfide geregelt wie ein Handyvertrag. Besser, Du achtest auf die Fußangeln.

Wie mutig von Weselsky, das ganze Kinderkarussell einfach mal anzuhalten. Wo doch der Zeitgeist allerorts versucht, die Menschen auf brave Kompromissbereitschaft zu trimmen. Wer heutzutage beim Optimieren des Bruttosozialprodukts stört, wird diskreditiert. Gewerkschaftsführer sind inzwischen verpönter als Putin. Dabei schützen sie uns vor russischen Verhältnissen.

Stillstand als Chance

Stillstand wird zu wenig wertgeschätzt. Alle wollen nur noch pünktlich irgendwo ankommen, statt sich zu freuen, dass sie endlich eine gute Entschuldigung dafür haben, mal nicht los zu hetzen. Streik schafft Raum und Ruhe für Besinnung.

Warum nicht einfach dort inne halten, wo man ist? Gummersbach? Fein. Entdecken wir die Schönheit von Gummersbach. Und wenn da nix ist in Gummersbach, dann gucken wir in den Himmel. Da fliegen gerade Kraniche.

Einer der schönsten deutschen Filme, Wenders "Alice in den Städten", beginnt mit Streik. Journalist Philip ist auf dem New Yorker Flughafen. Er möchte zurück nach Deutschland. Am Schalter trifft er Lisa und ihre neunjährige Tochter Alice. Großes Chaos: In der BRD (so hieß dieses seltsame Gebilde, das sich vom voran gegangenen Nazi-Staat durch Freiheit, Demokratie und Streikrecht unterschied) ist Fluglotsen-Streik. Lisa, Philipp und Alice tun sich zusammen, um das Chaos gemeinsam zu meistern. Mama Lisa verschwindet, und Philip beschließt, Alice zu ihrer Großmutter zu bringen. So beginnt ein großartiger Roadmovie.

Streik setzt Alltag außer Kraft. Das Abenteuer kann beginnen. Genießen sie Ihren Streik!

Sehr geehrter Herr Weselsky, Chef der GDL, falls Sie es noch nicht mitbekommen haben - kann ja gut sein, denn bei Ihrem Gebrüll versteht man ja sein eigenes Wort nicht mehr -, die Menschen da draußen interessiert es mittlerweile einen Dreck, warum Sie streiken. Sie wollen zur Arbeit kommen, ihre Familie am Wochenende sehen und nicht schon wieder irgendwo auf einem Bahnsteig stranden oder zwei bis acht Stunden länger brauchen, um überhaupt irgendwohin zu kommen. Mit Ihrem religiösen Absolutheitsanspruch, diesem „du sollst keine andere Gewerkschaft haben neben mir“, sind Sie auch noch den letzten Gewerkschaftsversteher losgeworden. Oh, und natürlich haben Sie sich das Wochenende ausgesucht, an dem in Berlin 25 Jahre Mauerfall gefeiert werden, das heißt zig Tausende Menschen Bahn und S-Bahn benutzen wollten, um zu feiern. Aber nicht mit Ihnen, Herr Weselsky.

Super gemacht, ehrlich, Sie und Ihre GDL sind gerade genauso beliebt wie ein Sack voll Schweizer Banker. Denn dieser Streik hat nichts zu tun mit der Verbesserung der Situation von Arbeitern, um mal an die Wurzeln der Gewerkschaftsbewegung zu erinnern. Es geht um Macht. Und es geht um Ihre persönliche Profilierung. Aber die, tut mir leid, reicht als Entschuldigung nicht aus, wenn man Millionen Menschen den Tag versaut.

Kein Grund zur Freude bei der Bahn

Womit wir bei Ihnen sind, Herr Grube, Chef der Deutschen Bahn. Nein, Sie haben keinerlei Anlass zur Freude darüber, dass die GDL sich gerade so begeistert ins eigene Knie schießt. Sie schaffen es sogar ohne Streik, dass Menschen, die verdammt viel Geld dafür bezahlen, immer wieder weder pünktlich noch komfortabel von A nach B kommen. Und angesichts all der Menschen, die Sie mit Ihren Preisen dazu treiben, lieber den Bus zu nehmen, der meist sogar länger braucht, ist es nur noch blanker Hohn, dass Ihr aktuelles Mobil-Heft die Umweltfreundlichkeit der Bahn feiert. Sie haben mit den Menschen, für die Sie eigentlich da sein sollten, fast genauso wenig am Hut wie die GDL.

Warum setzen Sie beide sich nicht einfach zusammen und trinken darauf einen. Wir sitzen derweil frierend und fluchend auf einem Bahnsteig und warten auf Sie.

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