HOME

Weihnachten: Das Fest der gemischten Gefühle

Festliche Stimmung und glänzende Kinderaugen beim Auspacken der Geschenke: Das harmonische Weihnachtsfest im Kreise der Lieben ist die Idealvorstellung der meisten Menschen. Doch genau diese Erwartungen stehen einem schönen Weihnachtsfest oft im Weg. Wie war es bei Ihnen?

Von Stephan Grünewald

Die rastlose und zerstückelte Hektik des alltäglichen Hamsterrades konterkarieren die Deutschen am liebsten mit den drei großen W's: Weihnacht, Wellness und Wetten dass...?. Vor allem das Weihnachtsfest bedient die wachsende Sehnsucht nach der verlorenen Ganzheitlichkeit. In einem glanz- und weihevollen Jahres-Happy-End sollen sich ideale Vorstellungen von Harmonie und Zusammenhalt, von umfassender Liebe und Bergung, von gespannter Ruhe und freudig bewegter Muße einlösen.

Wenigstens für den Heiligen Abend soll sich einmal eine intensive und ausgedehnte Verfassung herstellen, der man sich ganz hingeben kann. Man will aufgehen in einer runden und nach Tannen, Printen und Braten riechenden familiären Zuckerbäckerwelt, die Geborgenheit, Bequemlichkeit und Rundum-Versorgung verspricht. Konflikte zwischen Geschwistern oder Freunden, die das ganze Jahr aufgeraut haben, sollen aufgehoben sein. Wünsche, die sich nicht erfüllt haben, sollen sich in einem grandiosen Akt der Bescherung einlösen.

Seelischer Spagat in der Vorweihnachtszeit

Allerdings sind auch im Vorfeld der Weihnachts-Inszenierung überaus hektische Vorarbeiten notwendig, damit sich der ersehnte Idealzustand überhaupt einstellt. In der Adventszeit vollzieht sich daher in der Regel ein kaum zu leistender seelischer Spagat: Einerseits erreicht die Zerstückelung des Alltags durch den wochenlangen Besorgungs-Marathon, den Abarbeitungs-Wahn und die Inflation der Weihnachtsessen eine finale Steigerung.

Andererseits soll sich durch die permanente Umsäuselung mit Weihnachtsklängen, Kerzenschein und Lebkuchenduft bereits ab Oktober eine ganzheitliche vorweihnachtliche Grundstimmung einstellen. Das kollektive Durchdrehen in der Adventszeit und die mitunter systematisch hergestellten Erschöpfungszustände werden dabei insgeheim als eine Art Friedfertigkeits-Prophylaxe betrieben. Sie erleichtern es, sich mit einer ermatteten Wehrlosigkeit der zwingenden Choreographie des Festes zu überlassen.

Das Fest mit Erwartungen überfrachtet

Trotz dieser akribischen Vorarbeiten stellt sich beim Weihnachtsfest jedoch regelmäßig eine große Enttäuschung ein, die nicht selten im schon sprichwörtlichen Weihnachtskrach mündet. Die Redewendung 'Da haben wir ja die Bescherung' weist bereits auf die Gefahr hin, dass sich die Weihnachtsfreuden in unerwünschte Weise verkehren können. Die beinahe rituell aufkommende Enttäuschung hängt zum einen mit dem Erwartungsüberschuss zusammen, mit dem das Fest überfrachtet wird: all das, was wir an Gemeinsinn, Einlassungsbereitschaft, Muße, uneingeschränktem Genuss und Aufgehobensein verloren haben, soll mit einem Ma(h)l wirklich werden. Die vollkommene Idealisierung des Weihnachtsfestes überspannt unsere seelischen Realisierungsmöglichkeiten.

Enttäuschung kommt aber auch auf, weil wir im konkreten Ablauf des Weihnachtsfestes schmerzlich spüren, dass sich selbst an den Festtagen unsere Allmachts- und Verfügbarkeitsträume nicht auf Knopfdruck einlösen. Die Harmonie, von der wir träumen, fällt nicht vom Himmel. Die Herstellung von Gemeinsamkeit ist vielmehr ein seelischer Kraftakt, der nur gelingt, wenn wir uns voll und ganz den strengen Spielregeln der Weihnachts-Inszenierung unterwerfen: Wir müssen uns für eine Zeit lang einsperren und uns festen Tisch- oder Höflichkeits-Ritualen verpflichten. Wir loben das Essen, sagen Gedichte auf, sprechen liebe Wünsche aus, singen gemeinsame Lieder und sollen - was häufig das Schwierigste ist - uns auf jeden Fall über die erhaltenen Geschenke freuen. Zudem müssen wir zugunsten der Harmonie auf viele unserer menschlich-allzumenschlichen Regungen und Leidenschaften verzichten. Wir fühlen uns daher mitunter wie in einem Käfig und werden im Dienste des schönen Scheins verbacken und verbraten.

Die blöden Anderen einfach wegwünschen

Gerade diese zwanghaften und festlegenden Züge der Weihnachtsverfassung führen immer wieder zu plötzlichen Ausbruchsversuchen, die sich in eruptiv entladenden Weihnachtskrächen, in depressiven Verstimmungen oder in gackernden Albernheiten artikulieren können. Unter dem Druck der Weihnachts-Inszenierung machen wir daher häufig einen erstaunlichen Selbsterfahrungsprozess durch, der in der hektischen Besinnungslosigkeit unseres parzellierten Alltags gar nicht möglich wäre.

Wir spüren auf einmal, dass wir getrieben werden von gemischten Gefühlen und inneren Widersprüchen: Einerseits wollen wir die totale Harmonie. Alles - die Eltern, Freunde oder Geschwister - sollen in das Fest einbezogen, liebevoll umsorgt und umgarnt werden. Wir sind an diesen Tagen bereit, uns bescheiden für die Familie aufzuopfern. Andererseits wollen wir aber auch selber wie ein kleines Christuskind im Mittelpunkt stehen und werden plötzlich neidisch auf die tollen Geschenke der anderen oder auf ihre beruflichen Erfolge, die sie stolz beim Tisch ausbreiten. Dann spürt man plötzlich den Wunsch, die blöden Anderen einfach wegzuwünschen und alleine seine Ruhe und seinen Frieden zu haben.

Aus dieser Perspektive betrachtet, ist die sonstige Zerstückelung unseres Alltags ein verzweifelter Versuch, diese Widersprüche zu entflechten und sie in klar getrennte Bahnen zu lenken. Wir tun so, als könnten wir unser Lebens sauber aufspalten: zum einen in Alltags-Phasen, in denen wir unter Dampf stehen und explodieren können; Phasen also, in denen wir uns mit Gier, mit Neid und Missgunst herumschlagen; in denen wir konkurrieren, andere in die Pfanne hauen und rücksichtslos unseren Eigensinn durchbringen. Zum anderen in friedvoll-festliche Phasen, in denen eine pure Harmonie herrscht und ein ungetrübter Gemeinsinn waltet; Phasen also, in denen wir so mit uns und der Welt im Reinen sind, wie wir uns das in unseren Wellness-Oasen und Weihnachts-Idealisierungen erträumen.

Die kastrierten und die gefallenen Engel

Diese Aufspaltung ihrer Lebenswirklichkeit haben übrigens auch die (Weihnachts-)Engel erlitten. Sie waren ursprünglich macht- und kraftvolle Gestalten, die neben den einbindenden und schützenden Seiten auch kriegerische und zerstörerische Züge hatten: Sie waren die himmlischen Heerscharen und die Armee Gottes, die durch ihre bloße Erscheinung Ehrfurcht und Schrecken auslösen konnten. Danach wurde diese Zweieinheit des Engels aufgeteilt: einerseits in die kastrierten Engel, die wir heute als niedliche und rundliche kleine Putten auf den Christbaum montieren und die sanft 'Friede, Friede, Friede' säuseln, andererseits in die gefallenen Engel, die so genannten Teufel, die für Verrat, Verführung, Täuschung und Zerstörung verantwortlich gemacht werden und denen wir ebenso hartnäckig wie vergeblich über Weihnachten Stubenverbot erteilen.