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Erstes Semifinale des ESC: Buh für Russland, Wow für Ralph Siegel

Begleitet von Buhrufen ist Russland ins Finale des ESC eingezogen. Beim ersten Semifinale setzten sich erwartungsgemäß auch Schweden und Armenien durch. Überraschungssieger ist Ralph Siegel.

Von Jens Maier, Kopenhagen

Ernteten lautstarke Buhrufe und zogen dennoch ins Finale ein: Die Tolmatschowa-Zwillinge am Dienstagabend beim Halbfinale des Eurovision Song Contests in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen

Ernteten lautstarke Buhrufe und zogen dennoch ins Finale ein: Die Tolmatschowa-Zwillinge am Dienstagabend beim Halbfinale des Eurovision Song Contests in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen

Um es mit der Portugiesin Suzy zu sagen: "Wa-wa-we-wa-wa" - war das ein ESC-Abend. Ein Hamsterrad auf der Bühne, fliegende Trickhaare, eine Trapezkünstlerin und jede Menge Windmaschinen und Pyrotechnik. Das erste Semifinale des Eurovision Song Contest in Kopenhagen bot alles, was die Herzen von Grand-Prix-Fans höher schlagen lässt. Gleich zu Beginn stimmte Vorjahressiegerin Emmelie de Forest das Publikum auf eine große Party ein. Doch die sonst eher unterkühlten dänischen Gastgeber waren nicht nur in Feierlaune, sondern auch auf Krawall gebürstet.

Buhrufe für russische Kandidaten

Mit lautstarken Pfiffen und Buhrufen quittierten die 10.000 Zuschauer am Dienstagabend in der ausverkauften ESC-Arena von Kopenhagen den Finaleinzug Russlands. Das lag vermutlich nicht so sehr an der Darbietung der Tolmatschowa-Zwillinge und ihrem Allerweltssöngchen "Shine", sondern an der politischen Situation. Die Dänen verschafften ihrem Unmut über Putin Luft. So unpolitisch, wie die Veranstalter es gerne hätten, ist dieser Musikwettbewerb eben doch nicht. Die Punktevergabe beim Finale am Samstagabend verspricht die politischste aller Zeiten zu werden. Wer wird Russland Punkte geben und wer nicht? Spannend.

Wer siegen will, muss an Schweden vorbei

Für zusätzliche Brisanz sorgt der Finaleinzug der Ukraine. Sängerin Maria Yaremchuk stand mit einem überdimensionalen Hamsterrad auf der Bühne, durch das ein offensichtlich schwindelfreier Tänzer wirbelte. Eine einfache Idee mit großer Wirkung. Die 21-Jährige gehört mit ihrem "Tick Tock" nun zum engeren Favoritenkreis. Wie bereits Sanna Nielsen. Die schwedische Teilnehmerin lieferte unter begeisterten "Sanna"-Rufen einen beeindruckenden Auftritt ab. Im Lichtkegel von 18 Scheinwerfern sang sie die Ballade "Undo". Dazu blinkten in der Halle mehrere Tausend Handyblitzlichter - schöner kann es auf einem Helene-Fischer-Konzert nicht sein. Die Fans sind sich sicher: Wer siegen will, muss an Schweden vorbei.

Armenien mit Dubstep-Nummer

Das glaubt allerdings auch Armenien von sich. Aram Sargisyan - oder kurz Aram MP3 - will den Contest zum ersten Mal nach Jerewan holen. Im Gegensatz zu anderen siegeswilligen Nationen aus dem Kaukasus hat er sich dafür keine musikalische Hilfe aus dem Ausland geholt, sondern seinen Song selbst geschrieben. "Not Alone" fängt als klassische Ballade an und endet mit einer dicken Überraschung. In der zweiten Minute wird sie zur Dubstep-Nummer mit mächtig Wumms. Allerdings ist Aram auf der Bühne nicht gerade Prinz Charming. Zum Lächeln geht er offenbar in die Katakomben der Arena.

Ralph Siegels größter Erfolg seit 1999

Allen Grund zum Lachen hat seit Dienstagabend um 22.58 Uhr Ralph Siegel. Da stand Mister Grand Prix als Finalteilnehmer fest. Der Meister höchstpersönlich begleitete Sängerin Valentina Monetta aus San Marino auf dem Klavier. Das hat ihr offenbar Glück gebracht. Im dritten Anlauf schaffte sie mit "Maybe" überraschend den Finaleinzug. Nach den Proben galt die Schlagerballade als chancenlos. Doch offenbar schwelgen Europas Fernsehzuschauer gerne mal in der guten alten Zeit. Für Siegel ist das der größte ESC-Erfolg seit dem dritten Platz für Sürpriz 1999. Chapeau.

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Wa-wa-wer hätte das gedacht

Zu den weiteren Siegern des Abends gehören der Ungar András Kállay-Saunders mit "Running" und die Aserbaidschanerin Dilara Kazimova. Wie erwartet zogen sie ins Finale ein, wo - sehr zur Freude vieler ESC-Fans - auch Holland ein Wiedersehen feiert. Die Niederländer scheinen sich nach ihrem neunten Platz in Malmö 2013 in der Rolle der Liedermacher zu gefallen. Mit dem Countrysong "Calm After the Storm" lieferte das Duo The Common Linnets Qualität statt Bum-Bum. Oder anders gesagt: langweilig, aber gut.

Das krasse Gegenstück dazu war das "Wa-wa-we-wa-wa" von Portugiesin Susana Guerra, kurz Suzy genannt. Die setzte mit viel nackter Haut auf die Gute-Laune-Nummer "Quero ser tua" ("Ich will die Deine sein"), die an den Sommerhit von 1989 "Lambada" erinnerte. Doch damit hat sie ausgetanzt. Suzy gehört ebenso zu den Verlieren wie Lettland, Estland, Albanien, Belgien und Moldawien. Im Finale sind damit die Ex-Punker von Pollapönk für die gute Laune zuständig. Die bärtigen Kindergärtner treten in Regenbogenfahnen auf und singen "No Prejudice" - keine Vorurteile. Ein Song mit Botschaft. Wa-wa-wer hätte das gedacht.