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Jagoda Marinić Seiten ändern sich: Wieso die Liebe zum Lesen in Deutschland in Gefahr ist

Die Deutschen lieben Bücher und das Lesen. Hoffentlich sieht das die kommende Generation auch so.
Die Deutschen lieben Bücher und das Lesen. Hoffentlich sieht das die kommende Generation auch so.
© getty images
Deutschland liebt Bücher, auch wenn es mit seinen Buchmenschen manchmal etwas seltsam umgeht. Doch diese Liebe ist in Gefahr.

Bücher lieben klingt banal. Doch was heißt schon noch: Bücher? Heute passt fast alles zwischen zwei Deckel, spätestens seit Jan Böhmermann seine gesammelten Tweets als Buch veröffentlicht hat. Verlage suchen auf Twitter ihre Stars von morgen, und so drucken sie viele Bücher, für die auch ein Tweet gereicht hätte. Stattdessen liest man auf hundert Seiten die gedehnte Argumentation eines einzigen Gedankens.

Trotzdem liebe ich Bücher. Ich liebe die Bücherwelt und den korrupten Irrsinn einer Welt, die oft vom schönen Geist in ihren Büchern nichts zu wissen scheint. Es ist eine harte Branche, weil das Produkt im Zweifelsfall etwas Seele enthält. Seit Jahren sehe ich zu, wie eine Branche bröckelt, nicht so schnell und radikal wie die Musikindustrie, doch nur weniges ist noch wie früher, als mein erster Verleger, der damalige Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld, mir meinen ersten Erzählungsband persönlich nach Heidelberg brachte, mit einer kleinen Karte dazu. Das Buch, so wie jedes spätere auch, war von so ungeheurer Wichtigkeit, dass ich mich heute frage, wie ich mich traute, es öffentlich zu machen.

Die Bücherwelt während der Pandemie

Diese Hochheiligkeit, die ist meist nicht mehr. In Teilen ist das gut. Doch wie soll das Lesen überleben, wenn es nicht überhöht wird, wenn Verlage sich stattdessen optimieren wie Sportmarken und doch Schwierigkeiten haben, mit der Zeit zu gehen? Als der erste Lockdown kam, hatte ich Angst um die Autoren, die nicht zu ihren Lesern können, Angst um die vielen kleinen Buchläden mit den leidenschaftlichen Buchmenschen, die das Knochenmark der Lesewelt sind. Die Buchmesse wirkte in den Pandemiejahren gespenstisch leer: kaum Bücher, kaum Menschen. Ich gebe zu, ich habe angesichts des Suchtpotenzials des Internets oft Angst um das Buch. Angst um die Fähigkeit, mich noch auf Bücher einzulassen.

Dieses Jahr fand die Frankfurter Buchmesse endlich wieder so statt, wie man sie kennt. Es war wie ein großes Klassentreffen der Buchbranche. Man trifft internationale Stars, wie die Autorin Leïla Slimani, die mir sagte: "Es ist wunderbar, in Deutschland auf Lesereise zu sein, die Deutschen lesen einfach gern." Das erinnerte mich an eine deutsch-kroatische Autorennacht in einem Weinkeller, die vier Stunden dauerte und an deren Ende die kroatischen Gastautoren sagten: "Unglaublich, das deutsche Publikum, bei uns würde kaum jemand so lange dasitzen."

In Deutschland ist das Lesen anders

Deutschland hat ein kulturelles Leben rund um das Buch geschaffen, über das andere oft staunen. Deutsche Kulturmanager lästern zwar gern über die "klassische Wasserglaslesung", weil sie da selbst nicht glänzen können, und schicken Autoren lieber für Projekte in Bussen durch die Stadt. Der Autor Tilman Rammstedt beschrieb kürzlich, wie schrecklich das war und dass letztlich nur Dosenbier half, weil kaum jemand kam. Zur klassischen Wasserglaslesung kommen viele immer noch gern, weil in der Stille des Raums etwas im eigenen Kopf geschieht, das reicht. Kaum ein Gespräch ist so irritierend schön, wie mit Fremden gut über ein Buch zu reden.

Ein Umfeld mit Büchern weckt die Liebe zum Buch

Es heißt oft, die Liebe zu Büchern entstehe, wenn im Elternhause gelesen werde. Wir hatten keine Bücher zu Hause. Meine Liebe entwickelte sich, weil es Büchereien gab, weil meine Lehrer Bücher liebten und weil das Buch in diesem Land einen Platz hatte, an dem es leuchten konnte. Die Beziehung vom Schreibenden zum Lesenden ist eines der großen Rätsel zwischenmenschlicher Nähe, ganz egal, ob der Autor noch lebt oder nicht.

Gerade las ich: Schulkinder können immer schlechter lesen. Wir werden doch wohl nicht so irre sein, Kindern die Liebe zum Lesen zu nehmen.

les

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