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Jagoda Marinić Soziale Netzwerke: von Gruppenzwang und Scheinwelten

Allzu leicht verfängt man sich in den sozialen Netzwerken
Allzu leicht verfängt man sich in den sozialen Netzwerken
© getty images
Mark Zuckerberg wollte Instagram und Facebook in Europa schließen, entschied sich dann aber dagegen. Hätte er es nur durchgezogen!

Ging der Mensch früher in Großstädte, um sich neu zu erfinden, geht er heute ins Netz. Dabei taugt nicht jede Plattform zum großen Glück.

Facebook etwa hab ich nie betreten, zu viele rechte Trolle. Twitter hingegen liebte ich von Anfang an. Als ich 2009 mein Konto eröffnete, zwitscherte Gründer Jack Dorsey noch mit jedem persönlich, so klein war die Zwitscherwelt. Dorsey fragte auf seinen Reisen nach guten Cafés, bis Twitter durch den Arabischen Frühling zu einem Medium wurde, das von CNN zitiert wurde.

Von einem Netzwerk verbannt, wird das Eigene gegründet

Präsident Trump kam, sah – und ruinierte Twitter. Mit ihm zog der Kulturkampf ein. Trump ist zwar wieder weg (gerade lancierte er seine eigene App, "Truth Social“), aber Twitter ist eine Kampfzone geblieben. Jeder wird algorithmisch Lagern zugeordnet, und wenn man doch differenziert, bekommt man es eben von beiden Seiten ab.

Mit Beginn der Pandemie floh ich vor der Laien-Expertokratie auf Twitter immer häufiger Richtung Instagram. Da sind die Leute netter, die Bilder schöner, und niemand entfacht einen Shitstorm für 15 Minuten Ruhm.

Zu schön um wahr zu sein

Trotzdem jubelte ich innerlich, als im Februar die Meldung zu lesen war, dass Mark Zuckerberg vielleicht Instagram und Facebook in Europa schließen wolle. Halleluja, dachte ich, wie schön wäre es, wenn all das Gedöns der anderen wieder aus meinem Handy verschwinden würde. Sie werden nun womöglich einwenden, dass mich niemand zwingt, dort mitzumachen. Da kann ich nur entgegnen: Jein! Denn auch ich habe ein Grundrecht auf Gruppenzwang.

Das Leben mit diesen Diensten ist inzwischen in etwa so freiwillig wie die Teilnahme an einer Whatsapp-Gruppe für Eltern von Schulkindern: Alle wissen, dass es nervt, niemand wagt es, fernzubleiben.

Die gefähriche Ersatzdroge vom selben  Dealer

Ein offizielles Ende der Plattform hieße wieder: Ruhe. Schluss mit dem Gruppenzwang. Mit Instagram schlich sich in mir eine Sucht nach dem Leben der anderen ein. Ständig schaue ich, was die Leute so tun. Wie, der reist trotz Corona? Ah, die hält wieder eine Rede! Wie krass, Julia geht nach der Arbeit noch ins Fitnessstudio. Und Zeynep war boostern, alles live abgefilmt im Dienst der guten Sache. Wenn den Erwachsenen nichts mehr einfällt, müssen die Kinder herhalten. Das analoge Leben wird digital auf Sendung gebracht. Alle führen ein geiles Leben, scheint es. Manchmal sehe ich Moralpredigten, wenn ein neuer Skandal durchs digitale Dorf gejagt wird. Dabei spielt es keine Rolle, ob Leute 400 Follower haben oder vier Millionen. Alle sind gleich wichtig, man ist schließlich Sender.

Jagoda Marinić
© Gaby Gerster

Jagoda Marinić

Die Schriftstellerin und Politologin Jagoda Marinić („Made in Germany. Was ist deutsch in Deutschland?“, „Sheroes. Neue Held*innen braucht das Land“) schreibt alle zwei Wochen – im Wechsel mit Micky Beisenherz – im stern.

Im Vergleich der Plattformen soll Instagram seine Nutzer am unglücklichsten machen. 63 Prozent gaben im Jahr 2018 bei einer Studie an, sich bei und nach der Nutzung miserabel zu fühlen. Schöne Bilder, hässliche Emotionen. Menschen quälen sich gern selbst. Postet jemand einen leckeren Salat, denken wir zuerst: "Wie lecker!“ Wenig später das Gefühl: "Warum esse ich nicht so gut?"

Doch nur Schein?

Die Schauspielerin Kate Winslet wollte dieses Spiel mit der Illusion von Schönheit beenden und schminkte sich vor laufender Kamera ab. Viele feierten ihren Mut. Das Dumme an der Story: Selbst abgeschminkt sieht Kate Winslet noch fantastischer aus als die meisten, und wenig später merkt man: Winslet hat sich für einen Werbespot einer Kosmetikfirma abgeschminkt. Es war schlicht Feminismus zu Konsumzwecken, und viele Feministinnen teilen den Spot fleißig. Es lebe das Marketing.

Schließlich las ich, dass Mark Zuckerberg seine Drohung leider doch nicht wahr werden lassen möchte. Wir sollten also lernen, unser eigenes Spiel besser zu spielen.

Und vielleicht seltener.


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