Kinderbetreuung Wo der Osten weit vorne liegt

Kitaplätze sind ein heikles Thema für westdeutsche Kommunen. Neue Zahlen zeigen: Ost schlägt West in der Betreuung um Längen. In Niedersachsen ist ein Kitaplatz geradezu exotisch.
Von Dirk Benninghoff

Dass Ostdeutschland bei der Betreuung von Kleinkindern weit vor dem Westen liegt, ist keine Überraschung. Wie groß der Abstand aber ist, das erstaunt. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden (Stichtag 1. März 2009) wurden in fast jedem dritten Landkreis im Osten mindestens 50 Prozent der Kleinkinder in Krippen betreut - im Westen lag die Quote überwiegend zwischen 5 und 15 Prozent. Auf besonders schlechte Werte kamen die Landkreise in Niedersachsen. Da passt es, dass im dortigen Landtag am Dienstagnachmittag über eine bessere Kinderbetreuung debattiert wurde.

Ab 2013 soll es einen bundesweit geltenden Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung geben, wie er jetzt in einzelnen Bundesländern schon existiert. Dafür soll das Angebot auch im Westen auf 35 Prozent der Kinder bis zu drei Jahren ausgebaut werden. Derzeit liegt die Quote laut Bundesamt bei 22 Prozent. Im internationalen Vergleich ist das aber nur durchschnittlich. So kommen die Dänen auf 70 Prozent, wie eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt. Spitze sei Deutschland bereits heute bei der finanziellen Unterstützung der Eltern durch den Staat, nachbessern müsse die Bundesrepublik aber bei der Betreuungs-Infrastruktur, fordern die Wirtschaftsforscher.

Doch dabei hapert es. Der Deutsche Städtetag hält selbst die 35-Prozent-Quote für zu niedrig angesetzt. Er rechnet damit, dass mehr Eltern ihre Kinder in Tagesstätten schicken wollen. Wegen der akuten Finanznot der oft hoch verschuldeten Kommunen bezweifelt der Städtetag genauso wie der Deutsche Städte- und Gemeindebund, dass der Rechtsanspruch überhaupt bis zu diesem Zeitpunkt verwirklicht werden kann.

Vorbildliches Sachsen-Anhalt

Dass die Quote in den neuen Bundesländern im Gegensatz zum Westen schon heute sehr viel höher liegt, hängt noch mit dem umfassenden System der Kinderbetreuung in der DDR zusammen. Die höchsten Betreuungsquoten gab es laut Statistischem Bundesamt in drei Landkreisen in Sachsen-Anhalt: Der Kreis Jerichower Land hatte mit 61,8 Prozent zum genannten Stichtag die bundesweit höchste Betreuungsquote, gefolgt vom Salzlandkreis (59,6 Prozent) und dem Landkreis Börde (57,7 Prozent).

Sachsen-Anhalt ist das einzige Bundesland, in dem alle Landkreise und kreisfreien Städte eine Betreuungsquote von mindestens 50 Prozent aufwiesen. In dem Bundesland besteht bereits ein Rechtsanspruch auf Tagesbetreuung - und zwar von Geburt an. Die niedrigsten Betreuungsquoten für Kinder unter drei Jahren haben die niedersächsischen Landkreise Aurich (5,8 Prozent), Cloppenburg (5,3 Prozent) und Leer (3,6 Prozent).

Heidelberg führt in Westdeutschland

Im Osten Deutschlands liegen die niedrigsten Betreuungsquoten für Kinder dieser Altersstufe bei 32,1 Prozent im sächsischen Erzgebirgskreis und im thüringischen Landkreis Eichsfeld mit 31,6 Prozent. Diese beiden Kreise sind die einzigen in den neuen Bundesländern, die schlechter abschneiden als der Spitzenreiter in Westdeutschland: die Stadt Heidelberg mit 35,8 Prozent.

Auch in einer Reihe weiterer westdeutscher Großstädte sind in den vergangenen Jahren so viele Krippen- und Kita-Plätze neu entstanden, dass sie für deutlich mehr als 20 Prozent der Kinder unter drei Jahren ausreichen. Um den Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung bis 2013 zu verwirklichen, sind aber noch gewaltige Anstrengungen nötig, wie der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetags, Stephan Articus, kürzlich erläuterte. Und die könnten die Städte aufgrund der Finanzmisere nicht ohne weitere Hilfen von Bund und Ländern bewältigen. Um etwa eine Betreuungsquote wie in den östlichen Bundesländern zu erreichen, seien im Westen rund 510.000 zusätzliche Krippen- oder Kita-Plätze erforderlich.

mit APN

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