Missbrauch an Jesuiten-Kollegs Immer mehr Opfer brechen ihr Schweigen


Der Skandal um sexuellen Missbrauch am Berliner Canisius-Kolleg und anderen Jesuitenschulen nimmt immer größere Ausmaße an. Über 100 Betroffene haben sich inzwischen gemeldet. Einigen reichen Entschuldigungen nicht aus. Sie fordern eine finanzielle Entschädigung.

Im Missbrauchsskandal an Jesuiten-Kollegs und anderen katholischen Schulen in Deutschland schnellt die Zahl der Opfer in die Höhe. Am Canisius-Kolleg und bei der vom Jesuiten-Orden mit der Untersuchung der Vorwürfe beauftragten Berliner Rechtsanwältin Ursula Raue haben sich inzwischen über 100 ehemalige Schüler gemeldet. Die Berliner Rechtsanwältin Manuela Groll spricht von 20 Opfern, die Kontakt zu ihr aufgenommen hätten.

Nicht alle Betroffenen hätten das Canisius-Kolleg in Berlin besucht, sagte Juristin Raue. Die meisten früheren Schüler kämen jedoch von den drei Jesuiten-Kollegs - neben Berlin das Kolleg St. Blasien im Schwarzwald und das Bonner Aloisiuskolleg. Raue möchte noch in dieser Woche einen Zwischenbericht zu dem Missbrauchsskandal vorlegen.

Anwältin Groll hat bereits mit konkreten Forderungen zu tun. "Acht oder neun Opfer möchten eine finanzielle Entschädigung", sagte sie. Diese Betroffenen sagten ganz klar: "Eine Entschuldigung reicht uns nicht. Wir hätten gern eine andere Geste, die wirklich zeigt, dass bereut wird", schilderte die Anwältin. Mit dieser zivilrechtlichen Aufforderung werde sie sich demnächst an den Jesuiten-Orden wenden, sagte Groll. Denkbar wäre, dass der Orden "als Zeichen der Wiedergutmachung" einen Fonds zur Entschädigung einrichten könnte.

Rektor des Canisius-Kollegs vermutete bereits mehr Opfer

Vor den Äußerungen der beiden Anwältinnen hatte bereits der Rektor des Berliner Jesuiten-Gymnasiums, Pater Klaus Mertes, der "Berliner Zeitung" gesagt, er könne sich vorstellen, dass die Opferzahl inzwischen dreistellig sei.

Der Jesuiten-Orden in Deutschland wartet vor der Einleitung weiterer Schritte auf den Zwischenbericht der Anwältin Raue, sagte der Sprecher des in München ansässigen Jesuiten-Ordens, Thomas Busch. Für die Ausweitung des Missbrauchsskandals an dem Berliner Gymnasium lägen dem Orden keine eigenen Hinweise vor. "Sinnvollerweise melden sich die Opfer nicht beim Orden, sondern bei der Frau Raue oder der Staatsanwaltschaft", sagte Busch.

Zum Punkt möglicher finanzieller Entschädigungen der Betroffenen sagte der Sprecher, der Orden warte ab, was die ehemaligen Schüler dazu zu sagen hätten. "Für uns ist entscheidend, welche Erwartungen die Opfer an uns formulieren. Wir wollen nicht vorgeben, was wir für richtig für die Opfer hielten", sagte Busch. Vielleicht legten die Betroffenen auf Anderes Wert wie auf Worte der Entschuldigung oder darauf, die Täter mit dem Missbrauch zu konfrontieren.

Missbrauchsfälle in ganz Deutschland

Erste Missbrauchsfälle aus den 70er- und 80er-Jahren waren am 28. Januar in Berlin öffentlich geworden. Dann wurden weitere Taten von drei beschuldigten Jesuiten-Patern in Hamburg, Hildesheim, Göttingen, Hannover, im Schwarzwald und in Bonn bekannt. Die bisherige Zahl der Opfer lag bei mehr als 30.

Auch im Bistum Hildesheim kamen unterdessen neue Missbrauchsfälle ans Licht, die teilweise mehr als 50 Jahre zurückliegen. Ein Fall wurde auch aus der evangelischen Kirche bekannt. Die Kirchengemeinde Geesthacht in Schleswig-Holstein suspendierte ihren Kantor wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs eines 14-jährigen Mädchens vom Dienst.

DPA/AFP DPA

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