Sexuelle Gewalt gegen Kinder Missbrauchsbeauftragte: "Durch den Fall Wermelskirchen wird nur sichtbarer, was seit Jahrzehnten Realität ist"

Kerstin Claus
Kerstin Claus ist seit April 2022 Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung für Betroffene sexualisierter Gewalt. Im stern Interview spricht sie über Kindesmissbrauch, wie er zuletzt in Wermelskirchen öffentlich wurde
© Reiner Zensen/Imago
Seit April setzt sich Kerstin Claus als Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung für Betroffene sexualisierter Gewalt ein. Hier erklärt sie, warum uns die Ausmaße der Verbrechen immer noch überraschen. Und warum es endlich selbstverständlich sein müsse, über Missbrauchserfahrungen zu sprechen.

Frau Claus, wenn Missbrauchskomplexe wie zuletzt in Wermelskirchen öffentlich werden, heißt es oft: Die Taten hätten eine "neue Dimension" erreicht. Wann haben wir das Ausmaß von Kindesmissbrauch in Deutschland erfasst?
Ich weigere mich, diese Lesart der "neuen Dimension" anzuerkennen. Betroffene haben sehr lange und vielfältig Taten dieser Art beschrieben und hatten immer das Problem, dass ihnen nicht geglaubt wurde, weil sie sie nicht nachweisen konnten. Die digitale Kommunikation, Fotos, Videos werfen nun wie ein Scheinwerfer ein Licht auf solche Taten. Aus meiner Sicht gibt es keine "neue Dimension". Es wird nur viel sichtbarer, was in Deutschland strukturell verankert und seit Jahrzehnten Realität ist.


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