Oh, süße Nostalgie! Nie wieder wird Ostereierfärben so sein wie früher: Die klebrigen Finger. Der sonderbar angenehme Geruch, wenn sich die Ostereierfarbe langsam auf dem noch heißen, gekochten Hühnerei auflöste. Ich war jung. Ein Kind. Und die beste Art, Eier zu färben, war für meine Schwester und mich eine, die es heute nicht mehr gibt.
Exkurs: Wie wurden Eier früher bunt, wenn der Osterhase mal freihatte?
- Mit Tabletten, die in Essigwasser aufgelöst wurden.
- Mit Farbstiften oder Wasserfarben.
- Bei ausgeblasenen Eiern – immer eine Riesensauerei – mit Farben, die unsere Eltern „Plaka-Farben“ nannten.
- Mit Großmutters Zwiebelschalensud.
- Mit Glibberstäbchen.
Und genau die sind verschwunden. Für jeden Menschen mit Sinn für Brauchtum und Tradition eine mittlere Katastrophe. Glibberstäbchen waren das Gegenteil von Öko-Zwiebelschalen. Glibberstäbchen waren durch und durch Chemie. Offiziell hießen sie wohl schlicht „Färbestäbchen für Ostereier“: vier schmale Dinger aus einem glibberigen Material, wie zu fest geratener Wackelpudding. Rot, gelb, blau, grün. Eingeschweißt in eine Art Blisterverpackung, die sich ohne Schere kaum öffnen ließ.
Ostereier werden nie wieder so schön wie früher
Man nahm diese Färbestäbchen wie Stifte in die Hand und betupfte die noch heißen, gekochten Eier. Die Farbe schmolz, ein einzigartiger Duft entstand, und passte man nicht auf, zerlief die Farbe auf der heißen Oberfläche sofort, tropfte, matschte, suppte und gelangte an Stellen, wo man sie eigentlich nicht haben wollte. Wir Kinder patschten dann so lange mit farbverschmierten, klebrigen Fingern auf dem Ei rum, bis eine interessante Marmorierung entstand. Besonders eindrucksvoll waren die Varianten blau-rot und gelb-grün.
Alles vorbei. Die Stäbchen sind verschwunden. Im Supermarkt – nichts. In der Drogerie – nichts. Im Internet – nichts. Nichts bei Amazon, nichts auf Ebay, nichts auf obskuren Secondhand-Seiten. Was nicht nur Journalisten misstrauisch machen muss. Was war falsch mit den Glibberdingern? Bestanden sie schon damals aus hochangereichertem iranischem Uran? War da Dioxin drin? Oder Gelantine aus Hunden, Katzen und Osterhasen?
Bestimmt lag es an den Zusatzstoffen. Telefonische Nachfrage beim – ja, das gibt es wirklich – Deutschen Zusatzstoffmuseum in Hamburg. Antwort: „Der Chef ist im Urlaub.“
Der Museumschef meldet sich dann doch noch aus dem Urlaub – per Email. Er könne leider auch nicht weiterhelfen, wisse aber, dass bei gefärbten Eiern zeitweilig die Diskussion bestanden habe, ob das Lebensmittelrecht überhaupt greife, da ja nur die Schale des Eis gefärbt werde. „Heute sind nur noch Lebensmittelfarbstoffe mit E-Nummer oder zum Teil sogenannte färbende Lebensmittel (Extrakte bzw. Konzentrate) zur Verwendung zugelassen.“
Man lernt nie aus.
Die offizielle Lösung des Rätsels ist bitter
Hilft mir das weiter? Nein. Die rettende Idee ist die eigentlich naheliegendste: Offizielle schriftliche Anfrage bei Firma Brauns-Heitmann, Chemieunternehmen aus Warburg, unter anderem Spezialist für Eierfarben. Die Basis-Produkte des Unternehmens heißen „Eierfärbe-Blättchen“, „Knalligbunte Farben“, „Goldglanz“, „Brillant-Ei“, „Expressfärberei“, „Pastell Zauber“, „Farben Froh“, „Kaltfarben“, „Iris Eierfarben“ und „Silberglanz“. Aber wo sind bitte die Färbestäbchen? Die Antwort der Firmenzentrale gibt letzte Gewissheit. Sie schmerzt:
„Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir uns aufgrund der sich drastisch reduzierenden Verkaufszahlen und des komplexen Produktionsverfahrens dazu entschlossen haben, die Färbestäbchen aus unserem Programm zu nehmen.“
Ende. Aus. Nie wieder Kindheit. Ich hätte auch eine Jahresproduktion aufgekauft. Für den Schwarzmarkt. So ganz überzeugt mich die Nachricht des Herstellers nicht. Vielleicht war da ja doch was mit Uran.